Ein Achtel Lorbeerblatt

Das Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunstmagazin

Heiniger trifft: Makurugu

 Bombarde Power

Gegen die enormen Widerstände unserer Gewohnheiten

Makurugu – Mission Earth Song

Höchste Zeit hier wieder einmal mit einem Kollegen zu sprechen, den wohl noch nicht alle kennen. Mit einem solchen habe ich mich heute Abend am Nordufer des Zürichsees verabredet. Dort sitzt er ja. Wenn ich ihn aus einiger Distanz so sehe, frage ich mich: Ist er nun ein Guru oder nicht? Immerhin nennt er sich Makurugu. Klingt irgendwie lustig. Könnte aber auch ein Marabu sein, der da anklingt. Oder ein Känguru.

Vor Konzerten malt sich mein Schweizer Kollege schon mal mit satter blauer und grüner Farbe an. Einen beachtlichen Erdball, mitten auf den Bauch. Und er sagt, er habe eine Mission. Nein, einen Teufel werde ich tun, ihn zu fragen, ob er ein Guru sei. Sowas fragt man doch nicht. Oder soll ich etwa doch? Schauen wir mal. Ich werde ihn, je nach Verlauf des Gesprächs, mit der Frage überraschen. Ja, so machen wir es.

Gewiss ist er ein Reisender. Eben aus dem hohen Norden heimgekehrt, wo er seinen Kontrabassisten, einen der besten in der Liedermacherszene, nicht dabei hatte. Aber er selber ist gereist, Makurugu alias Markus Rüeger, zuweilen mit Globus auf dem Bauch und fast immer mit einem Lächeln auf den Stockzähnen. Und nun sitzt er da, am Zürichsee und blinzelt in die sanft anbrandenden Wellen, die mit dem Licht der Abendsonne spielen.

Markus Heiniger (MH) Hallo Markus!

Markus Rüeger (MR) Ah, hallo Markus. Willkommen am Zürichsee! Gut gereist?

MH Danke. Und du? Bei dir war die Reise ja gerade eben etwas weiter. Wo genau warst du?

MR In Deutschland und Schweden, wo ich zwei Konzerte gab. Kleinkunstdiele Bücken, Niedersachsen, wo ich mein Mini-Musical „Mission Erde“ aufführte und im Gåvan in Österfärnebo, Schweden, wo ich ein Doppelkonzert mit der 13-köpfigen Folk-Band WestMannaFolk spielte.

MH Wie kommst du als alter Helveter dort zu Auftritten?

MR Aufgrund früherer Reisen und auf Einladung von Freunden. Ich reise schon seit 2006 mit meinem Programm „Mission Erde“ im VW-Bus mit meiner Lebenspartnerin und wir forschen der Frage nach, wie der Mensch sich verändern könnte, um auf diesem Planeten zu überleben. Menschliche Begegnungen und Naturerfahrungen fliessen konstant in mein Bühnenprogramm mit ein.

MH Du bist auf Umweltschutz Vortragsreise? Ein singender Al Gore?

MR Nein, nein. Meine Mission ist auch nicht zu vergleichen mit jener des Bundesrates, der den Europäern die Direkte Demokratie der Schweizer ständig neu erklären muss.

MH Die Direkte Demokratie und das Bankgeheimnis.

MR Was davon noch übrig ist.

MH Ja, da gibt es bald nicht mehr viel zu erklären.

MR Ich treffe auf unseren Reisen halt vorwiegend auf gleich gesinnte Menschen, die in grösseren Zusammenhängen über die Welt nachdenken.

MH Wir erreichen stets die, die es eh schon wissen.

MR Ich versuche trotzdem zu überraschen.

MH Wie?

MR Ich trage in meinen Bildern einfach ein bisschen dick auf und mische zuvor die Farben neu, etwa wenn ich dem deutschen Publikum beim Song „Asyl für Ysbäre“ (Asyl für Eisbären) erkläre, dass die Eisbären auf meine Einladung hin in die Schweiz gekommen seien und sich darauf auf den Gletschern niedergelassen hätten, was ja der eigentliche Grund für diese unlängst so viel diskutierte „Masseneinwanderungsinitiative“ war.

MH Das kommt an?

MR Ja, der Link zu den SVP-Werbeplakaten mit den weissen und schwarzen Schafen wird natürlich sofort verstanden. Eisbären wären mir lieber.

MH Wo bei uns schon jeder Wolf eine mittlere Krise auslöst?

MR Ich meine auf den Plakaten. Eisbären sind in ihrem Handeln variabler, keine Herdentiere.

MH Apropos: Strömten die Menschen auch so zahlreich zu deinen beiden Konzerten wie deine imaginären Eisbären auf unsere Gletscher?

MR Leider nein, grosse Publikumszahlen und fette Gagen waren kein Thema. Ich messe allerdings den Erfolg meiner Konzerte auch nicht in erster Linie in diesen Kategorien.

MH Sie sind aber nicht zu vernachlässigen, diese Kategorien, oder?

MR Ich suche in erster Linie Kontakte und den Ideenaustausch über meine Lieder. Ich versuche das Publikum auf eine Reise hin zu einer unverfälschten Lebendigkeit, die in uns allen wohnt, mitzunehmen und genau das ist mir gelungen, wenn ich mir die Feedbacks so vergegenwärtige. Ich weiss übrigens nicht, ob mir das so auch bei einer Zuhörerschaft von über hundert Leuten gelingen würde. In Schweden hatte ich bestimmt den Vorteil zusammen mit „WestMannaFolk“ auftreten zu können, die einen grossen Teil des Publikums angezogen haben.

MH Wie unterschied sich das Publikum von einem Schweizerischen?

MR Obwohl ich zwei verschiedene Programme gespielt habe in Schweden und in Deutschland, hatte ich an beiden Orten ein Gefühl von einem sehr wachen Publikum. Ich wurde sehr herzlich empfangen, und obwohl ich von den lokalen Freunden in Bücken als auch in Österfärnebo „gewarnt“ wurde, ich würde auf ein gelinde gesagt ruhiges Publikum treffen, war dem nach meinem Empfinden überhaupt nicht so.

MH Und im Vergleich zum Schweizer Publikum?

MR Nun Vergleiche hinken und sind meist ungerecht. Sagen wir so. Das Lebenstempo ist in Schweden ein langsameres und ich habe den Eindruck, sie nehmen sich mehr Zeit mit allen Sinnen zuzuhören. Ich versuche ja bewusst in meinem Programm das Publikum aus der Hektik des (Schweizer) Alltags heraus in eine Welt der Fantasie, der Geschichten und Gefühle mitzunehmen und da habe ich schon öfters den Eindruck, dass meine Landsleute die erste Hälfte des Konzerts noch nervös auf den Stühlen rumrutschen, verfolgt von bösartigen Agenda-Einträgen, sodass mein „Musikaline“ (meine ureigene Medizin gegen Hyperaktivität) erst gegen Ende des Konzerts die gewünschte Wirkung zeigt.

MH Und die Schweden? Kommen sie schon relaxed ins Konzert?

MR Die Schweden scheinen auf ihren Stühlen richtiggehend mit dem Boden zu verwachsen. Ihre Aufmerksamkeit lässt die Luft knistern und ihr sorgsam hervorgebrachter Kommentar: „Jaha, det är bra!“ (keine Übersetzung) lässt vermuten, dass meine Botschaften tatsächlich alle Ebenen des Seins erreicht haben und nicht ausschliesslich auf der Kopf-Etage herumgekurvt sind.

MH Auf deinem Konzertreise-Video singst du kein Lied in deinem Zürcher-Dialekt. Hast du es in den Konzerten getan? Mit welchem Effekt?

MR In Deutschland habe ich die Hälfte meiner Lieder auf Schweizer Deutsch gesungen und dazu Text-Übersetzungen auf Deutsch verteilt. Ich habe das schon bei früheren Konzerten in Deutschland getan und gute Erfahrungen damit gemacht. Ich finde es schön, dass nach den Konzerten regelmässig Gespräche über sprachliche Unterschiede um Dialekte stattfinden und dabei die Vielfalt von Sprache und die damit verbundenen Vorstellungen thematisiert werden. Die Texte der Rahmengeschichte meines Bühnenstückes, das ich als Mini-Musical bezeichne, sind Deutsch, wobei die Bremer-Stadtmusikanten, die mich in der Geschichte begleiten, je einen anderen deutschen Akzent sprechen. Der Esel einen irischen, die Katze einen spanischen, der Berner Sennenhund natürlich einen bernischen und der Hahn einen zürcherischen. Damit stiess ich zuweilen etwas an die Grenzen des verstanden Werdens. Meine doch so deutlich vorgetragenen Texte wurden denn auch als „Slang“ bezeichnet.

MH Und in Schweden?

MR In Schweden sang ich lediglich ein Lied auf Schweizerdeutsch, mit vorgängiger kleiner Übersetzung. Kleine Geschichten auf Englisch wurden herzhaft belacht, was mich vermuten lässt, dass ich verstanden wurde.

 

Ich hatte meinen Song „Elchtest“ zu Hause gelassen, aus Angst, er könnte in Schweden missverstanden werden.

 

MH Gab es bei deinen Auftritten auch Momente, in denen du leicht ins Schleudern gerietest? Wo der Eidgenössische Liedermacher quasi den Elchtest bestehen musste?

MR Ich hatte meinen Song „Elchtest“ diesmal zu Hause gelassen, aus Angst, er könnte in Schweden missverstanden werden.

MH Also keinerlei Schleuderpartie?

MR Doch. Ich hatte in Schweden auf der Bühne mit dem Loop ein Problem, dem nur mit viel Humor beizukommen war. Der eingespeiste Sound eines Moskito-Schwarms, den ich in Deutschland noch gebraucht hatte, um die Räuber aus der Waldhütte der Bremer-Stadtmusikanten zu vertreiben, erklang plötzlich im Raum und löste beim schwedischen Publikum ungute Erinnerungen an getrübte Sommerfreuden aus, während ich mich abmühte, das richtige Fusspedal wieder zu finden um den Spuk zu stoppen. Stattdessen begannen nun auch noch Esel, Katze, Hund und Gockel loszuschreien. Es war danach etwas schwierig, den Übergang zu einem ernsthaften Liebeslied zurück zu schaffen.

MH Welches war der Lieblingssong der Deutschen?

MR „Trust in the sea“, an dessen Ende ich die Wellen des Meeres als Orchester dirigiere.

MH Und die Schweden?

MR Ähnlich gut. Hier ermunterte mich gar ein Organisator, mit meinen Songs nach Jokkmokk in Lappland zu kommen, wo gerade Protestaktionen und Musikfestivals zur Unterstützung der Sami-Bevölkerung gegen einen gigantischen und riskanten Minen-Bau stattfanden. Das lag für mich leider nicht drin.

MH Du malst dir vor deinen Auftritten einen Globus auf den Bauch und hast eine Mission. Welche?

MR Wer die Erde im Bauch trägt, dem kann sie nicht Wurst sein.

 

Unsere Bewertungen, unser Stress berauben uns der Billionen von Lebensmöglichkeiten, die uns die Natur täglich vorlebt.

 

MH Wie geht das, die Erde im Bauch?

MR Den Bauch verstehe ich als Symbol dafür, dass wir im Grunde nicht mehr und nicht weniger als ein Teil der Natur sind, genauso vergänglich und genauso Teil des sich ständig neu erfindenden grossen Lebens wie alle andere Natur auch. Der leistungsorientierte, nach Macht und Erfolg ausgerichtete Mensch unserer Zeit sieht keine Alternativen zu seinem Lebensstil. Unsere Bewertungen, unser Stress berauben uns der Billionen von Lebensmöglichkeiten, die uns die Natur täglich vorlebt.

MH Haben wir tatsächlich so viele Alternativen?

MR Ja klar! Aber lieber schlagen wir rund um uns herum alles kurz und klein, als uns auch nur einem Augenblick der Ungewissheit hinzugeben und hinzuhören, hinzuspüren. Tun wir das aber bewusst, sind wir plötzlich mit einer Urkreativität verbunden, die uns von unseren einengenden mentalen Konzepten befreit. Das ist, was ich beim Musikmachen ebenso erlebe wie in der Natur. Zusammen mit meiner Lebenspartnerin Eva Hurley forschen wir in diesen befreienden Räumen. Ich arbeite dabei mit Tönen und Texten, Eva ihrerseits an einem Buch über einen Weg, der es jedem Menschen erlaubt, sich vertrauensvoll in solche Räume der Unsicherheit zu begeben.

MH Und nun das ganze in einem Satz?

MR Es geht darum zu fragen, wie wir uns mit unserer Natur in Einklang bringen können, gegen die enormen Widerstände unserer Gewohnheiten.

MH Makurugu, bist du ein Guru?

MR Leider nein! Ein „RUGU“ ist ein Wesen, das dem Volksstamm der „Rund & Gesund“ zugehörig ist, ein Stamm der sich dadurch auszeichnet, dass ein Grossteil der Gehirnzellen in den Bauch gerutscht sind.

MH Ist das erstrebenswert?

MR Hör weiter! Als „MAKU“bezeichnet man bei den Rugus ein Individuum, das durch besondere Macken auffällt. Die Rugus gehören zu den aussterbenden Arten auf dem Planeten. Diätische und digitale Normierung haben dieser Spezies enorm zugesetzt.

MH Blickt auf den Zürichsee und denkt: Also zurück zur Natur. Jean-Jacques Rousseau hätte wohl seine helle Freude an diesem Liedermacher gehabt.

MR Blickt auch auf den See.

MH Wie kommst du eigentlich zu Bruno Brandenberger? Ich meine, er ist immerhin einer der besten Kontrabassisten in der Schweizer Liedermacherszene, der auch regelmässig mit Kollegen wie Linard Bardill spielt.

MR Bruno begleitet mich seit Anbeginn meines „Mission Erde“-Projektes. Zu Beginn führte er Regie, jetzt begleitet er mich auch hie und da auf der Bühne. Ich denke, einerseits faszinieren ihn meine Arbeit und das Thema, anderseits verbindet uns eine langjährige Freundschaft. Für mich persönlich ist es zentral, mit Freunden auf der Bühne zu sein, die meine Empfindungen ebenso wie die Inhalte des Projekts mittragen. Solche Mitmusiker zu finden, braucht zwar meist etwas länger, aber Bühnenpräsenz und Ausstrahlung gewinnen dadurch entscheidend. Ich erlebe das übrigens auch so mit meiner Band „GreenTrees&Coffee“, bei der wir jetzt, nach zwei Jahren Aufbauarbeit, so richtig frisch auf der Bühne stehen.

MH Komm, lass uns nochmals teilhaben an deinen Reisebildern, die in dir, beim Blick über den See, spontan aufsteigen.

MR Die Gesichter herzlicher Menschen. Einsichten in deren Welt. Und viele Stunden in der Natur zusammen mit meiner Partnerin. Der Nationalpark Färnebofjärden, umgeben von alten Bäumen, Gewässern, Inseln und Vogelgesängen.

Apropos Gesängen. Am 30. April an Valborga am grossen Feuer, das den Winter beenden sollte, schneite es dieses Jahr in Schweden, was den Chor von Gysinge aber nicht davon abhalten konnte, in Schneegestöber und bitterer Kälte von den Wonnen und der Sonne der Maienzeit zu singen. Nun ja, die Sonne scheint dort ja auch von 4 Uhr morgens bis 22 Uhr, wenn nicht gerade ein paar Wolken ihre Schatten werfen.

MH Markus, danke für dieses Gespräch.

MR Gerne!

 Makurugu – Asyl für Ijsbäre

Markus Rüeger alias Makurugu ist seit 40Jahren LiederPoet, Geschichtenerzähler und Performer. Er tritt als Soloartist oder mit diversen Besetzungen mit seinem Mini-Musical „Mission Erde“ auf oder spielt seine Lieder mit der 5-köpfigen Band „GreenTrees & Coffee“ (worldmusic; voc/git/b/dr/acc./fl./sax/bombarde). Seine musikalischen Wurzeln hat er in der Rockmusik der 60-iger und in diversen Folk- und Worldmusic-Richtungen.

Er ist Mitglied der CH-LiederLobby (www.liederlobby.ch) und arbeitet als Oberstufen- Musiklehrer an diversen Schulen.

www.aquarion.ch

 

 

 

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