Ein Achtel Lorbeerblatt

Das Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunstmagazin

Rezension: Matthias Brodowy – Kopfsalat

Kopfsalat

von Sophie Weigand

Matthias Brodowy, der ,Chief Director for a High Level Bullshit‚, ist mit einem neuen Programm zur Rettung und Befreiung der schöpferischen Unordnung wieder auf den Bühnen des Landes! ,Kopfsalat‚ heißt es und erzählt dieses Mal nicht nur von der Poesie des Alltags und ihren ungewöhnlichen Fundorten – wer rechnet schon mit nahezu gehobener Lyrik an der Zapfsäule -, sondern auch von allerlei Blödsinn des Lebens. Von Kindern, deren vermeintliche Hyperaktivität sie schon in jungen Jahren abhängig von Medikamenten werden lässt, von Chinesischunterricht für die Märkte der Zukunft, von Billigwahn und Geiz-ist-geil-Mentalität. ,Billig muss es sein‚ ist eines der wenigen Lieder auf Matthias Brodowys Album, das diesmal sehr textlastig daherkommt. Das jedoch gereicht ihm nicht zum Nachteil, ob Brodowy nun spricht oder singt, seine feine Beobachtungsgabe und sein Sinn für die Widersinnigkeiten täglichen Existierens sind so oder so nicht zu leugnen.

Wenn wir uns manchmal wünschen, dass wir jemand anders wären; wenn wir manchmal ganz und gar aufgehen in der Vorstellung, dass früher alles einmal viel besser war, lohnt Brodowys ,Hypothetische Annahme‚, um diese Gelüste mindestens in Frage zu stellen, wenn nicht sogar auf lange Sicht zu heilen. Ganz Kabarett wie man es kennt, wird auch der gemeine – im Sinne von: übliche – Politiker in die Zange genommen, seine „Anschlussverwendung“ diskutiert, wenn er das Amt nicht mehr bekleiden kann. Wahre Worte, gelassen ausgesprochen, mit Charme und Esprit. In manch persönlicher Geschichte auf ,Kopfsalat‚ vermeint man sich gar selbst zu erkennen, wie man mit einem bankkartengleichen Zimmerschlüssel vor fremden Hotelzimmertüren herumfuchtelt, von der Zivilisation, wie sie gelobt wird, bisweilen gänzlich überfordert.

Plädoyers für gehobenen Blödsinn, für das gelegentliche Ausbrechen aus den Erwartungen dieser Welt, plädieren viele Künstler. Während Rainald Grebe zur notwendigen Kontemplation die scheinbar sinnlosen Dada-Verse entdeckt und es befreiend findet, wenn etwas auf den ersten Blick keinen Sinn ergeben muss, predigt Brodowy, mehr Albernheit unter die Menschen zu bringen. Am Tag der offenen Tür ins Kanzleramt fahren und Frau Merkel fragen, was sie so beruflich mache. Kleine Kinder erschrecken, bevor die wehrlose Tauben erschrecken können. Einfach dieser Welt ein bisschen von ihrer ernsten Fassade abkratzen. Mit Matthias Brodowy, dem Vertreter für gehobenen Blödsinn, neuerdings auch Märchenerzähler völlig ohne Moral, gelingen diese Momente der Entspannung, ohne das Hirn runterzufahren. Das macht ihn aus, den Mann aus der Stadt mit Keks. ,Kopfsalat‚ ist ein Kabarettprogramm für alle Chaotiker und solche, die da ernsthafte Ambitionen hegen.

www.brodowy.de

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