Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

Rezension: Cynthia Nickschas – Kopfregal

Kopfregal_Cynthia_Nickschas

Die aktuellen Songs von Cynthia Nickschas – und viele weitere Neuerscheinungen und Klassiker – hören Sie im Herbstgewitter, unserer Radiosendung rund um Liedermacher & Chansonniers. Zum EAL-Radio HIER entlang.

von Floh Söllner

Oft wird in der Liedermacherszene darüber gejammert, das Genre sei zu maskulin durchsetzt. Eine unzutreffende, aber dennoch teilweise selbst erfüllende Prophezeihung, wie ich meine. Unzutreffend deshalb, weil sich die namhaften Liedermacherinnen unserer Zeit eben nicht mehr an einer Hand abzählen lassen, und selbsterfüllend deshalb, weil jedesmal wenn eine weibliche Kollegin ein beachtliches Stück Musik vorlegt sofort auf die Außergewöhnlichkeit dieses Ereignisses hingewiesen wird, da die betreffende Künstlerin ja eine Frau ist. Dieser allgemeinen Handhabe werde ich mich nicht anschließen. Denn obwohl das neue Album von Cynthia Nickschas „Kopfregal“ heißt, lässt sich sowohl die Künstlerin als auch ihre aktuelle CD schwerlich in ein Regal einordnen. Das will ich auch gar nicht erst versuchen, aber nichtsdestotrotz hier ein paar Einblicke:

Mit dem Stück „Generation Blöd“ stellt Cynthia schon zu Beginn des Albums klar, wohin die Reise geht. Mit ihrer treibenden Westerngitarre und der perfekt eingespielten Band im Background liefert sie eine sowohl textlich als auch musikalisch beeindruckende Bestandsaufnahme ihrer Zeit und ihrer Generation. Ohne wütende Faust und ohne moralischen Zeigefinger swingt und singt sie sich dabei gnadenlos in stimmliche Höhen und Tiefen, die einen erstmal fassungslos vor den Boxen sitzen lassen. „Liebe Generation Blöd, wir sind auch bald dran, um zu beweisen, dass man’s anders machen kann“, heißt es in einer ihrer Zeilen…

…und was sie mit „anders“ meint, erklärt sie dann in „Positiv denken“. Nach einem Gitarrenintro ala Nickschas bricht der Sound musikalisch in eine Ecke, die man sonst vielleicht eher in den 70ern bei „Black Uhuru“ oder „Israel Vibration“ vermutet hätte. „Negative Gedanken, bilden nur neue Schranken“ rockt die Bonnerin dann weiter, und sie wäre nicht Cynthia Nickschas, würde sie im Laufe des Liedes ihrer Stimme und ihrem Drang nach tanzbarem Offbeat nicht freien Lauf lassen. Wer Cynthia zum ersten Mal hört, fängt hier bereits an, parallel zur Musik im Internet nach ihren Live-Terminen zu suchen…

Dass „Schissig“ kein Liebeslied ist, steht auf dem Cover bereits in Klammern dahinter. Dass es am Ende irgendwie doch eins wird, verschweigt die Künstlerin geflissentlich. Wer nun aber langsame Schmalz-Töne vermutet, liegt falsch. „Und wie ich brenne zu genügen!“ singt sich Cynthia ihre Gefühle vom Herzen, als wäre Janis Joplin nochmal wiedergekommen und hätte vorher im Himmel Gesangsstunden genommen. Wie bei jedem Lied vor und nachher ist die Musik frisch und anders, und man vermutet zurecht neben der eingespielten Band hervorragende Gastmusiker im Studio. Diesmal klingt der Sound eher nach „Mellow Mark“… was soll man machen.

Sind die ersten Stücke auf Cynthias Machwerk für Kenner fast schon „alte Klassiker“, wenn auch in neuem Gewand, zeigt sie mit den Titeln „Gold glänzt nicht“ und „Verdummt genug“ was bei ihr in der Zwischenzeit so alles passiert ist. Unter vier oder fünf Minuten können soviele Gedanken, Reime und Musik einfach, Gott sei Punk, nicht mehr verpackt werden. Die Stücke bauen sich aus langsamen, gefühlvollen Intros auf, um dann den Hörer über das Fußwippen hinweg auf die Tanzfläche zu ziehen und enden in einem Tornado von Stimme und Musik. Spätestens hier fällt auf, dass dieses Album nicht in irgendeinem Keller, sondern auf dem Label „Sturm und Klang“ von Konstantin Wecker entstanden ist. Nicht nur an den Instrumenten, sondern auch am Mischpult und beim Mastern haben Menschen hier ihr Handwerk richtig verstanden.

Insgesamt wurden zehn Titel auf das Album gepackt, und obwohl die Lieder musikalisch äußerst abwechslungsreich gestaltet sind, verliert Cynthia nie ihren roten Faden, und schon gar nicht ihren typischen Sound. Auf jeden Fall bekommt man nach diesem Album Lust, diese Künstlerin live zu sehen und zu hören. Eine Quintessenz aus diesem Werk zu ziehen fällt mir diesmal daher wirklich leicht: Dieses Album gehört in jeden Plattenschrank, in dem sich auch Dota Kehr und Janis Joplin befinden! Prädikat: Empfehlenswert!

www.cynthiaandfriends.de

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