Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

Rezension: Die EAL-CD des Monats Mai 2014: [goubran] – Die Glut

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von Simon-Dominik Otte

„Ich kann in tausend Theatern leiden.“

Alfred Goubrans Stimme klingt so, wie es den Hörer der Anblick des Fotos im Booklet schon vermuten lässt: verraucht, wie ein deutschsprachiger Tom Waits oder auch Ed Csupkay nach durchzechter Nacht. Mit dieser den „Frühling in Wien“ zu besingen, mutet zunächst unmöglich an. Doch handelt es sich nicht um eine fröhlich-beschwingte Hommage an die Hauptstadt des Nachbarlandes, nein, es handelt sich um einen „Frühling für die Ratten“. Im Stile einer großartigen Blue-Note-Kapelle geben sich [goubran] mit dem Opener ihres Albums „Die Glut“ ihr Stelldichein.

[goubran] greifen auf das Handwerkszeug zurück, das für authentische Songwriterdarbietungen benötigt wird: die Akustikgitarre, diverses Schlagwerk und einige Besonderheiten (Harmonium, Slide Bass etc.) sowie eben eine prägnante, eingängige, überzeugende Stimme. Was natürlich noch dazugehört sind besondere Lyrics fernab jeder Plattitüde. Somit sind nicht nur Songtitel wie „Schiffe aus Schnee“, in die man sich allein schon vom Ansehen verliebt, Bestandteil von „Die Glut“, nein, [goubran] verstehen es auch, durch die gesungenen Worte Wirkungstreffer zu landen. Allein Textzeilen wie „Es war ein hochsommerlicher Nachmittag / und die Getränke, welche man zu den Süßigkeiten bestellte / waren kalt“ so singen zu können, dass sich daraus tatsächlich eine Melodie ergibt, ist Beweis für die hohe Kunst, die von [goubran] geboten wird.

„Was aus den Wolken fällt, gehört uns allen“

Neun Lieder finden sich auf „Die Glut“, die von der großen Liebe und dem kleinen Leben handeln, vom Zauber des Moments und der Dunkelheit der Einsamkeit. [goubran] verwenden viele Metaphern aus der Natur, die sehr genaue Bilder in des Hörers Kopf entstehen und diesen dann mit seinen Gedanken allein lassen. Besonders eindringlich vermittelt dieses Gefühl der Titelsong, der sich über achteinhalb Minuten zieht und mich durch Wortwahl und Intensität häufig an die „Todesfuge“ denken lässt.

Das einzige Cover, „Hollis Brown“, ist hoffentlich bereits an die Ohren seines Erfinders Bob Dylan gelangt. Wenn nicht, möchte ich anregen, ihm schnell eine CD zukommen zu lassen, denn er kann eigentlich nicht anders, als begeistert zu sein. Mit dem abschließenden „Mein Mädchen“ lassen die Österreicher noch einmal all ihr Können erstrahlen, dieses Mal durch chorigen Gesang und die instrumentale Beschränkung auf zwei Gitarren. „Oh, so scheu wandert dein Blick / über die Häuser / die Häuser der anderen / über die Mauern / die Mauern der anderen / der anderen in dir.“

[goubran] ist mit diesem Album ein großer Wurf gelungen. Ein Wurf, weiter als alle Klischees, alle Schubladen und auch Erwartungen. Ein Wurf bis über den Horizont so manches Musikbegeisterten. Doch ist nicht die Erweiterung unseres Horizonts schon immer unser Ziel gewesen? Von der Glut sollte man sich schlicht überraschen lassen. Überzeugen wird dieses Album sowieso. Und das Wort Liedermacher hat wieder eine weitere Bedeutung erhalten. Denn auf seinen Verästelungen lassen sich nun auch [goubran] nieder. Um mit ihrer Musik Geschichten zu erzählen, die gehört werden wollen.

www.goubran.com

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