Ein Achtel Lorbeerblatt

Das Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunstmagazin

Rezension: Günter Gall (mit Konstantin Vassiliev) – Soldaten-Leben

Soldaten_Leben

 

Die aktuellen Songs von Günter Gall – und viele weitere Neuerscheinungen und Klassiker – hören Sie im Herbstgewitter, unserer Radiosendung rund um Liedermacher & Chansonniers. Zum EAL-Radio HIER entlang.

von Alexander Kutz

„Lieder von Krieg und Frieden aus fünf Jahrhunderten“ lautet der Untertitel der neuen Veröffentlichung namens „Soldaten-Leben“ vom Osnabrücker Liedermacher Günter Gall. Er bemüht dazu traditionelle Lieder und Texte ebenso wie die bekannter Lyriker und eigene Dichtungen. Obwohl mit der Auswahl bis in die Zeit des dreißigjährigen Krieges zurückgegangen wird, erhalten die Stücke nicht nur angesichts des derzeitigen Säbelrasselns und alter und neuer Krisenherde aktuelle Brisanz. Nein, Günter Gall schafft es, mit der Zusammenstellung Parallelen zwischen den historischen Ereignissen durch den Blick auf Einzelschicksale deutlich zu machen – eine Art Türöffner zur Empathie, die das Vorgetragene zeitlos erscheinen lässt.

Glaubwürdig kommen die Stücke ohnehin daher: Mit Günter Gall nimmt sich ein Veteran der Folk- und Friedensbewegung des Themas an, der sich selbst als „Kind des 20. Jahrhunderts“ seit Jahrzehnten dem Thema Krieg und Frieden verpflichtet sieht. So reiht sich die neue Veröffentlichung in vielfältige Musik- und Textprogramme ähnlicher Thematik ein.

Unterstützung erfährt Gall auch bei der aktuellen Zusammenstellung von seinem langjährigen musikalischen Begleiter Konstantin Vassiliev, der zu den Interpretationen auch vier eigene Gitarrenstücke beisteuerte. Und obwohl hier ein souveräner und vielgesichtiger Klangteppich geschaffen wird, bleiben die Texte doch augenfällig im Mittelpunkt. Mit prägnanter, klarer Stimme und facettenreicher Darbietung werden Geschichten erzählt, denen sich die Zuhörerschaft nur schwerlich entziehen kann.

Trotz der Schwere des Themas erlaubt es das Konzept, die Stücke nicht immer mit gleichbleibender Tragik zu beladen. Auch die zynischen und ironischen Züge des Krieges werden gebührend musikalisch und rezitierend übersetzt.

So zum Beispiel beim Opener, dem „Lied von der Rekrutierung“. In fast schon ausgelassener Erzählweise wird mit folkloristischen Elementen von den dubiosen Methoden der Soldatengewinnung in Wirtshäusern („Auf König und auf Vaterland ward manches Glas geleert“) berichtet.

Auch die Interpretation von Tucholskys „Die Trommel“ nimmt „Das Leibregiment“ König Gustavs eher heiter auf die Schippe.

Andere Töne werden mit dem „Lied für Hans Calmeyer“ angeschlagen. Mit einem eigenen Text honoriert Gall hier die Zivilcourage eines Osnabrücker Rechtsanwalts, der im zweiten Weltkrieg tausende Juden vor der Deportation bewahrte. Feinfühlig aber mit aller Deutlichkeit wird einem Gewissen Respekt gezollt, dessen Notwendigkeit auch für die heutige Zeit nicht im Verborgenen bleibt: „Als Sandkorn im Getriebe wärst Du heut’ noch unbequem“.

Mit „Der Deserteur“ von Boris Vian wagt sich Gall schließlich an einen bereits vielfach interpretierten Klassiker der Friedens- und Protestbewegung. Gekonnt schafft Gall in seiner Version durch Kombination von einfühlsamen Gitarrenklängen und marschartigen Trompeteneinlagen einen Kontrast, der sowohl dem ehernen Willen des Verweigerers wie auch der Tragweite dieser Entscheidung („Sagt Eurer Polizei, sie würde mich schon schaffen, denn ich bin ohne Waffen, zu schießen steht ihr frei“) gerecht wird.

Die Stärke der Veröffentlichung liegt klar in der vielgesichtigen Darbietungsweise eines bedrückenden, ernstzunehmenden und auch anspruchsvollen Themas. Die individuellen Schicksale und Erfahrungen werden der Zuhörerschaft in ihrer Einzigartigkeit vorgetragen und erhalten somit ein hohes Maß an Authentizität. Musikalisch gekonnt umgesetzt liegt mit „Soldaten-Leben“ eine mahnende und würdige Antikriegs- und Protestliedsammlung vor, die trotz 500 Jahre zurückreichendem Bezug im Hier und Jetzt ihren Widerhall findet.

www.guenter-gall.de

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