Ein Achtel Lorbeerblatt

Das Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunstmagazin

Von Romantik, hellen Farben und Galgenstricken – Heiniger trifft David Wonschewski

Der eine liebt den Schmerz, der andere nicht. Der eine berichtet über schwarzen Frost, den anderen fröstelt es dabei. Der eine schreibt von jungen Männern, die sich zuweilen erhängen und zuweilen auch nicht, wenn sie nämlich dem sinnlosen Baumeln am Strick in irgendeiner Parkanlage im letzten Augenblick gerade noch das (ebenso sinnlose) Belästigen junger Frauen vorziehen. Und der andere? Der runzelt bei der Lektüre solcher Geschichten bloss die Stirn. Wo liegen also die Berührungspunkte zwischen dem einen (David Wonschewski) und dem anderen (Markus Heiniger)? Ganz einfach: Der eine liebt Liedermacher und der andere ist einer. Und der eine macht Literatur während der andere nicht ohne sie sein kann. Und beide waren sie zugegen, als „Ein-Achtel-Lorbeerblatt“ das Licht der Welt erblickte. Der eine lag in Berlin in den Geburtswehen und der andere rief ihm von der Schweiz aus Mut zu. Doch davon erst ganz zum Schluss.

 

 

MH Hallo David!

DW Hallo Markus!

MH Schön, dich zu lesen! Wir wollen in „Heiniger trifft“ unseren Leserinnen und Lesern ja für einmal keine Traumkulisse präsentieren, wie etwa, als ich mit Linard Bardill im Geiste in der Rheinschlucht war, einem der Grand Canyons der Schweiz oder mit Dodo Hug auf der Basler Münster-Fähre, sondern uns ganz auf die Kraft der getippten Lettern verlassen. Das heisst, nein, das schaffe ich ja gar nicht, wie ich gerade merke. Ich brauche Bilder. Sag mal, wie muss ich mir eigentlich deinen Arbeitsplatz vorstellen? Baumelt da an einem Balken hinter deinem PC ein Strick? Oder lässt, ganz im Gegenteil, ein schmuck platziertes Fenster den Blick auf einen alten Lindenbaum frei, in dessen Rinde so manches liebe Wort geschnitten ist, wie es bei meinem Lieblings-Liedermacher Franz Schubert heisst? Wie hell ist es in deinem Arbeitszimmer?

DW Ach, Markus, was für eine geradezu traditionell anmutende Frage, ich möchte sie fast romantisch nennen! Warum? Nun, weil ich es, wenn auch mit einiger Mühe, ins 21. Jahrhundert geschafft habe und über ein Notebook verfüge. Ich habe somit nicht einen Arbeitsplatz, sondern, tja, 20 oder 30. Zuletzt waren es vermehrt Reisebusse, in denen ich saß um quer durchs Land zu Lesungen zu fahren. Ob da vor meinem Fenster irgendwo ein Strick baumelte, vermag ich nicht zu sagen, es ist ja fast zu vermuten, irgendwo hängt halt immer ein Strick an dem einer baumelt, denn wo gelebt wird, da wird nun einmal auch gehängt. Abgesehen von dem üblichen Gerüttel und Geschüttel ist es aber der beste vorstellbare Platz zum Schreiben. Also der Bus, nicht der Galgen. Man begegnet in diesen Bussen so vielen unterschiedlichen Menschen, mithin auch Gestalten. Und schaut man aus dem Fenster und sieht an den vielen einfach einmal so dahin vermuteten Stricken vorbei, so ergeben sich so wunderbar viele Impressionen. Sehr inspirierend. Erst wenn es ans Eingemachte geht, ich meine viel zu vielen Gedanken und Einfälle zu bündeln und zu stutzen versuche, mich also ein wenig selbst lektoriere, dann brauche ich Kopfhörer und englischsprachige Musik. Und am besten Regenwetter draußen. Nichts lässt mich konzentrierter und effektiver arbeiten als Wind und Regen, die gegen das Dach peitschen. Zumal ich auch direkt unter einem solchen lebe.

JE ISOLIERTER DESTO KONZENTRIERTER

MH Windböen, die an den Ziegeln rütteln, während du unter dem Dach an Texten feilst, wie etwa jenem (in deinem aktuellsten Buch „Geliebter Schmerz“), in dem mitten in der Nacht „etwa um Viertel nach drei“ ein Volvo als Fluchtfahrzeug auf zwei Mörder wartet, die gerade bei Herrn Driebusch klingeln. Ist das alles nicht doch auch romantisch?

David WonschewskiDW Gilt der Volvo als romantisch, ja? Ich habe ja so schrecklich wenig Ahnung von Autos. Ich glaube aber, ich bin weniger Romantiker als denn ein Höhlentier. Fein am geschilderten Unwetter ist ja nicht die vermeintlich pittoreske herbstliche Naturgewalt sondern das kompakte Einigeln. Wenn ich in Räumen bin, muss ich auch alle Türen schließen, sonst geht in kreativer Hinsicht gar nichts. Dunkelheit verstärkt diesen Effekt ebenfalls weit mehr als lichtdurchflutete Räume. Je isolierter, desto konzentrierter. Hannes Wader hat in einer Dokumentation einmal geschildert, wie er in jungen Jahren am liebsten noch Saiten seiner Gitarre entfernt hätte, um es noch spartanischer und minimalistischer zu haben. Das geht mir ganz ähnlich ab einem gewissen Punkt. Ein Tisch in einem kargen kalten Raum, auf diesem Tisch ein Blatt Papier und ein Bleistift. Die Vorstellung, dass ich so arbeiten könnte, empfinde ich in der Tat als romantisch. Wie es aber mit der Romantik so ist, zerbricht sie brachial an der Realität. Ich male mir aus, in einer solchen Umgebung zu einer inneren Einkehr zu finden. De facto würde ich aber wohl die Wände hochgehen. Ganz zu schweigen davon, dass der Lektor, der sich 500 Seiten Handklaue antut und das Ganze dann noch in den PC tippt, noch nicht geboren sein dürfte. Bleiben also die Notebooks in den Reisebussen. Und die Hoffnung auf ein wenig Nieselregen, einen kleinen Schauer, so ab und an.

MH Naja, Volvos erinnern mich eben stets etwas an Verfilmungen von Kurt Wallander-Krimis. Es sind die Autos, die in Schwedischer Polarnacht knarrend vor gespenstischen Schuppen parken. Vielleicht eine etwas düstere Auffassung von Romantik, die sich nicht zuletzt von der Erwartung des Happyends nährt. Apropos Filme und Polarnacht. Der Kanadische Pianist Glenn Gould wollte ja immer einmal eine ganze Polarnacht erleben. Und als Lieblingsfarbe gab er Schlachtschiffgrau an. Welcher Farbton würde in einer Verfilmung deiner Kurzgeschichten aus „Geliebter Schmerz“ vorherrschen? Siehst du sie vorwiegend schwarz? Oder wäre es eher Blues?

 

DW Oh, eine Geschichte die den Farbton schwarz verdient hätte, die kann ich dort gar nicht entdecken. Wenn jemand schwarz bei den Erzählungen in „Geliebter Schmerz“ als durchgängigen Farbton sieht, nun, so müssten wir bei demjenigen mal nachforschen, was ihn dazu bringt, wie sein Leben verläuft, welche Erfahrungen ihn prägen und so weiter. Ich selbst sehe da kaum schwarz. Die „Sommerromanze“ ist rot. „Nazis in Nahost“ himmelblau, „Abschied“ ein sattes Grün. Schmerz ist Leben, ein Fest der Sinne, vielfältig und anregend. Eine Verfilmung des Buches würde von daher eine Mischung aus Kaleidoskop und LSD-Trip werden. Hippie-bunt.

MH Ich meinerseits sehe in deinen Geschichten durchaus auch Schwarz, finde dies allerdings gar nicht so unpraktisch, sagte doch Hanns Dieter Hüsch mit der Stimme einer seiner Tanten einmal: „Auf Schwarz sieht man alles, auf Schwarz sieht man alles!“ Allerdings spricht mich in deiner Antwort gerade auch das Himmelblau sehr an. So ganz unter uns: Hast du diese Geschichte, in der dir im Nahen Osten der Hitlergruss das Leben rettet, tatsächlich so erlebt? Die Geschichte klingt extrem authentisch. Si non e vero, e bon trovato, (wenn’s nicht wahr ist, ist es gut erfunden), würde der Italiener mit einer Redewendung dazu sagen.

DWonschewskibyMashaPotempa1DW: Meine persönliche Meinung ist, dass es gar keine erfundenen Geschichten gibt, und so ist auch diese Geschichte selbstredend nicht erfunden. Sie ist an einigen Stellen natürlich verdichtet, ab und an weiß man auch selbst nicht mehr, ob man gewisse Dinge schon während eines Erlebnisses intensiv reflektiert hat oder aber ob erst Monate oder gar Jahre später noch etwas hinzukam, was einem nun als „reale Begebenheit“ erscheinen will. Im Grundgerüst stimmt die Geschichte aber, ich war im Westjordanland und es hätte nicht viel gefehlt, und ich wäre in irgendeiner Statistik des Auswärtigen Amtes aufgetaucht, wenn überhaupt. Als geschichtsbeflissener Mensch weiß man sich aber ab und an gottlob auch selbst aus manch misslicher Lage zu befreien.

 

ICH SCHREIBE ZWAR GERNE ÜBER TOD UND SUIZID, WÜRDE MIR ABER EINER NACH DEM LEBEN TRACHTEN, ICH WÜRDE WAHRSCHEINLICH ALLE ACH SO HORRENDEN IDEALE IN DIE TONNE TRETEN, UM AUS DIESER SITUATION ZU ENTKOMMEN.

MH Sowohl dein Roman „Schwarzer Frost“ als auch die meisten deiner Kurzgeschichten in „Geliebter Schmerz“ enden ja quasi mit einer Pointe. Oder zumindest pointiert, man möchte fast sagen in bester Liedermacher-Manier. Steht die Pointe bei deinen Geschichten am Anfang? Schreibst du also quasi von hinten her?

DW Oh, das freut mich, dass du das sagst! Weil es so noch niemand gesagt hat, genau dies aber in der Tat für mich die hauptsächliche Herausforderung ist. Das liegt in meinem Stil begründet, denn auch wenn ich mich Schriftsteller nennen darf, so bin ich doch mit Sicherheit kein Erzähler, will gar keiner sein und würde ergo auch nie behaupten ein solcher zu sein. Erzähler machen etwas ganz anderes als was ich da mache, da gehen in der Regel viele Seiten für die Beschreibung einer Szenerie drauf, was ich mir in der Regel klemme, da ich den Sinn in derlei ausufernden Schilderungen nicht entdecken kann. Mir geht es zu Beginn eher um einen Erkenntnisgewinn, den ich für mich selbst erreichen will. Oftmals stehen bei mir ganz zu Anfang daher recht plakative Überlegungen, die ich dann im Laufe des Schreibens zu verifizieren oder eben auch falsifizieren versuche. Bei „Nazis in Nahost“ war es zum Beispiel die Frage: Was ist ein Held? Die Antwort darauf hatte ich schnell parat: Ein Held ist für mich einer, der seine Ideale jederzeit vertritt, auch wenn es seinen eigenen Untergang bedeutet. Daran schloss sich dann die Überlegung an, ob ich selbst ein Held bin. Das wollte ich für mich selbst herausfinden, zumindest gedanklich. Also habe ich diese Geschichte solange geschrieben, solange in alle Richtungen durchdacht, bis ich die Lösung hatte: Nein, ich bin kein Held. Ich schreibe zwar gerne über Tod und Suizid, würde mir aber jemand nach dem Leben trachten, ich würde vermutlich so ziemlich alle ach so horrenden Ideale in die Tonne treten, um aus dieser Situation zu entkommen. Der Hitlergruß bot sich da natürlich an, eine so kleine Geste, ein so großes Versagen. Interessanterweise finden es einige Leser nun „heldisch“, dass ich das so offen zugebe, zumal sich ja noch immer so schrecklich viele Menschen in dem sämigen Eigengefühl suhlen, dass sie in den 30er Jahren mit Sicherheit zu den wenigen Widerständlern gehört hätten. Hätten sie aber eben nicht. Vermutlich wären sogar gerade diese sich selbst so gerne glorifizierenden Menschen als erstes den diabolischen Versuchungen und Zwängen jener Zeit anheimgefallen.
Auch bei „Schwarzer Frost“ verhielt es sich so. Die simple Ausgangsfrage lautete dort: Wenn ich depressiv bin – wem kann ich dann die Schuld dafür geben? Ich wollte es einfach herausfinden und habe mich ja nun wahrlich abgemüht daran, auf das feine Ergebnis „die Gesellschaft ist böse, die Menschen sind verkommen“ zu gelangen. Kam ich aber nicht. Ich selbst drehe mir die Welt in den Winkel, in dem ich sie betrachten möchte – das, und nur das, ist die richtige Antwort. Sieht man von einigen horrenden Schicksalsschlägen einmal ab, bin ich selbst meiner eigenen Depression Schmied. Und auch nur ich selbst kann mich dort wieder hinaus ziehen. Da kann Lohwald, der Widerpart in der Geschichte, noch so ein Ekel sein: mit meinem miesen Eigengefühl hat er nix zu schaffen. Deswegen sehe ich „Schwarzer Frost“ als ein lebensbejahendes Buch. Und meine das nicht mal als Witz. Wenn wir alle endlich aufhören über andere zu jammern und den Fokus auf uns selbst richten, dann wäre diese Welt eine bessere. Wir brauchen mehr Egozentrismus, nicht weniger. So kam auch die Geschichte „Der hässliche Mann“ zustande. Nichts wird derart heuchlerisch überbewertet wie die angebliche Tugend „über den Tellerrand hinausblicken“ zu können. Dabei ist doch das der grobe Denkfehler. Die meisten globalen Konfliktherde sind doch nur deswegen globale Konfliktherde, weil allerlei Menschen aus den entferntesten Ecken der Welt glauben, mitquatschen zu müssen.

Natürlich muss man meinen „Erkenntnissen“ nicht jederzeit folgen, sogar ich mache das nicht immer und überall. Ich kann nicht behaupten bei jeder der Melancholien in „Geliebter Schmerz“ begeistert mein Heureka ausgerufen zu haben.

MH Du siehst dich selber also nicht als Erzähler. Ganz eindeutig sehe ich dich jedenfalls als Handwerker. So war es bei mir immer wieder nicht zuletzt die Sprache, die mich bei deinen Texten bislang hat am Ball bleiben lassen. Gut, nun könnten wir mit Marcel Reich-Ranicki darüber streiten, ob sich Sprache und Inhalt überhaupt voneinander trennen lassen. „Die Sprache iffft der Inhalt des Buches!“, höre ich den grossen Kritiker im Literarischen Quartett noch lispelnd wettern. Hin und wieder, allen voran bei „Abschied“, wird bei dir aber ganz einfach spürbar, wie fein du mit deiner Sprache zu berühren vermagst; mit Sprache und „Inhalt“ eben. Denn so heiter und bunt du deine Geschichten insgesamt auch sehen magst, ihr Inhalt ist ja zuweilen auch abstossend. Bei „Der Tag an dem ich mir selbst den Garaus machen wollte“ etwa.
Ich finde die Geschichte widerlich. Ich weiss, das ist emotional gedacht, nicht literaturwissenschaftlich. Aber ich vertrete meine Meinung hier ganz bewusst quasi als naives Kind, welches feststellt, der Kaiser ist nackt. (Erklärung für Leserinnen und Leser, die die genannte Geschichte nicht kennen: Der Erzähler will sich in einem öffentlichen Park gerade erhängen, als er eine junge Frau sieht, zu der hin es ihn mit aller Macht, vom bereitgehängten Strick weg, zieht. Er spricht sie an und beginnt sie sogleich ziemlich übel zu belästigen.)
Ist das lustig? Heiter? Oder pädagogisch im Sinne von: Seht her wie realistisch, so was kommt vor unter Menschen!? Ich weiss es zur Genüge und runzle beim Lesen einfach nur die Stirn. Sie lässt mich eher kalt.

DW Als Autor dieser Geschichte verstehe ich dein „widerlich“ natürlich als Lob. Man schreibt sowas ja nicht, damit am Ende der Leser allenfalls bei einem „Och ja, so ist das halt“ hängen bleibt. Mein Wunsch ist, dass jeder, der diese Geschichte liest, entweder nach einigen Seiten das Buch weglegen will oder aber die Geschichte in einem Zug durchgeht und das Buch danach wutentbrannt durch das Zimmer schleudert, gerne auch fluchend. Wenn diese Geschichte jemanden kalt lässt, dann muss ich mich eben mehr anstrengen beim nächsten Mal, eine intensivere Sprache finden. Sicherlich, ich könnte eine solche Geschichte auch weglassen, stattdessen lieber versuchen auch mal was Komödiantisches einzuflechten anstatt so etwas vom Stapel zu lassen. Ich bin allerdings der Ansicht, dass ich der Menschheit einen größeren Dienst erweise, wenn ich den Menschen so darstelle wie er ist und nicht zwanghaft versuche, die schattigen Seiten zu ignorieren. Es gibt Vergewaltigung, es gibt Frauenschändung, auch hier haben wir es ergo nicht mit einer vermeintlich erfundenen Geschichte zu tun. Und ich bin mir offen gesagt nicht sicher, ob diese Realität in unserer ach so aufgeklärten Gesellschaft wirklich schon oft genug thematisiert worden ist. Ich befürchte nein, also schreie ich es lieber heraus, denn immerhin kann ich noch schreien. Für mich stellen sich derlei Fragen daher genau andersherum: Wie selbstherrlich und arrogant muss ein Autor eigentlich sein, um solche Themen zu umgehen? Für mich ist das also auch eine Sache von Pflicht- und Verantwortungsbewusstsein. Ich werde gelesen, ich werde gehört – also sollte ich das zum Wohle der Menschheit nutzen. Die plakative Ausgangsfrage bei „Der Tag, an dem ich mir selbst den Garaus machen wollte“ war im Übrigen: Was für ein Selbstbild mag ein Vergewaltiger haben? Sitzt er feiernd in seiner Wohnung und freut sich geifernd auf sein nächstes Opfer? Oder aber liegt er dort in Embryohaltung auf dem Fussboden, schrickt zusammen, wenn das Telefon schellt und wünscht sich nichts sehnlicher als den eigenen Tod? Selbsthass oder Narzissmus?
Auch will ich nicht unerwähnt lassen, dass bei meinen Live-Lesungen zum Teil laut gelacht wird beim Vortragen dieser Geschichte. Ebenso bei „Schwarzer Frost“, bei „Nazis in Nahost“ oder der „Sommerromanze“, obwohl – oder weil? – es bei dieser um Borderline geht. Meine düstersten Geschichten erzeugen die lautesten Lacher, wenn ich sie live vortrage. Ein Phänomen, das mich ein wenig stolz macht, wenn ich ehrlich bin. Dass ich aber selbst noch nicht zur Gänze ergründet habe.

NOCH SPANNENDER ALS DIE REAKTIONEN AUF DIE TEXTE SIND JEDOCH DIE PAUSEN ZWISCHEN DEN TEXTEN.

MH  Vielleicht habe ich einfach schon zu viel mit dem Thema Übergriffe und Vergewaltigung zu tun gehabt um wegen solcher Geschichten noch Bücher im Zimmer rumzuwerfen oder darüber zu lachen. Aber du setzt dich damit auseinander und das ist gut so. Und womöglich würde ich bei deiner Lesung ja tatsächlich auch lachen, ich könnte es mir vorstellen. Ja, bleiben wir doch bei deinen Live-Lesungen. Welches waren für dich die bislang spannendsten Publikumsreaktionen, von den Lachern jetzt einmal abgesehen?

DWDavid Wonschewski Du, es ist vollkommen klar, dass auch bei meinen Geschichten der Erfahrungsbackground des Lesers die Musik macht. Wer genug mit Übergriffen und Vergewaltigungen zu schaffen hat, klar, dem kann ich wirklich nichts mehr erzählen, der ist dann auch nicht der richtige Ansprechpartner dafür. Das ist aber ja auch bei Liedern so, es gibt wahnsinnig tolle Lieder, fulminant getextet, herzergreifende Melodie – und sie berühren mich nicht, da ich schon 50 Lieder zu dem Thema gehört habe. Da hat Lied 51 was mich angeht einfach einmal Pech gehabt. Bei der „Sommerromanze“ hatte ich jüngst auch so zwei Erfahrungen. Ein Liedermacher hörte sie von mir bei einer Lesung, fand sie wohl auch großartig, zeigte sich allerdings ein wenig genervt, dass ich immer wieder so klar auf die zerschundenen Unterarme der jungen Frau hinweise, wo doch schon bei der Anfangspassage jeder weiß, um welche Art Frau es sich handelt. Wenige Tage später erzählte ich einem anderen Liedermacher davon, ein sehr reflektierter, bedächtiger Mann, den die Geschichte ebenfalls umtrieb. Der fiel fast aus allen Wolken als er von mir nachträglich erklärt bekam, dass die junge Frau Borderline hat. War für ihn im Text einfach nicht herauszuhören. Der Hintergrund ist einfach: dem ersten Liedermacher ist das Thema aus dem privaten Umfeld überaus bekannt, da sage ich „Pullover mit langen Ärmeln“ und er weiß Bescheid. Für den zweiten war das Thema bisher offenbar weniger zentral. Dieser breite Wahrnehmungsgraben spiegelt sich auch bei meinen Live-Lesungen wieder. Glücklich macht mich, dass ich mein etwas schwammiges Nihilisten-Credo, wonach es keine Wahrheiten gibt, allerdings auch bei meinem Live-Publikum wiederfinde. Und genau das ist das Spannende daran. Ich habe einmal mit einer befreundeten Liedermacherin, mit der ich einige Male als Duo aufgetreten bin, darüber gesprochen. Sie meinte, sie kenne ihre Songs und wisse sicher, was diese Songs auslösen in den Leuten. Das gebe ihr die Möglichkeit spontan auf die Stimmung im Saal zu reagieren, auf durch die Luft wabernde Wünsche einzugehen. Das kann man bei mir völlig vergessen, bei mir werden bei jedem Text und bei jeder Lesung die Karten komplett neu gemischt. Der bereits benannte Text „Abschied“ ist so ein wenig die einzig sichere Bank, da wird immer geweint im Publikum, vermutlich weil sich der Text wirklich auf die Erfahrung eines jeden Einzelnen projizieren lässt. Aber sonst? „Nazis in Nahost“ ist da ein sehr gutes Beispiel, ich sehe ja von meinem Platz aus die Gesichter der Leute. Und sehe – alles. Vorne links die junge Dame muss sich die Hand vor den Mund halten, um nicht immer dann in lautes Lachen auszubrechen, wenn ich „Hitler“ sage. Hinten rechts der ältere Herr schaut ganz mürrisch drein und wird nach der Lesung zu mir kommen und eine halbe Stunde über die deutsche Historie und den Nahostkonflikt referieren. Und direkt vor mir sitzen zwei, die schauen sehr angewidert, wenn ich kleinen spielenden Kindern das Wort „Hitler“ in den Mund lege und mich selbst am Ende der Geschichte auf diese blöde Weise herausstehle. Oder „Tod hinter der Wand“, ein recht sarkastischer Text über einen über Wochen tot in der Wohnung nebenan liegenden Nachbarn. In Berlin wurde so laut gelacht, dass ich zwischendrin immer wieder abbrechen musste. Dass ich ja richtig lustig sein kann, hieß es. In Hamburg: tiefstes Schweigen und anschließend Beileidsbekundungen, das sei ja schlimm, die Sache mit meinem Nachbarn. So geht das dauernd, immer wenn ich denke, ich habe einen meiner Texte und die Reaktionsschemata erfasst, kommt eine Lesung, die alles über den Haufen wirft. Da fällt dann sogar der „Abschied“ rein, der zwar fast immer irgendwen zum Weinen bringt, aber bei einer Lesung zwei Rentner nicht davon abhielt, fast aufeinander loszugehen. Alle saßen etwas bedröppelt da und die beiden sind sich gegenseitig beinahe an die Kehle gegangen, weil sie eine unterschiedliche Meinung zum Begriff „sentimental“ hatten.
Noch spannender als die Reaktionen auf die Texte sind jedoch die Pausen zwischen den Texten, das ist das größte Faszinosum. Wenn ich ohne Musiker auftrete, die mit ihren Songs von Text A zu Text B überleiten, dann ist da halt: nix. Ich lese, schweige 30 Sekunden, lese den nächsten Text, schweige dann wieder und so weiter. Früher bin ich den Leuten auch aus einer eigenen Unsicherheit heraus noch entgegengekommen und habe jeden Text mit einem abrupten: Danke! beendet, woraufhin artig Applaus gespendet wurde. Das mache ich inzwischen nicht mehr und die Verwirrung und die Unsicherheit bei den Hörern ist offenkundig. Klatscht man nach solchen Geschichten? Der Vater ist an Krebs gestorben, die Hand wurde zum Hitlergruße erhoben, die Frau vergewaltigt – klatscht man da? Selbst wenn man den Text gut, stellenweise sogar lustig fand? Oft wird über diese Reaktionsunsicherheit sogar mehr diskutiert als über die Texte als solche. Sich vorne hinzustellen und solche Texte vorzulesen ist eine Herausforderung, sich als Publikum zu einer klaren Position durchzuringen offenbar eine weitere, ganz andere. Manchmal beginnt auch einer so halb zu klatschen, wird von der Stummheit und den Blicken der anderen aber schnell zur Räson gerufen, so dass es so ein im Raume verreckendes Handplatschen gibt. Das ist aus meiner Situation betrachtet auch immer recht obskur, absurd fast schon.
Man muss allerdings auch sagen, dass gerade dort ein großer struktureller Unterschied zwischen meinem ersten Buch „Schwarzer Frost“ und „Geliebter Schmerz“ liegt. Das erste ist ein Buch zum Lesen. Das zweite ist ein Buch, in dem Texte, die von mir zuallererst für Live-Auftritte getextet wurden, nachträglich in Leseform gebracht worden sind. Ein großer Unterschied. Deswegen gibt es dieses Buch auch überhaupt, da nach meinen Lesungen immer mehr Leute kamen und nach diesen kleinen Texten fragten. Ursprünglich wollte ich die gar nicht veröffentlichen, sondern einfach ein paar Sachen parat haben, um mich einer der vielen Lesebühnen anschließen zu können, wo man oftmals nur 15 Minuten Lesezeit hat, was für einen ganzen Roman halt schwierig ist. Dadurch sind in „Geliebter Schmerz“ auch Texte, die mir selbst nicht sonderlich gefallen, die aber großen Anklang fanden. „Die selbstbestimmte Frau“ ist so ein Text, sehr beliebt bei Bloggern und bei Lesungen, regelmäßig taucht die Frage auf, ob das nicht zu einem ganzen Roman gemacht werden könnte. Ich gebe hiermit erstmals öffentlich zu Protokoll: Nein, kann es nicht. Die Geschichte ist lang genug, hat vereinzelte nette Momente, ist für mich persönlich aber zu bedeutungslos, um es zu einem Roman werden zu lassen. Wer New York liebt, sollte hinfahren, nicht so eine lange Geschichte darüber schreiben von Berlin aus. Lass uns diese Unterhaltung in 30 Jahren wiederholen, ich werde dir garantiert was von „Jugendsünde“ und „stilistischer Unerfahrenheit“ erzählen. Und die Nase rümpfen dabei, einen angewiderten Gesichtsausdruck vor mir her tragen.

MH Ok, nun hast du meine Neugierde endgültig geweckt. Ich komme zu dir in die Vorstellung. Endlich darf ich auch einmal an der falschen Stelle lachen. Das liebe ich! Planst du übrigens ein Hörbuch? Ich könnte mir vorstellen, dass ein Live-Hörbuch spannend wäre. Den einen oder anderen Text könntest du ja auch, das meine ich jetzt nicht ironisch, der Liederbestenliste schicken – du müsstest halt in den Ausstand treten -, unter der einstmals von Georg Kreisler geschaffenen Rubrik Worte ohne Lieder.

DW Die Frage nach dem Hörbuch ist die meistgestellte Frage nach Lesungen, noch öfter als die Frage, ob die Geschichten alle echt erlebt sind. Das liegt wohl daran, dass ich relativ variabel lese, also auch brülle und weine und zittere und flüstere, alles das. Es geht wohl eher gen Szenisches Lesen. Das Problem an so einem Hörbuch ist, dass es natürlich eine schöne Bestätigung für mich ist, eine solche Frage nach einer Lesung dauernd zu hören, de facto darf man sich aber getrost auch die daran anschließende Frage stellen, wer ein solches Hörbuch kaufen soll. Es ist ja nun kein Geheimnis, dass ich mit meinem Schreibstil und meinen Sujets nicht gerade massentauglich bin, also eher in den Independent-Bereich falle. Bücher in diesem Segment zu verkaufen ist enorm schwierig. So wie Liedermacher in keinem Radio mehr gespielt werden, so finde ich natürlich auch nicht in Buchhandlungen statt, man stolpert nicht mal so über mich, sondern muss mich aktiv bestellen. Und nun stelle man sich mal vor, nach einer Lesung werden mir dann wirklich die Hörbücher aus der Hand gerissen, auf den wirklichen Büchern bleibe ich dann aber sitzen – ist das so wünschenswert? Nein, erst so viele Bücher verkaufen, dass es für ein Apartment in Manhattan reicht – und dann ein Hörbuch ins Auge fassen. Ich glaube, das ist der beste, der organische Weg.
Die Idee mit der Liederbestenliste ist natürlich reizvoll, ich gebe aber zu, ich komme mit Platzierungen nicht klar. Bin ich ganz mies platziert, halte ich mich für schlecht und untalentiert. Bin ich weit oben platziert, fürchte ich im erzählerischen BlaBla-Mainstream angekommen zu sein, denn in den Hitlisten oben sind ja meist nur die inkonsequenten, risikoscheuen Leute, die Erfolg zu berechnen gelernt haben. Tja und so eine Platzierung im Mittelfeld würde mich ebenfalls komplett ratlos zurücklassen. Nee, ich glaube, da lasse ich mich lieber von Kritikern zerreißen oder in den Himmel loben, beides bereits geschehen und durchaus okay.

MH Ja, David, nimm es nur weiterhin schön locker mit einer künstlerischen Existenz neben den Charts! Und bestimmt bliebest du ja auch locker, sollte sich dereinst sogar noch der grosse Erfolg einstellen und du ein regelmässiger Talk-Gast bei Markus Lanz werden oder so. Denn der Erfolg kann einem ja nur zu Kopfe steigen, wenn es da oben zuvor schön leer war. Apropos Erfolg. Vor über drei Jahren träumtest du von einem Onlinemagazin, welches es nun tatsächlich gibt und auf welchem du nun gerade interviewt oder zumindest in ein Gespräch verwickelt worden bist. Ist das für dich, von damals aus gesehen, ein Erfolg?

DW Da ich keine Definition von Erfolg im Schädel habe, kann ich wohl nur sagen: Nein, ist es nicht.

ICH MACHE KEINEN HEHL DARAUS, DASS DAS LORBEERBLATT NICHT DURCHGEHEND SPASS MACHT

MH Und wenn ich hier „Erfolg“ schlicht als etwas definiere, das im Erfolgsfall eben erfolgt und, bleibt der Erfolg aus, nicht erfolgt? Nein, das wird mir zu juristisch. Sag doch als grosser Liedermacher-Fan, Lorbeerblatt-Macher, Jungautor oder einfach überhaupt als David Wonschewski hier abschliessend noch ein paar Worte zum eigenen „Kind“, das, mit dreieinhalb Jahren, ja nun doch schon ins Spielgruppen-Alter eintritt!

DW: Tja, was sagt man da so gebündelt? Erfolg könnten Glücksmomente sein, die es gab. Von Reinhard Mey musikjournalistisch, nun, legitimiert zu werden gehört dazu. Bekanntlich ist er ja sehr kritisch, was Medien betrifft. Und dass er ein kleines Internetportal unterstützt, nein, das war nicht abzusehen. Auch menschlich ist der Kontakt zu ihm so mit das Beste, was mir in 15 Jahren Musikjournalist und bald 40 Jahren Mann und Mensch passiert ist. Ich meine, auf Platte erzählen kann man mir ja viel – dann aber bei der realen Begegnung festzustellen, dass es womöglich doch gute und selbstlose Menschen gibt, doch, das gehört zu den großen Erfahrungen meines Lebens und war so besehen ein Erfolg. Viele behaupten ja von sich Philanthropen zu sein, sind es aber gar nicht. Bei Mey ist es offenbar genau andersherum, er weiß augenscheinlich selbst noch immer nicht, wieviel Kraft er den Menschen geben kann. Auch sonst gibt es natürlich eine Reihe Glücksmomente, beginnend bei Alben, die plötzlich im Postfach liegen, die man eher lustlos einlegt – und die auf Anhieb eine ganze missratene Woche verschönern können. Auch meine Kollegen, die mir hier helfen dieses weiterhin ehrenamtliche Projekt am Leben zu halten, gehören natürlich zu den menschlichen Erfolgen. Oder dieser sonderbare Schweizer, der sich vermutlich auch nicht hätte träumen lassen mal als „Exot“ in einem Team zu gelten.
Natürlich gibt es aber auch die unschönen Seiten. Ich mache keinen Hehl daraus, dass das Lorbeerblatt nicht durchgehend Spaß macht. Man lernt Künstler nicht nur von einer guten Seite kennen, natürlich nicht. Zum Menschenfreund wird man hier definitiv nicht. Ich war mal so naiv zu glauben, dass Liedermacher in irgendeiner Form weiser oder gütiger sind als andere Musiker. Dem ist nicht so. Als ich das Lorbeerblatt seinerzeit gründete, wurde ich vorgewarnt, Liedermacher seien besonders schwierig und ihnen ein Medium hinzustellen werde in Stress ausarten, den sich kein halbwegs intelligenter, lebensfroher Mensch antun sollte. Kann ich nach drei Jahren bestätigen, der Impuls den ganzen Laden in einem Handstreich einfach dicht zu machen anstatt mich für Leute aufzureiben, die es schlichtweg nicht wert sind, ist im Grunde monatlich da. Da hilft mir aber meine langjährige Berufserfahrung: Du machst so ein Blatt eben nicht, um Freunde zu finden oder als sympathisch zu gelten. Wenn du das willst, dann mach was anderes, aber kein Musikmagazin, am besten gar keinen Journalismus. Mit etwas Glück haben einige Menschen etwas Achtung oder Respekt vor dir, wenn es dir denn gelingt konsequent deinen Weg zu gehen und den Leuten auch mal unbequem zu kommen. Da kann man noch so eine geringe Eigenmeinung haben – steht man einem solchen Projekt vor, so wird man automatisch zu dem kleinen machiavellischen Diktator, der man doch niemals werden wollte. Und beginnt ein gewisses Verständnis für das Treiben autoritärer Menschen zu entwickeln.

MH Lieber David, danke für dieses feine Interview. Und, es sei einmal gesagt an dieser Stelle, danke für deine bereichernde Arbeit!

DW „Schreiben Sie, dass ich was gesagt hätte!“ [Letzte Worte von Pancho Villa, mexikanischer Revolutionär, zu einem Journalisten, nachdem er von einer Revolverkugel tödlich getroffen worden war]

 

Inhaltsangabe zu Schwarzer Frost        Hier klicken.

Inhaltsangabe zu Geliebter Schmerz    Hier klicken.

David Wonschewski, Jahrgang 1977, wuchs im Münsterland auf und ist seit 15 Jahren als Musikjournalist für Radio, Print & Online tätig. Als leitender Redakteur gestaltete er viele Jahre das Programm landesweiter Stationen, führte Interviews mit internationalen Künstlern, verfasste knapp 450 Rezensionen sowie PR-Texte für u.a. Reinhard Mey. Er ist Begründer des Liedermachermagazins “Ein Achtel Lorbeerblatt” und sitzt seit 2013 in der Jury der renommierten Liederbestenliste. Sein von der Internationalen Thomas Bernhard Gesellschaft empfohlener Debütroman “Schwarzer Frost” brachte ihm 2013 erste Vergleiche mit Autorengrößen wie David Foster Wallace, Bret Easton Ellis oder eben Thomas Bernhard ein. Der Nachfolger “Geliebter Schmerz” erschien Anfang 2014.

www.davidwonschewski.wordpress.com

Fotos: Masha Potempa www.mashapotempa.de

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