Ein Achtel Lorbeerblatt

Das Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunstmagazin

„Die Söhne Hamburgs“ unterhalten mit ihrem erstklassigen Programm das Publikum auf Amrum von der ersten bis zur letzten Sekunde (ein Konzertbericht)

Joja Wendt, Stefan Gwildis und Rolf Claussen als Söhne Hamburgs (1)

 

Drei Stunden ohne Lachpause – dagegen hat die größte Schlechtwetterfront keine Chance!

von Anne Drerup

Es ist Freitagabend, der 22. August 2014 – kurz vor Konzertbeginn um 20 Uhr platzt der Saal des Gemeindehauses von Norddorf auf Amrum bereits aus allen Nähten: Weil das angekündigte Sommerhighlight, das Trio aus Joja Wendt, Stefan Gwildis und Rolf Claussen unter dem Namen „Die Söhne Hamburgs“, auf der kleinen Nordseeinsel sich einer solchen Nachfrage erfreute, wurden kurzerhand zusätzlich so viele Stehplätze wie nur eben möglich geschaffen. Kein leichtes Unterfangen für die Bühnentechniker, die sich bald von begeisterten Zuschauern umringt sehen, darauf zu achten, dass bei der ganzen Euphorie nicht versehentlich Kabel oder Geräte zu Stolperfallen werden bzw. selbst fallen! In Bezug auf den einzelnen Zuschauer gilt: Wohl dem, der einen Sitzplatz ergattert und diesen rechtzeitig bzw. unauffällig eingenommen hat – denn wer sich während des stimmungsvollen Openers noch darauf zu schlängeln versucht, wird gnadenlos in die erste Showeinlage integriert, die aus der Begrüßung der Dörfer auf Amrum und der namentlichen Vorstellung einzelner Bewohner oder Urlaubsgäste besteht. Von der ersten Sekunde an gehen die Zuschauer begeistert mit.

Joja Wendt, Stefan Gwildis und Rolf Claussen als Söhne Hamburgs (2)Dies mag vor allem an der gelungen Mischung aus Artikstik, den Musikstilen Jazz, Klassik, Pop, Boogie, Soul und altem Hamburger Liedgut, den zahlreichen Improvisationselementen innerhalb der Showeinlagen und Songs, dem Humor der drei charmanten Musiker sowie eben dem ständigen Bezug auf Amrum und der Animation des Publikums, mitzumachen (singen, klatschen oder als spontaner Spielpartner dienen), liegen. Was in Soloprogrammen der Ausnahmetalente bereits beeindruckt – Joja Wendt als Virtuose am Piano, der damit nicht zu Unrecht als „der unterhaltsamste Grund, ein Klavierkonzert zu besuchen“ angekündigt wird, Stefan Gwildis, der als die bestaussehendste (Soul-)Stimme des Nordens gilt, und Rolf Claussen, der zusammen mit Gwildis gerade sein 30. Bühnenjubiläum gefeiert hat und zweifelsohne als ideenreiches Bühnen-Multitalent bezeichnet werden kann – , kommt zu einem sich perfekt ergänzenden Dreamteam zusammen und sorgt für einen unvergesslichen Abend, an dem manch ein Zuschauer so viel lacht, dass es für die nächsten Wochen mit ausreicht.

Entsprechend schwierig, wenn nicht gar unmöglich, gestaltet es sich, diese pure Unterhaltung mit all ihren Pointen und Finessen in einem Bericht festzuhalten. Nichtsdestotrotz sollen hier einige Eindrücke Erwähnung finden, die sich besonders lang im Gedächtnis halten und auch über das Konzert hinaus für gute Laune sorgen:

Da wäre zum Beispiel die leidenschaftliche Liebeshymne auf eine Fischfachverkäuferin, was dem Zuhörer freilich erst im Refrain wirklich klar wird – man sieht, der Bezug auf den Norden Deutschlands zieht sich immer wieder wie ein roter Faden durch das Programm. Ein weiterer Schwerpunkt könnte „Männer und geworbenes Verständnis für ihre Eigenarten“ lauten. Besonders schön ist in diesem Kontext der Männer-Multitasking-Beweissong auf die Melodie von „Azuro“, bei dem Gwildis und Claussen mit je einer Hand Gitarre spielen, mit der anderen Äpfel jonglieren und dazu eben noch singen. In puncto Artistik steht ihnen Joja Wendt aber in nichts nach, was er mit seiner Darbietung von Gleichdackels (Vivaldis) Sommer auf dem Klavier unter Beweis stellt – man könnte denken, dass mindestens zwei Personen dazu die Tasten anschlagen! Zwischendurch ist immer wieder die Mitwirkung des Publikums gefragt, und so darf es am Ende den Refrain des Gute-Laune-Stücks: Mach die Musik so laut du kannst (,dreh alle Knöpfe auf und tanz…), einer wahrhaften Ohrwurm-Melodie, mitsingen, und wenn es sich den gesamten Text nicht merken kann, eben auf „babababa“.

Das größte Highlight in Idee und Umsetzung ist aber sicherlich Schietwetter in Hamburg, ein Lied, zu dem Stefan Gwildis einen besonderen Schirm mit einer Wasserflasche auf der Spitze präpariert hat, mit dem er durch das Publikum läuft, das sich wiederum mit eigenen Schirmen oder nur mit trockenem Humor gegen die Spritzattacken wappnen kann… Nicht nur der Hamburger, auch der Amrumer „kennt mehr als 100 Arten von Regen“, hat die Insel in der vergangenen Woche doch eine ziemliche Schlechtwetterfront hinnehmen müssen. Doch sich vom Wetter die Stimmung verderben zu lassen, davon kann spätestens nach diesem Auftritt keine Rede mehr sein. Kurz vor der Pause überrascht das Trio mit einer gefühlvollen Ballade an alle Frauen („die Männer können also auch quasi schon in die Pause gehen, wenn sie wollen!“), deren Refrain: „Hör auf die Söhne, auf die Worte der Söhne, die mit Kohorten von Worten und Millionen von Kronen deine Seele verwöhnen“ lautet.

Klaviervirtuose Joja Wendt (2)In der Pause können die Lachmuskeln etwas entspannen – denn im zweiten Teil geht es genauso unterhaltsam weiter und es gibt wirklich kein Stück, bei dem kein Lacher zu hören ist: Ob bei der Wischmob-Stepptanz-Einlage, dem sozialkritischen Schmählied oder den Parodien auf die Melodie von New York, New York (Haben Sie es erkannt? Atemlos durch die Nacht…) mit einer Schlussversion auf Amrum (fragt sich, wie die Nummer auf Föhr oder Sylt getextet wurde, wo das Programm wie auch auf weiteren Nordseeinseln während der „Muscheltour“ bereits stattgefunden hat) – es bleibt kein Auge trocken! Nicht einmal das des schwer gekränkten Mikrofons, das sich mitten in einer Liebesballade weiterer Dienste verweigert und wegdreht, weil Mann ihm zu wenig Beachtung schenkt: „Fass mich nicht an!
Dass Männer nur im Sitzen bzw. mit den Augen tanzen können, nimmt den drei Künstlern, auch wenn sie dies in einem Lied ganz besonders betonen, nach ihren Darbietungen keiner mehr ab. Netter Versuch einer Ausrede – aber bei dem Talent hält es doch niemanden ruhig auf seinem Stuhl! So endet das Konzert mit Standing Ovations, donnerndem Applaus und natürlich einer Zugabe.

Wer nun die „Söhne Hamburgs“ verständlicherweise einmal selbst in einem Livekonzert erleben möchte, wird glücklich über die Nachricht sein, dass dies im nächsten Jahr sehr gut möglich sein wird: Laut Aussage der AmrumNews ist nämlich eine größere Deutschland-Tournee in Planung. Den Künstlern sei freilich geraten, ihre Ankündigung wörtlich und dies zum Anlass zu nehmen, erneut auf der schönsten nordfriesischen Insel aufzutreten: „Jaa, wer es auf Amrum geschafft hat, der schafft es auch auf den Bühnen der Welt!“ Das Inselpublikum wird es ihnen danken.

www.jojawendt.com

www.stefangwildis.de

Fotos:  Andreas Buzalla – www.amrum-news.de

 

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 14. September 2014 von in 2014, Aktuelle Tourneen, Artikel & Interviews, Uncategorized und getaggt mit , , , , .
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