Ein Achtel Lorbeerblatt

Das Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunstmagazin

Rezension: Gerd Schinkel – Momentaufnahmen 1 – zeitlose Zwischenbilanz 2013

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Die aktuellen Songs von Gerd Schinkel – und viele weitere Neuerscheinungen – hören Sie im Herbstgewitter, unserer Radiosendung rund um Liedermacher & Chansonniers. Zu den aktuellen Ausgaben HIER entlang.

 

Momentaufnahmen, die Momente der Aufmerksamkeit verdienen

Der Liedermacher und Autor Gerd Schinkel stellt auf einer CD seine schönsten persönlichen Lieder als zeitlose Zwischenbilanz 2013 zusammen

 von Anne Drerup

Es ist schon beachtlich, wieviele Lieder im Laufe seines Lebens zustande gekommen sind, und damit scheint noch längst nicht das Limit erreicht zu sein: 23 CDs für Erwachsene und sechs für Kinder hat Gerd Schinkel in Eigenregie und einzig mit seiner Gitarre begleitet in der „Kalten Sauna“ aufgenommen – und damit die Möglichkeit geschaffen, seine Musik auch außerhalb seiner Konzertauftritte zu hören. Denn neben den „Besenkammerkonzerten“ in Köln, die er für Liedermacher und -freunde organisiert, nimmt er auch ganz rege an Festivals und Treffen teil, wie z.B. am jährlichen Liedertreffen des Liedermacherforums. Nun hat er auf seiner CD „Momentaufnahmen 1 – zeitlose Zwischenbilanz 2013“ diejenigen Lieder zusammengestellt, die er im Bereich der persönlichen Texte, die Lebenserfahrungen widerspiegeln, favorisiert. Eine Auswahl, die bei der Fülle an Möglichkeiten sicher nicht leicht gefallen ist!

In ein bestimmtes musikalisches Genre einordnen lässt sich Gerd Schinkel nicht gerne, aber wenn er sich selbst festlegen müsste, würde er deutschsprachige Rootmusic nennen: einen Stil, der ursprünglich seine Einflüsse aus Folk, Blues, Rock, Soul, Country oder Pop erhielt und dazu dienen soll, eigene Lebenserfahrungen musikalisch und inhaltlich auszudrücken – und nicht, um kommerziell verbreitet zu werden. Dies mag mit ein Grund sein, warum sämtliche CDs des Liedermachers kein Industrieprodukt aus dem Studio sind, worauf in Bezug auf (möglicherweise) suboptimale Klangqualität auf der ebenfalls selbsthergestellten CD-Hülle hingewiesen wird. Sofern es aber keine Schwierigkeiten bei der Wiedergabe durch ein bestimmtes Abspielgerät gibt, sind Texte und Musik gut hörbar und einwandfrei verständlich, gerade weil die instrumentale Begleitung bei allen Stücken dezent genug ist, um den Gesang nicht zu übertönen.

Mit „Ist das Kunst“ (…oder kann das weg?) hat die CD ein flottes, wenn auch textlich recht langes Introstück, in dem über Dinge, über die man im Alltag so stolpert und von denen man sich fragt, ob man sie nötig hat bzw. wie man adäquat auf sie reagiert, mit kleinen aber feinen Wortspielereien erzählt wird. Zuletzt überträgt sich die Frage auch auf die Liedermacherei: „Ist alles dicht? Wer braucht dann Dichter?“, mit dem Schluss, dass letztlich der Rezipient entscheidet, was für ihn Kunst ist und was nicht: „Denkt, was ihr wollt, sucht euch den Zweck!“ Mehr noch als eine Aufforderung, eigene Entscheidungen zu treffen, stellt das ernsthafte „Muss was passieren dar, denn bei diesem Lied im Rockstil geht es um Selbstverantwortung und Zivilcourage. Es kommt sicher nicht von ungefähr, dass Gerd Schinkel sich ebendiese Refrainzeilen für seine Signatur im Forum ausgewählt hat: „Damit was geschieht, muss zunächst was passier’n. Muss man, eh sich was ändert, denn erst was verlier’n? Eh man sich erholt, bleibt keine Zeit auszuruh’n. Denn eh sich was tut, muss man selber was tun.“

Zeit ist ein gutes Stichwort, denn die Liedauswahl enthält einige Stücke, denen man das Motto „Carpe diem!“ zugrunde legen könnte: Leben lieben“ (lernen, leb so, dass du das Leben liebst!“), das nach Reggae klingende „Weit und offenüber Unternehmungsgeist in der zweiten Lebenshälfte, Er tanztüber den Genuss, gemeinsam zu tanzen, auch wenn die Füße wehtun, und So gesehen“ (gings mir gar nicht schlecht!) über die Vorstellung, das Leben laufe genau rückwärts ab, also von Tod nach Geburt, wie in der Literaturvorlage über das Leben des Benjamin Button. Bei letzterem braucht man einen kleinen Moment, um die Zusammenhänge zu verstehen.

Natürlich kommen auch Liebeslieder nicht zu kurz: In der sehr melodischen und schönen Ballade „Ausgeliefert werden eindrücklich Faszination und Hingabe zu der großen Liebe, der man nicht entrinnen kann, sodass man alles andere um sich herum ausblendet, geschildert, während „Bestes Stückeingängig und hymnisch eine gelungene Paarbeziehung lobt und sich somit für Hochzeits- und Jahrestage eignet. Das temperamentvolle „Stück des Wegs hingegen fordert erst einmal dazu auf, den Lebensweg, und damit alle Gefühlslagen, miteinander zu teilen. Liebe erschöpft sich allerdings nicht nur in der Liebe zum Lebenspartner, in den Liedern „Sie lacht, über eine Sonnenschein-Mentalität mit ansteckendem Lachen (möglicherweise die eigene Tochter?) und Jazzals Tribut einer wichtigen, unkommerziellen Musikrichtung („Musik lebt, wenn Musik passiert!“) wird nicht weniger Liebe deutlich.

Ein großes Thema in den „Momentaufnahmen“, nämlich die eigene Rolle in der Familie, findet sich in vielen Liedern wieder: Im sehr humorvollen Kinderlied Papa backt stellen die männlichen Heldentaten in der Küche zweifelsohne eine gewisse Anerkennung seitens der Frauenwelt sicher, während im Blues Mach was, Mama ein doch eher peinliches Manko, sich nämlich als Mann nicht vernünftig kleiden zu können, deutlich wird: „Mama, sag ihm, dass er so doch nicht nach draußen kann!“

Mit dem schwierigen Loslassen der erwachsen gewordenen Kinder, insbesondere der Tochter, beschäftigen sich „T-Shirt“, „Geh nur, mein Schatz“ und „Höchste Zeit“, alle in unterschiedlichen Musikstilen. Ausstand  hingegen beschreibt die ambivalenten Gefühle am Ende des Berufslebens und zu Beginn eines neuen Lebensabschnittes, in dem sich Alte Männer bereits befinden, für deren Spezies humorvoll um Verständnis geworben wird. Und nicht zuletzt steht ja auch die schwungvolle „Operation Opa an, eine Rolle, die man mit zwinkerndem Auge annehmen sollte, denn den Zeitpunkt für ihren Beginn kann man sich nun mal nicht selbst aussuchen.

Wer eindrückliche, persönliche Texte schätzt und sich gerne handgemachte Musik ohne große Band anhört, ist mit den „Momentaufnahmen 1“ sicherlich gut beraten. Laut Aussagen des Künstlers soll es aber auch noch weitere Zusammenstellungen geben, beispielsweise in Bezug auf Gesellschafts- und Zeitkritik.

Wichtige Konzertdaten, Hörbeispiele und Infos befinden sich allesamt auf der Homepage: www.gerdschinkel.jimdo.com

 

 

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 31. Mai 2014 von in Liedermacher, Uncategorized und getaggt mit , , , , , , , , .
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