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Rezension: Marcel Brell – Alles gut solang man tut

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Die aktuellen Songs von Marcel Brell  – und viele weitere Neuerscheinungen – hören Sie im Herbstgewitter, unserer Radiosendung rund um Liedermacher & Chansonniers. Zu den aktuellen Ausgaben HIER entlang.

Kleine Entscheidungshilfe gefällig ?!

Das Debütalbum „Alles gut solang man tut“ von Marcel Brell ist absolut hörenswert

von Anne Drerup

Dass sein Lob auf den Pragmatismus gerechtfertigt ist und ebendieser zum Ziel führt, hat sich der bis dato als Musikproduzent bekannte Marcel Brell eindrücklich selbst bewiesen:
Sein Debütalbum „Alles gut solang man tut“ ist am 23.5.2014 gerade veröffentlicht, da wird sie vom DATEs Magazin zur Scheibe des Monats gekürt. Und spätestens beim ersten Interview in „Die Welt“ wird deutlich: Die deutschsprachige Liedermacherszene ist um einen Songwriter mit Tiefe sowie einen Sänger mit Intensität reicher. Dabei hat der Prozess des 31-jährigen Wahlberliners hin zum eigenen Album, von der Position hinter dem Mischpult auf die Bühne und ans Mikrofon, doch seine Zeit, nämlich an die zehn Jahre, gebraucht. Schmunzelnd erinnert sich Brell an seine Anfangsversuche in Teenagerzeiten, als seine Songthemen mindestens den Weltfrieden beinhalten und auf Englisch geschrieben sein mussten. Inzwischen setzt er auf deutsche Texte und thematisch im kleinen Bereich an, wo die von ihm gewünschte Veränderung auch tatsächlich möglich ist. Dabei lässt er sich gerne von den Menschen in seiner Umgebung und seinem Freundeskreis inspirieren, was sicherlich die Authentizität und vielfältigen Identifikationsmöglichkeiten in seinen Texten und Liedern ausmacht.

Als Introstück hat Marcel Brell das rhythmisch flotte „Das Entscheiden“ gewählt, dessen Melodie spätestens im Refrain Ohrwurmcharakter hat: „Du bist ganz groß, ganz groß, ganz groß darin, das Entscheiden zu vermeiden!“ heißt es darin. Die Kritik am Nichtpositionieren und den Folgen daraus, nämlich Ziellosigkeit und letztlich fehlende Identität, kann man auf ein Gegenüber, aber noch viel mehr auf sich selbst beziehen. Kann man glücklich werden im Leben, wenn man allen Entscheidungen aus dem Weg geht? Nicht, wenn die Entscheidungslosigkeit immer weitere Kreise zieht: „Jeden Kuchen zu versuchen; immer allen zu gefallen; jedes Streben aufzugeben; deine Gaben zu begraben, das Verpflichten zu vernichten; das Verlieben zu verschieben – das Entscheiden zu vermeiden!“ In seiner Musik Mut zu machen, seinen eigenen Weg zu finden und zu gehen, auch wenn man am Anfang noch nicht weiß, wo er hinführt, scheint ein Hauptanliegen Marcel Brells zu sein. Denn neben dem gleichen Bonustrack „Das Entscheiden“ in etwas dezenterer Instrumentierung – an starke und ziemlich dominante Begleitung aus Gitarre, Percussion, Synthesizer etc. bei einigen Stücken muss sich wohl manches Liedermacherohr erst einmal ein wenig gewöhnen! – gibt es noch einige weitere Lieder, die thematisch dieselbe Botschaft vermitteln.

Der Titelsong „Alles gut solang man tutals Hymne an und Plädoyer für Pragmatismus gehört sicherlich dazu: „Keine Tiefe ohne Fall, keine Liebe ohne Mut, keine Antwort ohne Fragen – Alles gut, solang man tut!“ Auch „Der Schlüssel steckt“ vermittelt, dass es jeder selbst in der Hand hat, aus dem eigenen Käfig aus Gewohnheiten und Trott herauszukommen. Musikalisch wartet dieses Stück mit einem Überraschungseffekt auf, denn während die Strophen ähnlich wie in einem Agentenfilm klingen, wird der Refrain in einem ganz anderen Stil, mit enthusiastisch grölendem Backgroundchor, gesungen. Sehr eingängig und mitreißend hingegen ist „Du bist“ (… nicht deine Sneakers, du bist, wohin du gehst! Du bist nicht deine Bücher, du bist, was du verstehst! Du bist nicht deine Schaufel, du bist, wonach du gräbst! Du bist nicht dein Kalender, du bist, wofür du lebst!), das mittendrin die schöne Erkenntnis enthält: „Aller Anfang ist leer.“

Dass sich Brell bei seinen Ratschlägen nicht selbst ausklammert, zeigt das gute Laune verbreitende, humorvolle „Weggehen um anzukommen“, das um Aufbruchsstimmung und Neuanfang wirbt, gegen den Stillstand. Denn ansonsten könnte einem Folgendes passieren: „Ich kann die Welt erklären, aber habe trotz Verstand, ne Suppe auf dem Teller und ne Gabel in der Hand!“

In „Für jeden was dabeikann eine Portion (Galgen-)Humor nicht schaden: Bei allen Gegensätzen und Problemen, wie man es auch dreht und wendet: Im Leben und in jeder Beziehung ist für jeden was dabei – dass es ausreicht, hat aber keiner versprochen!

So ist vielleicht erklärbar, dass einige Liebeslieder auf der CD von Trennung handeln: „Und ich geh“ lässt dies vage andeuten und vermuten, während „Zuviel Glück“ ganz deutlich unterstreicht, dass die Gegensätze in Bezug auf Wünsche und Lebensvorstellungen zu groß geworden sind, um die Liebe weiter aufrechtzuerhalten. „Wo die Liebe hinfällt“, das Brell im Refrain im Duett mit Alin Coen singt, beinhaltet im Gegensatz dazu den Rat eines Freundes, mit der Vergangenheit, also einer von der anderen Seite beendeten Beziehung, Frieden zu schließen, und aufzuhören, unter der Trennung zu leiden.

Für einen Optimisten wie Brell muss es allerdings auch positive Liebeslieder geben, daher erzählt das ruhige, melodische „Marie Pierce“ von Erinnerungen an eine ehemalige bezaubernde ältere Schulkameradin mit Wurzeln in England, und die Rockballade „Schweigen mit dir“ vermittelt, ohne dabei kitschig zu sein, die Liebe und Wertschätzung, sich auch ohne Worte zu verstehen und die gemeinsame Zeit zu genießen.

Das eindrücklichste Stück der CD, in der Brells angenehme und leicht rauchige Stimme besonders zum Tragen kommt, ist aber sicherlich die Ballade „Nur den Augenblick“, von dem Bewusstwerden über das, was wirklich wichtig und von uns beeinflussbar ist im Leben: „Ich lasse alles los, was ich nicht halten kann. Und nur, was mir gehört, kommt wieder bei mir an. Ich geb alles, was geliehen war, zurück, weil ich begreife, ich hab nur den Augenblick!“

Fragt man den frischgebackenen Liedermacher, was er sich im Musikbusiness am meisten wünscht, so nennt er musikalisch mehr Bandbreite. Nun, mit seiner CD hat er dafür einen ersten Beitrag geleistet – und damit vielleicht auch anderen Künstlern einen Anstoß gegeben. Daten zu seiner diesjährigen Tournee sowie alles Wissenswerte über Person und Werk gibt es auf www.marcelbrell.de – und Hörproben des Debütalbums selbstverständlich auch!

 

 

2 Kommentare zu “Rezension: Marcel Brell – Alles gut solang man tut

  1. Gudrun
    6. Juni 2014

    In Karlsruhe nächsten Mittwoch live und persönlich zu erleben. Unter gudrun@konzerttagebuch.de anmelden, dann kann man/frau dabei sein.

  2. OIKOS™-Redaktion
    6. Juni 2014

    Hat dies auf Die Erste Eslarner Zeitung – Aus und über Eslarn, sowie die bayerisch-tschechische Region! rebloggt und kommentierte:
    Für heute noch keine interessanten Informationen.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 6. Juni 2014 von in 2014, A-D, Brell, Marcel, Liedermacher, Plattenbesprechungen, Uncategorized und getaggt mit , , , , , .
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