Ein Achtel Lorbeerblatt

Das Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunstmagazin

Rezension: Christian Grote – Der will nur spielen

14.0202_CD_Cover.indd

von Anne Drerup

„Der will nur spielen!“ – das kann und sollte er auch!

Warum Liedermacher- und Wortspielfans das Debüt-Album von Christian Grote nicht verpassen sollten

Eigentlich wäre er gerne als Vizsla oder Golden Retriever zur Welt gekommen, schreibt Liedermacher Christian Grote mit eindeutigen Comedian-Qualitäten in seiner kurzen Zuhöreransprache zu seinem ersten Album „Der will nur spielen!“, das sein eigenes Lebensmotto widerspiegelt. Sicherlich, zum störungsfreien Ausleben seines Spieltriebes wäre ihm das bestimmt entgegen gekommen – aber dann hätte er weder Musik noch Texte schreiben können, welche langjährige Freunde aus dem Liedermacherforum und bei den Liedertreffen – das frisch stattgefundene 2014 organisierte Christian Grote übrigens vortrefflich! – immer wieder überraschen und nicht selten Lachtränen in die Augen treiben. Ob mit einem Programm aus Heinz Erhardt- und eigenen Gedichten, sächsischen „Originalversionen“ großer Popsongs, der Parodie „Oper!“, in der die Sänger sich viel zu lange an einem Mord- und Sterbevorgang aufhalten, einem Chor-Überraschungsauftritt oder eben mit seinen eigenen Liedern – Christian Grote begeistert seine Zuhörerschaft, sodass keine Zeit für trübe Gedanken bleibt. Nun, nach 25 Jahren Schaffenszeit, ist aus den eigenen Liedern eine CD entstanden, die sich Liedermacher- und Wortspielfans nicht entgehen lassen sollten.

Dabei dient der Titelsong „Der will nur spielen!“ als schwungvolles Intro in ein Programm aus heiteren, schelmischen Liedern, humorvollen Liebesballaden, Plädoyers, das eigene Leben zu genießen, Stücken aus Kinderperspektive sowie Liedern mit dem Hintergrund, soziale Missstände aufzudecken und zu einem Umdenken zu bewegen. Wen der geballte Einsatz von Instrumenten – der cello- und gitarrenspielende Sänger bedankt sich ausdrücklich bei seinem Kollegen David Plüss für die Unterstützung bei der Aufnahme und durch weitere Instrumente, nämlich Piano, Akkordeon und Percussion – zunächst abschreckt, sei beruhigt, dass die meisten anderen Stücke in der typischen Liedermacherbegleitung daher kommen: wenig bis gar nicht elektronisch klingend, sondern als angenehme Untermalung der gelungenen Texte.

So zum Beispiel in dem Vorstellungslied „Oldenburg!“, das Christian Grotes Herkunft im Vergleich zu anderen Städten beleuchtet. In jeder kleinsten Strophenzeile wird der Wortwitz des Liedermachers deutlich („Aus Essen kommen auch Trinker. Und in Pforzheim gibt es nur… Wohlriechende!“). „Der Mönch fliegt aus dem Kloster, wenn er die Nonne küsst. Und das Brot fliegt aus dem Toaster, wenn es fertig ist!“, heißt es an anderer Stelle. Auf solche Ideen muss man erst mal kommen! Inzwischen hat es das Nordlicht nach Landshut (Bayern) verschlagen, wo man sich aber laut Grote genauso heimisch fühlen kann wie in dem Ort, aus dem man gebürtig stammt.

Insbesondere, wenn man in der neuen Heimat seine große Liebe findet. Da sprechen die Balladen „Immer da für dich!“, „Deine Farbe!“, welche in a-cappella-Form mit wechselnden Sprechstimmen als zweiter Bonustrack geboten wird und starke Wirkung erzielt, und „Unreimliche Romanze!“ für sich. Letztere bricht stets in letzter Sekunde mit der Erwartung eines entsprechenden Reimworts, so zum Beispiel: „Ich möcht‘ für immer bei dir bleiben, auf alle Wände will ich sprüh’n: Dass nur für dich mein Herz tut schlagen, ich leih‘ dir sogar meinen…. Füller!“

Das Leben nicht zu ernst und schwer zu nehmen und sich selbst vor allem nicht im Wege zu stehen, dazu rufen die beschwingten Lieder „Ab an die See!“ als Flucht aus dem stressigen Alltag, „Endlich Samstag!“ mit integrierten Tipps für ein angenehmes Wochenende sowie das eher besonnene „Verschenkte Zeit!“ auf. Zeit ist das wertvollste Geschenk an sich selbst und andere, und so heißt es zum Schluss: „Leben ist doch da zum Leben!“ Sich dessen bewusst zu werden, und wie schwierig es ist, sich selbst treu zu bleiben, entlarvt „Ganz anders!“ mit dem Refrain, der Ohrwurmcharakter hat: „Eigentlich bin ich ganz anders – ich komm‘ nur so selten dazu! Wenn der Zufall mir eine Tür öffnet, schlägt Berechnung sie gleich wieder zu!“ Bei den Beispielen, die in den Strophen geschildert werden, findet wohl jeder eine vergleichbare Situation in seinem eigenen Leben.

Doch es ist nicht nur an der Zeit, das Leben zu genießen, sondern auch „Zeit für Helden!“, meint Christian Grote. Gegen soziale Ungerechtigkeit, Kriminalität und Missstände jeglicher Art hilft es nur, wenn man sich zusammenschließt und dagegen etwas unternimmt: „Es ist wieder Zeit für Helden, Zeit gemeinsam aufzusteh’n! (…) Zeit in eine neue Zeit zu gehen!“ Wer positive Veränderungen wünscht, muss dafür auch etwas tun und nicht ohnmächtig alles über sich ergehen lassen. Wobei dies umzusetzen in der kalten und brutalen Arbeitswelt gar nicht so einfach ist, wenn man nicht selbst auf dem Chefsessel sitzt. „Outsourced!“ zeigt in einem Sprechgesang wie aus einem Lautsprecher eindrücklich, wie schnell und skrupellos Mitarbeiter entlassen werden – nur um den Profit ins Unermessliche zu steigern: „Nun wir haben da jetzt jemand, der ist anders motiviert. Deshalb haben wir die Firma etwas umstrukturiert. Tut mir leid, tut mir leid, doch Sie müssen das versteh’n: Ihre Stelle wurde outsorced – Sie können geh’n!“ Genugtuung verschafft dem Zuhörer lediglich, dass ebendieser Chef im Privatleben einen vergleichbaren Rausschmiss erfährt.

Wie anders ist es, wenn man die Welt aus Kinderaugen betrachtet. Dies gelingt dem schelmischen Liedermacher in dem „Kindergebet!“ sowie dem spaßigen „Gutschi Gutschi!“, in dem sich der wehrlose Säugling darüber beschwert, dass die Erwachsenen ihn mit sinnloser Babysprache zutexten statt sich in seinen Augen vernünftig zu kümmern. „Gröni hat schon Recht, wenn er fragt: Wann ist der Mann ein Mann! Und Kinder an die Macht, nee, wirklich, wann ist der Mann ein Mann?!“, heißt es zum guten Schluss. Die Fragen aus der Ballade „Wer weiß!“ würden allerdings selbst die „Sendung mit der Maus“ überfordern. Hier ein kleiner Vorgeschmack: „Warum laufen Nasen und riechen Füße? Und wie nennt man einen verletzten Heilbutt?“ „Gegen was genau ist eine Antilope?“ „Bekomm ich Geld vom Taxifahrer, wenn er rückwärts fährt?“ „Was fühlt ein Schmetterling im Bauch, wenn er verliebt ist?“

Na, keine Antwort parat? Dann stellen Sie sich doch der Herausforderung, den Bonustrack „ABC Perpetuum!“ auf Anhieb und im Originaltempo mitzusingen. Das mag beim Alphabet vorwärts noch ganz gemütlich klappen, aber im Rückwärtsgang…

Christian Grote ist mit seinem Debütalbum „Der will nur spielen!“ eine überzeugende Zusammenstellung aus guter Musik, Humor und starken Texten mit eingefügter Wortakrobatik gelungen. Bleibt zu hoffen, dass die Reaktion auf seine CD ihn veranlasst, deutlich weniger als 25 Jahre für die Veröffentlichung weiterer Lieder zu brauchen. Ein paar dürften schon fertig geschrieben sein, wenn man bei den vergangenen Liedertreffen genau zugehört hat…

Und wer nicht lange warten möchte, zieht vielleicht ein Livekonzert in Betracht? Alle Liedtexte sowie Konzertdaten und Kontakt zum Künstler findet man unter der Homepage www.grovital.de/musik.

 

 

Ein Kommentar zu “Rezension: Christian Grote – Der will nur spielen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: