Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

Dota Kehr erhält den renommierten Fred Jay Preis – Die Laudatio von Sebastian Krämer

 

Dota05_c_Sandra_Ludewig

Im April 2014 hat Dota Kehr den hoch dotierten Fred-Jay-Preis  von der GEMA bekommen, der alljährlich an deutsche Textdichter vergeben wird. Das Ein Achtel Lorbeerblatt gratuliert herzlich und freut sich sehr, die Laudatio von Sebastian Krämer nach seiner freundlichen Zusendung im Originaltext hier veröffentlichen zu dürfen:

Rede zur Verleihung des Fred-Jay-Preises an Dota Kehr auf dem Mitgliederfest der GEMA am 7.4.2014 im Kosmos, Berlin

Sehr geehrte Damen und Herren! Lieber Aufsichtsratsvorsitzende, lieber Herr Dr. Jacobson, liebe Dota!
Liebe ordentliche (und unordentliche?) Mitglieder der GEMA …

Eine außerordentliche Freude ist es mir, an dieser Stelle ein paar Worte sagen zu dürfen. Worte des Lobes, das ist ja immer schön.

Nun vergibt also die GEMA einen Preis an Dota Kehr, das ist zunächst mal ein Grund, die GEMA zu loben. Und die seltenen Gelegenheiten, die GEMA zu loben, sollte man ergreifen.

Das heißt, im Moment sind wir alle ganz gut auf die GEMA zu sprechen, denn es war gerade Ausschüttung. Das ist immer der Zeitpunkt im Jahr, wo ich zweimal auf den Kontoauszug schaue, weil da plötzlich eine Null mehr als erwartet in der Guthabenspalte zu lesen ist. Da denke ich mir immer: Was ist da denn schiefgegangen, welchem armen Teufel haben sie denn diese Kröten geklaut?

Und dann fahre ich zum nächsten Konzert und lese die Antwort im Gesicht des Veranstalters. Geht es Ihnen auch so: Man hat immer ein bißchen ein schlechtes Gewissen als Profiteur der GEMA, aber so lange es einen nicht am Schlafen hindert …

„Das schlechte Gewissen“ heißt es in einem Lied von Dota, „ist die Erbse, auf der die Prinzessinnen schlafen gehen“. Bei ihr selbst könnte es sich an Stelle der Erbse allerdings auch um eine Münze handeln, denn schließlich ist sie ja die „Kleingeldprinzessin“. Nicht, daß ich behaupten möchte, dieser Titel habe irgend etwas mit ihren GEMA-Einnahmen zu tun. Dota singt sehr viel über Deutschland, aber nicht speziell über die GEMA. Wenn sie zum Beispiel in „Fluch des Schlaraffenlands“ die kleine Raupe Nimmersatt als Wappentier vorschlägt …

Die GEMA hat wahrscheinlich gar keinen Einfluß auf Dotas Selbstverständnis, auf ihr Schaffen erst recht keinen. Einzige Ausnahme könnte ihr Lied „Die Drei“ sein, das ein hierzulande sehr bekanntes Kinderdetektivtrio zum Thema hat. Nun ja, und da erklingt dann auch eine Musikpassage, die die Erkennungsmelodie dieser Hörspielkassetten eben nicht buchstäblich zitiert, sondern ins Gedächtnis ruft, ohne daß tatsächlich ein einziger Ton aus der Melodie übernommen wird. Dieser Kunstgriff ist eindeutig der GEMA zu verdanken. Zu solchen Leistungen künstlerischer Mimikry kommt es immer dort, wo Zensur waltet und das Genie beflügelt. Aber kommen wir nochmal auf das schlechte Gewissen zurück. Ob Dota die GEMA braucht, möchte ich bezweifeln, aber vielleicht braucht die GEMA Dota, als Stimme des Gewissens, als femme fatale, als linke Zecke. Es steht ja deutlich genug in den Versen dieser Textdichterin: „Es geht nicht um ein Stück vom Kuchen, es geht um die ganze Bäckerei.“ Also Vorsicht, wem Sie da den kleinen Finger reichen, am Ende nimmt sie sich noch den ganzen Laden. Soll sie. Was Dota anpackt, ist in guten Händen.

Dota traue ich so ziemlich alles zu. Schon seit ich sie kenne, begleitet unsere Begegnungen ein fortwährendes: Wie schafft die das bloß? Und damit sind keineswegs nur ihre zahlreichen Konzerttourneen der letzten Monate und Jahre gemeint. Vor Sie hin wird gleich eine promovierte Ärztin und Mutter von zwei Knaben im Kleinkindalter treten. Aber genau so, wie Sie davon bei ihrem Auftritt nichts merken werden, so gab es auch in all den letzten Jahren, wo auch immer ich Dota antraf, hauptsächlich eines zu begrüßen: Lieder. Dann wandert auf einmal eine Gitarre von ihrem Rücken auf ihren Schoß, und zwischen Tür und Angel, auf dem Treppenabsatz oder in einer Garderobe, erklingt ein neues Stück. Und im Gepäck hat sie fast immer auch schon ein neues Album, nach allen Regeln der Kunst durcharrangiert und perfekt aufgenommen. Die jeden Rahmen sprengende Produktivität dieser Frau ist nur eines der Rätsel, die Dota uns aufgibt …

Für mich steht sie in einer Reihe mit anderen heroischen Frauengestalten der Weltgeschichte wie Jeanne d’arc, Pocahontas oder Pippi Langstrumpf. Lassen wir Äußerlichkeiten mal bei Seite, verbindet Dota mit Pippi gar nicht wenig: Mut, Führungskraft, Neugierde, ein stets wacher, dialektischer Geist, ein tiefer, unerschütterlicher Humanismus und ein großes Herz für jeden Blödsinn.

Wir haben es hier mit einer Dichterin zu tun, meine sehr verehrten Damen und Herren, die, geprägt vom Bossa Nova Sao Paulos einerseits, von der Sago-Schule eines Christof Stählin andererseits, die Zerrissenheit und Ratlosigkeit ihrer Generation mit dem Schmelz der Poesie überzieht.

Und mit dem Schmelz ihrer sanften Stimme. Überall, wo Sänger gelobt werden, fallen die Vokabeln Authentizität und Natürlichkeit. Und dann hört man Dota und denkt: Ach so!, ich nehme das mit der Natürlichkeit und Authentizität im Bezug auf alle anderen zurück, hier singt jemand komplett unverbildet, unverdorben, unverbraucht, oder, um mit Reinhard Mey zu sprechen, noch „mit einer Stimme, die sich anhört, als ob da jemand singt“, ein erwachsenes Kind, kein koketter Erwachsener.
Dieser Unterschied zwischen der Wärme eines lebendigen Ausdrucks und dem bemühten Hauchen, wie es uns von Popsängern bekannt ist – das ist eben der Unterschied zwischen einer echten Prinzessin und einem Püppchen. Prinzessin ist man von Geburt, die Puppe wird produziert.

Ich wurde neulich gefragt, welche Stimme aus der Reihe der Musikikonen ich zu meiner Nummer eins erklären würde. Ich antwortete, mich interessieren die Stimmen eigentlich gar nicht so, es komme doch darauf an, was jemand singt. Ich habe also ein Plädoyer für die Würdigung des Textes gehalten, wo immer nur die Interpreten wahrgenommen werden. Und heute stehe ich hier, der Anlaß ist, das Textschaffen einer Liedermacherin zu würdigen, und zwar einer, die wirklich was zu sagen hat, in jeder Zeile mehr als manch anderer auf einem ganzen Album, und mir fällt auf einmal ein: Ja, da ist sie ja, die Stimme, nach der ich gefragt wurde. Wahrscheinlich wäre eben das eine nicht das ohne das andere.

Natürlichkeit läßt sich nicht inszenieren, von Textdichtern, Komponisten und Produzenten in den Hinterzimmern von Musikverlagen maßschneidern. Sie ergibt sich ganz direkt aus der Personalunion dessen, der etwas denkt, und dessen, der es dann singt. Und je nachdem, wie weit die gedanklichen, sprachlichen und musikalischen Möglichkeiten reichen, reicht auch die Freude beim Zuhören.

Muß ich Ihnen, was Dota betrifft, über diese Freude noch viel sagen? Wir werden sie ja gleich miteinander teilen. Nur soviel: sie übersteigt – ungelogen – alle Freude über Ausschüttungen, Bilanzen und Wertungspunkte.

Nun habe ich so viel von Natürlichkeit gesprochen, und es könnte der Eindruck entstehen, bei Dota handle es sich also um ein ganz einfaches Mädel, ein schlichtes Gemüt, das schlichte Gedanken heraussingt, ohne großes Raffinement, mit naivem Charme. Dabei ist Dota wahrscheinlich für die meisten Hörer eher zu kompliziert als zu einfach. Da ist nicht nur oft unglaublich viel Text auf engem Zeitraum, der Text ist zudem verschachtelt, chiffriert und beseelt von sanfter Ironie.

Allein über Dota Kehr, die Humoristin, ließe sich eine ganze Doktorarbeit schreiben. Ihre Ballade über eine gute Fee, die, damit beauftragt, den Weltfrieden herzuzaubern, selber Ansprüche stellt und zu äußerst unsanften Mitteln greift, bevor irgend etwas Gutes geschieht, räumt die Unbedarftheit volksnaher Blödelbarden und die Arroganz belehrender Kabarettisten gleichzeitig mit einem Wisch vom Tisch. Dota macht kein Kabarett. Dota ist politisch. Aber nicht plakativ, sondern – wie es in der Refrainzeile des erwähnten Liedes heißt: kompliziert.

Dem „alles Dur“ entwachsen, ist sie für mich eigentlich gar keine Prinzessin mehr, sondern längst die Königin des Subtilen. Ein Text, der sich zu schnell erschließt, langweilt sie, und es soll ja spannend bleiben. Spannend wie ein Krimi, wenn etwa in „Wo soll ich suchen“, der Blick auf verschiedenste geheimnisvolle Schauplätze fällt, aber die eigentliche Frage ist nicht „Wo soll ich suchen“, sondern, ohne daß sie ausgesprochen würde: Was oder wen überhaupt?

„Und dann verliert es sich“ heißt es wiederum in einem etwas älteren, aber nicht weniger zauberhaften Stück über „Licht“, das in ein Gewässer fällt. So ist es auch mit dem Licht der Vernunft, das versucht, in diese Lyrik zu leuchten. Hier glotzt uns noch ein Fisch an, dort steigen ein paar Bläschen auf, und dann verliert es sich.

Wie schön wäre es jetzt, sich darin zu verlieren, meine Damen und Herren, ganz einzutauchen in die hohe Kunst dieser Dichterin und Musikerin, doch leider wird es in dem gleich folgenden Konzert nur für ein paar Spritzer reichen.

Die Jury des Fred-Jay-Preises ist zu beglückwünschen, daß sie in diesem Jahr den Mut hat, eine Künstlerin zu erwählen, die meines Wissens noch keine Charts angeführt hat, nur Heerscharen verzückter Fans, die ihre Konzerte stürmen. In noch höhere Regionen kommerziellen Erfolges vorzudringen, das wünsche ich Dota eigentlich gar nicht. Es wäre ein egoistischer Wunsch. Denn der große Medien- und Massenerfolg gäbe mir und Ihnen, liebe Jury, dann später die Möglichkeit, zu behaupten: Wir haben es ja schon immer gewußt.

Für Dota hingegen ist um ihrer selbst und ihrer Kunst Willen eher das Gegenteil zu hoffen: Daß ihre Verse klug, versponnen, vielschichtig und ein wenig undurchdringlich bleiben. Ich bin guten Mutes, denn diese Tendenz hat sich in den letzten Jahren eher verstärkt als gemildert.

Liebe Dota, wie heißt es bei unserem gemeinsamen Freund und Sago-Kollegen Arno Rittgen in seinem Lied über einen kleinen Fußballplatz: „Gott beschütze den Verein vor permanenten Siegen,/ und vor dem Aufstieg in die hoch bezahlten Profiligen.“

Beschütze Du Dich selbst, das kannst Du nämlich ganz gut, vor jeglichem, was den hohen Stand Deiner Kunst korrumpieren könnte: Kleingeld-Adel verpflichtet.

 

Hören Sie auch ins Herbstgewitter – unsere Radiosendung rund um Liedermacher & Chansonniers. HIER entlang..

 

Lesen Sie auch die EAL-Rezension zum aktuellen Album „Wo soll ich suchen“: Hier 

Die aktuellen Auftrittsdaten von Dota Kehr (solo, im Duo mit Jan Rohrbach und mit Band) finden Sie hier in der Rubrik „Termine“   www.kleingeldprinzessin.de

Foto oben : (c) Sandra Ludewig

Ein Kommentar zu “Dota Kehr erhält den renommierten Fred Jay Preis – Die Laudatio von Sebastian Krämer

  1. Maka
    9. Mai 2014

    Eine brillante Laudatio auf eine brillante Künstlerin <3

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 9. Mai 2014 von in Uncategorized und getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , .
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