Ein Achtel Lorbeerblatt

Das Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunstmagazin

Katja Ebsteins Konzertprogramm „Berlin – trotz und alledem!“ auf der Nordseeinsel Amrum

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Große Themen und Fragen bewegen das Publikum auf einer kleinen Insel

Ein Konzertbericht von Anne Drerup

Es ist Montagabend, der 25. August 2014, 20 Uhr im Gemeindehaus von Norddorf  auf Amrum – der kleinsten, aber auch schönsten nordfriesischen Insel :

Obwohl sich nach vielen Regentagen endlich konstanter Sonnenschein hält, sind Urlaubsgäste wie Inselbewohner zahlreich erschienen, um Katja Ebstein mit ihrem Programm „Berlin – trotz und alledem!“ zu erleben. Der Saal ist gut gefüllt und die Spannung steigt. Noch ahnt keiner, warum sich der Konzertbeginn verzögert und welche Hebel in Bewegung gesetzt werden mussten, um den Ablauf zu sichern. Dies wird deutlich, als die Künstlerin, zusammen mit ihrem Pianisten Stefan Kling, die Bühne betritt und entschuldigend erklärt, dass auf der Nachbarinsel Föhr, wo das Programm bereits mit großem Erfolg stattgefunden hat, ausgerechnet jener Koffer stehengeblieben und wegen zahlreicher anderer Termine vergessen worden ist, den sie für ihren Auftritt dringend braucht. Angelehnt an eines der berühmten Berliner Lieder könnte man also singen: „Ich hab noch einen Koffer dort auf Föhr // mit fürs Konzert notwend’gem Zubehör...“ Die nervliche Zerreißprobe vermag sich ein Außenstehender kaum vorzustellen: Die letzte Fähre kann den Koffer noch nach Amrum bringen, kommt aber eben auch erst um 20 Uhr an! Sehr bald wird das Publikum merken, dass sich das Warten aber gelohnt hat.

Als Intro dient ein gesprochener Text Kurt Tucholskys über die frühe Entwicklung der Stadt Berlin, den Stefan Kling mit Passagen bekannter Berliner Melodien am Klavier dezent begleitet. Von Tucholsky stammt auch das schöne, einem Berliner Urgestein gewidmete Lied „Heinrich Zille“, das Katja Ebstein mit warmer Stimme vorträgt. Wesentlich frecher und schwungvoller kommt das Emanzipationsstück „Raus mit den Männern aus dem Reichstag“ (… und raus mit den Männern aus dem Landtag, und raus mit den Männern aus dem Herrenhaus, wir machen draus ein Frauenhaus! (…)) (Waldoff/Hollaender) daher, das in beeindruckend flottem Tempo gesungen viele Lacher auslöst. Zeitlich ist es wie das Couplet „In 50 Jahren ist alles vorbei“ (Reutter) ins Berlin der 20er/30er Jahre einzuordnen. Das Motto von letzterem ist allerdings zeitlos: Es währt nichts ewig auf dieser Welt, nutze deine Zeit und lass den Ärger vorbeiziehen. In 16 humorvollen Strophen erzählt das Lied Episoden aus dem menschlichen Dasein, die man aber allesamt nicht überbewerten sollte, und sei es die Angst vor dem Tod – wenn er kommt, ist man doch eh weg und bekommt es gar nicht mit. So geht es mit kleinen und großen Dingen im Leben:

Und sitzt du in der Bahn eingezwängt, und dir wird noch ’ne Frau auf den Schoß gedrängt. Und die hat noch ’ne Schachtel auf ihrem Schoß, und du wirst die beiden Schachteln nicht los. Und die Füße werden dir schwer wie Blei: In fünfzig Jahren ist alles vorbei.“

So kann man natürlich Dinge handhaben, die den privaten Bereich betreffen und unveränderlich sind. Beim Weltgeschehen kann ein Ausharren nicht zu einer Besserung beitragen. Kenner des in den 1990er Jahren entwickelten Berlinprogramms stellen fest, dass die ursprüngliche Fassung um einige Stücke aktuellerer Programme ausgebaut und verändert worden ist, sodass es im ersten Teil vor der Pause nicht allein um die Geschichte und Entwicklung am Beispiel Berlins, sondern auch um einen Fragenkatalog der Menschen an sich geht, über alle Grenzen hinaus. Zu den neu aufgenommenen Liedern zählt z.B. „Samoa“ (Kreisler) über die Vorstellung einer Gesellschaft, die ohne Macht und Gewalt auskommt. „Du lieber Gott, komm doch mal runter!“ (Sulke) deckt ähnlich wie „Vatersland“  (Wader) Missstände und Hilflosigkeit der Menschen auf, will aber trotz allem noch Hoffnung zulassen, sei sie auch noch so klein. Auch Hoffmanns „Wir leben noch“ ermutigt dazu, dass es für positive Veränderungen spät, aber noch nicht zu spät ist. Zwischen den einzelnen Liedern sind passende Texte und Gedichte eingeflochten, so der „Wirtschaftsbericht“ von Süverkrüp, „Sind wir wirklich noch zu retten“ von Bischoff oder das zu Herzen gehende „Frieden fängt beim Frühstück an“ von Hanns Dieter Hüsch, das eigentlich mal zu einem Lied vertont werden sollte.

OLYMPUS DIGITAL CAMERADer zweite Konzertteil mit dem Thema Liebe in jeglichen Konstellationen und Beziehungen, zwischen Menschen aber auch zu Stadt, Beruf oder Sprache, überzeugt das Publikum dann restlos von Präsenz und Engagement der Künstlerin. Eröffnet wird er durch einen starken Parforceritt durch die vorkommenden Stücke am Klavier – eine Glanzleistung, für die Stefan Kling großen Applaus erntet.

Ich sing für die Verrückten“ und „Ich setze auf die Liebe“ heißt es bei Hanns Dieter Hüsch, dessen Texte die Künstlerin ebenso faszinieren wie die Gedichte und Lieder ihres selbstgewählten Alter Egos, Heinrich Heine. Von ihm bringt sie einiges und damit verschiedene Facetten zu Gehör, so z.B. das eher schwermütige „Die Liebe begann im Monat März“, das derb-humorvolle „Welcher Frevel-Freund“ oder das euphorische „Auf die Berge will ich steigen“ aus der Harzreise des Dichters. Dass Bertolt Brecht nicht in der Lage gewesen sein soll, romantische Liebesgedichte zu verfassen, widerlegen „Die Liebenden“ sowie das Lied „Erinnerungen an Marie A“. Während das „Wunderkind“ von Hollaender trotz tragischem Ausgang für einige Lacher sorgt, lässt „Kein Kinderlied“ von Mascha Kaleko die Zuhörer eher mitfühlend schlucken: Die Heimat zu verlieren ohne die Aussicht auf Wiederkehr, und keine neue Heimat zu finden, ist wirklich traurig: „Wohin ich immer reise – ich komm nach Nirgendland!“

Es sei an dieser Stelle erwähnt, mag es auch anderen Anschein haben, dass nicht alle Titel von „Berlin – trotz und alledem“ besprochen werden können, – mal abgesehen davon, dass zukünftigen Zuhörern nicht die ein oder andere Überraschung vorweggenommen werden soll. Bei den großen Themen und Fragen, die Katja Ebstein in ihren Kleinkunstprogrammen aufwirft, fällt eine engere Auswahl jedoch schwer. Am Ende des Konzerts schließt sich der Kreis mit „Berlin“ (das ist jetzt dein Weg), einer deutschen Version von „My way“, das beim Publikum ziemlichen Eindruck hinterlässt.

Die Stimmung ist auf dem Höhepunkt. Lauter, langanhaltender Applaus führt zu einer Fülle von Zugaben, die auf das begeisterte Publikum niederprasseln wie die Steine auf das Köpfchen der Kellerassel im gleichnamigen humoristischen Gedicht Bertolt Brechts – freilich das Gefühl großer Freude auslösend, und nicht, wie bei dem Tierchen, eine solche Furcht, dass es religiös wird. Ganz besonders berührt und bewegt „Prost Deutschland!“, Konstantin Weckers Lied zur deutschen Einheit, einer Errungenschaft, die eigentlich gar nicht genug wertgeschätzt werden kann – fragt sich, warum die anfängliche Euphorie und Wärme so schnell nachgelassen hat. Manch einem Zuschauer stehen Tränen der Rührung in den Augen. Mit „Sag mir, wo die Blumen sind“, das leider kein bisschen an Aktualität verloren hat angesichts der derzeit stattfindenden Kriege, endet das Konzert musikalisch, ein Abschlussgesicht von Heinrich Heine darf aber dennoch nicht fehlen:

„Werdet nur nicht ungeduldig Wartet nur, es wird verhallen
Wenn von alten Leidensklängen Dieses Echo meiner Schmerzen
Manche noch vernehmlich tönen Und ein neuer Liederfrühling
In den neuesten Gesängen. Sprießt aus dem geheilten Herzen.“

Und mit dem guten Wunsch, alle mögen ein heiles Herz haben, verabschiedet sich Katja Ebstein von der Bühne. Von Ungeduld oder Missstimmung des Publikums kann keine Rede sein – es hat einen zauberhaften Abend erleben dürfen, an dem es neben allen kritischen Denkanstößen auch immer wieder Gelegenheit gab, von Herzen zu lachen.

Ein weiteres Konzert auf der Insel, die der Künstlerin eine zweite Heimat geworden ist, wird es Ende Dezember mit dem Weihnachtsprogramm „Es fällt ein Stern herunter“ geben. Im Herbst touren Katja Ebstein und Stefan Kling vornehmlich mit ihrem neuesten und ebenfalls sehr sehenswerten Theaterprogramm „Sister Class“ durch Deutschland.

Die jeweils nächsten Termine werden zeitnah auf der Homepage www.katja-ebstein.de veröffentlicht. Und wer nun neugierig geworden ist, mag auch nach dem Berlinprogramm weiter Ausschau halten –  es könnte noch mal dabei sein.

Fotos:  Susan Klein-Wiegand

Ein Kommentar zu “Katja Ebsteins Konzertprogramm „Berlin – trotz und alledem!“ auf der Nordseeinsel Amrum

  1. Mary Ann
    1. September 2014

    Hat dies auf Querbeet rebloggt.

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