Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

Von Kölschen Tönen, Zeitdruck, temperamentvoller Liebe, Zusammenhalt und vor allem der Freude am gemeinsamen Singen

Chortheater „Stimmt So“ tritt auch bei der zweiten Fête de la musique im Kölner Rheinauhafen mit Schwung und Begeisterung auf

von Anne Drerup

Köln, 21. Juni 2014, am frühen Nachmittag: In und rund um den Rheinauhafen herrscht bereits reger Betrieb. Kein Wunder, ist die im vergangenen Jahr ins Leben gerufene Fête de la musique doch um ein paar Stunden vorverlegt worden, damit es keine Überschneidungen mit dem WM-Spiel Deutschland gegen Ghana gibt! Für den offiziellen Sommeranfang ist die Luft ziemlich frisch – doch da es trocken bleibt, gibt es weder von Seiten der Organisatoren und Musikern noch vom herbeiströmenden Publikum etwas zu beanstanden.

Bei über 60 Acts an 15 verschiedenen Spielorten, dem Angebot von Chören, Solisten und Bands in vielfältigen Genres (Pop, Rock, Klassik, Soul, Swing, Blues, Indie, Folk, Musical, Singer/Songwriter, Jazz, Chanson…) fällt die Auswahl, wo man zuhört, sicherlich nicht leicht. Manch einer mag sich wünschen, an mehreren Orten gleichzeitig sein zu können. Die Zuhörerschaft scheint sich aber insgesamt gut zu verteilen und vor allem zu amüsieren. Ist man selbst Teil eines Auftritts, bleibt ohnehin nicht viel Zeit zum Lauschen der vielfältigen Klänge und Rhythmen. So ergeht es auch dem Chortheater „Stimmt So“, das bereits zum zweiten Mal an diesem großen und großartigen Musikfest teilnimmt.

Während der „Shalom Chor“ der Kölner Synagoge noch voller Elan jüdische und aramäische geistliche Lieder zum Besten gibt – selbstverständlich mit einer jeweils vorangegangenen Textübersetzung – , können ein paar neugierige Spaziergänger hinter den Kulissen im Rheinauhafen eine Gruppe schwarz-weiß gekleideter Sängerinnen und Sänger in einem abgelegenen Winkel beobachten, die sich auf ihre Weise mit Stimm- und Harmonieübungen auf den großen Moment vorbereiten. Zwei kleinere Kinder staunen dabei nicht schlecht: Diese Erwachsenen, die sich später auf der Bühne als „Stimmt So-Chortheater Köln“ vorstellen werden, dürfen sich sogar gegenseitig die Zunge rausstrecken! Da es zwei nebeneinander gelegene „Chortreppen“ gibt, die im halbstündlichen Wechsel genutzt werden, kann parallel zum Auftritt des Chores „Songline“ und ganz ohne Lärm zu machen eine Stellprobe sowie ein Mikrofon-Soundcheck stattfinden. Die Organisatoren vor Ort erweisen sich dabei wirklich als sehr flexibel und kompetent, denn auch während eines Auftritts Mikrofone umzustellen, ist gar kein Problem. Da wird flugs noch ein Verlängerungskabel geholt, ein anderes umgestöpselt, schon kann es losgehen.

Um 17.30 Uhr begrüßt das Chortheater seine Zuschauer gesanglich mit „Du bess die Stadt“, einer Hymne auf Köln – selbstredend im Kölschen Dialekt. Das besonders im Karneval verbreitete Lied soll Stimmung machen, spiegelt ansonsten allerdings weniger die Haltung der als Gewerkschaftschor gegründeten Gruppe wider. Denn schließlich sind auch Mitsängerinnen und Mitsänger aus Düsseldorf herzlich willkommen und bereits Teil von „Stimmt So“. Darauf weist auch Pianist und Chorleiter Bernd Kaftan in seiner kurzen, humoristischen Ansprache hin, in der er auch das aktuell entstehende Programm ankündigt: eine kritische wie satirische Auseinandersetzung mit dem Thema „Zeit“. Uraufführung soll voraussichtlich im Dezember sein. Sein Klavier hat er in diesem Jahr aufgrund der Stückauswahl zu Hause gelassen, dafür bedient sich das Chortheater beim darauffolgenden „Feierabend (Keine Zeit)“ eines Rhythmus- und Geräuschplaybacks, das die unentwegte Hektik und den Zeitdruck unterstreicht. Eigentlich handelt es sich bei diesem Stück über alltäglichen Stress um ein ernstes Thema, doch durch die auf die Spitze getriebenen Einwürfe und Forderungen von Familienmitgliedern und durch Kaufhaus-Lautsprecherdurchsagen gibt es immer wieder Stellen, an denen das Publikum lacht. Keine Frage, dass das Lied große Chancen auf einen festen Platz im Repertoire hat!

Bezüglich kleiner Zwischentexte und Gedichte als Bindeglied, mag der Auftritt auch noch so kurz sein, bleibt das Chortheater sich treu. So trägt Chorleiterin Pe Stoeve (jawohl, die Leitung besteht aus einem sich wunderbar ergänzenden Zweierteam!) vor der Akustik-Version von „Viva la vida“ (Original von Coldplay) folgende chinesische Weisheit vor: „Die Arbeit läuft dir nicht davon, wenn du deinem Kind den Regenbogen zeigst. Aber der Regenbogen wartet nicht, bis du mit der Arbeit fertig bist.“ Mit dem sich anschließenden Text „Herrschaftfreiheit“ von Fried, vorgetragen durch Anne Wiese, ist der ernstere Teil des Kurzprogramms vorerst abgeschlossen. „One hand, one heart“ (Stück aus West Side Story) leitet auf ruhige Art zum Thema „Liebe“ über. Und da das temperamentvolle „Unter den Pinien von Argentinien“ mit seiner Tanzchoreografie bereits im Vorjahr große Begeisterung auslöste, darf es auch in diesem Jahr nicht fehlen:

stimmt_so

(„Tango tanzten diese Damen…“ Foto: Gertraud Pehlke)

Und auch „Let’s do it“ erfreut sich bei den „Stimmt So’s“ solcher Beliebtheit, dass es wieder mit im Programm ist. Für den Abschluss hat sich die Gruppe kurzerhand noch etwas ganz Besonderes und Aktuelles überlegt: In Anlehnung an und zur Unterstützung von der kürzlich in Köln stattgefundenen Aktion „Birlikte – Zusammenstehen“ singt sie die von Bernd Kaftan arrangierte Chorversion von „Unser Stammbaum“ (Original: Bläck Föös), ein Lied über Zusammenhalt durch Wertschätzung, und fordert beim Schlussrefrain alle zum Mitsingen auf. Danach geht es auf der Nachbarbühne genauso schwungvoll mit dem Chor „Chortissimo“ weiter. Nicht aber, ohne dass die „Stimmt So’s“ dazu einladen, beim Chortheater zukünftig mitzuwirken – besondere Aufnahmekriterien müssen dazu nicht erfüllt werden. Jede Stimme, jeder, der am gemeinsamen Singen Freude hat, ist willkommen. Oder um es mit leicht abgewandelten Worten des Stammbaums zu sagen: „Su simmer all zum Chor jekomme. Mir singen hück manches schöne Leed. Mit jeder Stimm‘, hamm wer jewonne! Mir sin wie mir sin, und kriejen et hin, Konzerte, wo mer stolz druff sin!“

Interessierte erhalten weitere Informationen unter www.stimmt-so-koeln.de.

 

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