Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

Rezension: Juli Kapelle – Lichtung

Julikapelle

von Simon-Dominik Otte

Ich muss es gestehen, mein erster Gedanke beim Namen Juli Kapelle war: „Oh, hoffentlich klingen die nicht wie Juli.“ Ist schon schwer, mit so einem Namen keine Assoziationen auszulösen. Die ersten Töne könnten fast noch von der genannten Band stammen, aber wenn dann die Stimme einsetzt, verfliegt jeder noch so sehr an den Haaren herbeigezogene Vergleich mit den Poppern aus den deutschen Charts.

Zudem regiert beim Opener die monotone Düsternis, wie man sie von Joy Division kennt, jene, die so packt, festhält und innerlich zerreißt. „Schüttel deine Wirklichkeit“ singen Juli Kapelle dann in „Gluten“. Ja, das ist ein guter Vergleich mit dem, was die Musik mit dem Hörer macht. Ich werde erinnert an die frühen 90er, als Dronning Maud Land durchs Land zogen und mit ähnlicher Musik traurige Menschen glücklich machte. Gibt es Singer-Songwriter in der Gothic-Szene? Es scheint fast so.

Und dann lassen sie plötzlich bei „Wandern“ die Sonne aufgehen. Man hätte gar nicht mehr vermutet, dass solch freundliche Klänge noch von dieser CD zu erwarten wären. Natürlich gehen sie auch hier immer mehr in die Richtung noisigen Folks, dennoch glaubt man nach diesem Song wieder an das Gute im Leben.

Was Juli Kapelle auch können, man mag es nicht glauben bei all der Bandbreite, ist dann noch etwas, das man wohl durchaus in die Ecke des Trip-Hop stellen dürfte. Denn wenn auf die Melodie von „Schnitte“ von Elizabeth Fraser gesungen würde, es würde nicht wirklich verwundern. Juli Kapelle sollten also einige Menschen glücklich machen können. Und das zu Recht. Kein Wunder, dass diese Band, die nur aus einem Mitglied und ein paar Gastmusikern besteht, ihre Musik als Elektrockrautexperimentaljassismus beschreibt. Besser kann man es wohl nicht treffen.

Hinzu kommen kryptische, mal leichter, mal schwerer zugängliche Texte von A.S., die sich auf besondere Weise mit dem Leben, der Liebe und den Menschen beschäftigt. Und gleichzeitig auch diese beschäftigt. Denn nachdenken kann man über die Zeilen immer. „Gehst du kalt in den Regen / deinem Ursprung entgegen“. Wenn die Musik im Ursprung so oder so ähnlich klingt, dann geht man doch gerne mit. Balsam für die schwarze Seele.

Mit „Hei Meister“ wird dann noch der Bogen zur Hamburger Schule geschlagen und der musikalische Rundumschlag perfekt.

Es gäbe genügend Vergleiche, die hier angestellt werden könnten, es lohnt sich aber sicherlich viel mehr, selbst in den Kosmos von Juli Kapelle einzutauchen und sich auf der Lichtung an der Sonne zu erfreuen. Oder am Regen. Erfreuen wird man sich bestimmt.

www.julikapelle.de

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 26. Juni 2014 von in Uncategorized und getaggt mit , , , , , , , , .
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