Ein Achtel Lorbeerblatt

Das Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunstmagazin

Reinhard Mey auf „dann mach’s gut“ – Tour 2014 Ein Konzertbericht – oder eine Konzerterzählung?

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von Rike Krüger

Spielmann nennt er sich, Liederdichter oder Gaukler – dieser von sich selbst so genannte „kleine dünne Mann mit Brille“ . Gemeint ist immer dasselbe: Reinhard Mey steht allein mit seiner Gitarre vor einem erwartungsfrohen Publikum und tut, was er seit 50 Jahren auf der Bühne macht – er singt seine eigenen Lieder über das Leben, sein Leben und irgendwie auch über unser aller Leben.

Liebe Leser,
so oder ähnlich könnte eine professionelle Konzertkritik beginnen. Ich kann so nicht schreiben. Ich bin keine Kritikerin – sondern ein Mensch, für den die Lieder Reinhard Meys seit mehr als 40 Jahren Begleiter des Alltags sind. Nicht mehr – und nicht weniger. Und ich weiß, wir sind viele.

Wenn Sie mögen, nehme ich Sie gerne mit auf eine kleine Reise durch meine Erinnerungen an die Konzerte in Celle am 20.9. und danach gleich noch einmal in Stade (23.9.).

Kurz vor 20:00 erschallt die Stimme seiner Tochter über die Lautsprecher die bittet, die Handys auszuschalten und „um die Intimität des Konzertes zu wahren“ nicht zu fotografieren. Und das Publikum hat sich an beiden Tagen daran gehalten.

Dann kommt Reinhard Mey auf die Bühne – wie immer im Laufschritt. Im aufbrausenden Applaus nimmt er sich sogleich die wartende Gitarre und beschert uns sofort die erste Überraschung des Abends: ein neues, für diese Tour geschriebenes Willkommenslied, in dem er gleichzeitig sein Publikum begrüßt und die aktuelle Situation quasi „in Echtzeit“ beschreibt – er steht zu Beginn des Konzerts allein auf der Bühne, lodert vor Lampenfieber und weiß doch, dass es noch immer gut ausgegangen ist.  Ich freue mich über die darin enthaltenen Anspielungen auf bekannte Lieder und Sprüche .

Da ist er also wieder. Nach der herzlichen Begrüßung und den Freundlichen Gesichtern  kommt der Spielmann  – vorgetragen mit Verve und Leidenschaft.  Nach der Einleitung zu Wolle glaube ich jetzt endlich zu verstehen, warum Reinhard Mey dieses Lied geschrieben hat und ich genieße die kleinen Abweichungen vom Originaltext.

Weiter geht es in die Abteilung Liebeslieder – Wenn du bei mir bist rührt nicht nur mich sehr und das anschließende Ich liebe Dich  wird vom Publikum ebenso begeistert aufgenommen. Gefreut habe ich mich, dass er danach bei Der Biker eine aktuelle Strophe eingebaut hat.

Mit einer launigen Überleitung geht’s dann zu Gute Kühe kommen in den Himmel, mit Lachern und Zwischenapplaus vom Publikum  –  und ich frage mich mal wieder, wie er wohl auf die genialen Namensschöpfungen „Rosacea-Papilloma“ und „Clamydia“ gekommen ist.

Seine Hommage an den Alten Freund Wein hat eine neue Strophe bekommen und Danke liebe gute Fee wurde nicht nur in der zweiten Strophe aktualisiert – Reinhard Mey wartet ganz zum Schluss dieses Liedes noch mit einem kleinen Überraschungsgag auf, der seinem Enkel geschuldet ist.

Nach der Pause das Narrenschiff, das an Aktualität seit 1997 nichts verloren hat – es hätte auch 2014 noch genauso geschrieben werden können. Und trotzdem gibt es zum Glück immer noch Menschen, die genügend Vertrauen haben, um ein neues Wesen in die Welt zu schicken. Mit Fahr Dein Schiffchen durch ein Meer von Kerzen sendet Reinhard Mey Glückwünsche an seinen Enkel und alle Menschenkinder.

Dann eine wunderbare Erinnerung an seine eigene Zeit als „schützenswerter Jung-Vater“ und anschließend gilt die nächste Hommage Vaters Mantel . Ich bin wieder einmal  begeistert von Reinhard Meys Fähigkeit, nicht nur großartige Geschichten zu komponieren, sondern diese auch so zu singen, dass 1.000 und mehr Menschen im Publikum ihm hingerissen lauschen. Gleiches gilt für das nächste Lied: Lilienthals Traum, das er mit einer solchen Hingabe und Überzeugungskraft singt – das Kind in mir hätte sich nicht eine Sekunde gewundert, wenn er nach „Du kannst fliegen,  ja Du kannst“ abgehoben wäre.

Beim Taschentuch wieder eine Überraschung: eine liebevolle neue Strophe. Wer kennt diese Situation nicht: Das Kind hat sich den Mund verschmiert und Oma zückt ihr Taschentuch… Ich freue mich schon darauf diese neuen Strophen auf dem Live-Album (das am 1. Mai erscheinen wird) nachhören zu können. Und auch das letzte Lied vor den Zugaben Ein Stück Musik von Hand gemacht hält eine solche neue Strophe bereit.

Im stürmischen Applaus kommt Reinhard Mey zurück und ist natürlich vorbereitet – traditionell singt er als erste Zugabe ein neues Lied: Eine humorvolle Auseinandersetzung mit der Tatsache, dass man nicht immer die Wahrheit sagen kann – oder manchmal unbedingt muss.

In die zweite Zugabe Viertel vor sieben – mein unangefochtenes Lieblingslied seit 1997 – baut er zum Schluss ein Gedicht von Wolfgang Borchert ein. Um danach vor der allerletzten Zugabe dem Publikum zu danken, dass die Bitte nicht zu fotografieren erfüllt wurde. Und deshalb gibt er jetzt „Feuer frei“ und beschließt den Konzertabend im Blitzlichtgewitter mit Gute Nacht, Freunde – unterstützt vom Publikum, das in den Refrain einsteigt.

Ich habe zwei besondere Konzerte erlebt und bin wie immer erstaunt, dass die zwei Dutzend Lieder schon wieder verklungen sind.

Was gibt es noch zu sagen?

Vor der Tour habe ich mich mit einigen Freunden und Bekannten darüber unterhalten, was Reinhard Mey wohl singen wird. Und in fast allen Gesprächen kam irgendwann die Frage auf, wird er wohl Dann mach’s gut und Lass nun ruhig los das Ruder singen? Kann man diese Lieder mit einem so traurigen Hintergrund in einem Konzert singen? Wie präsentiert man solche Lieder, ohne dass es dem Publikum zuviel wird?

Reinhard Mey kann – und er tut es auf eine Weise, die dem Publikum erlaubt, diese so persönlichen Lieder anzunehmen, sich einzulassen und anschließend weiter das Konzert zu genießen.

Nach Abschluss der Tour nun die versprochene Playlist:

Nr. Lied  VÖ
1 N´Abend                      2015
2 Freundliche Gesichter 1980
3 Spielmann 2013
4 Wolle 2013
5 Wenn Du bei mir bist 2013
6 Ich liebe Dich 1991
7 Der Biker 1997
8 Gute Kühe kommen in den Himmel 2013
9 Alter Freund 2013
10 Danke liebe gute Fee 2007
11 Lass nun ruhig los das Ruder 2013
Pause
12 Das Narrenschiff 1997
13 Fahr Dein Schiffchen durch ein Meer von Kerzen 2013
14 Kleiner Kamerad 1979
15 Vaters Mantel 2013
16 Lilienthals Traum 1995
17 Über den Wolken 1973
18 Spangen und Schleifen und Bänder 2013
19 Das Taschentuch 2013
20 Dann mach`s gut 2013
21 Ein Stück Musik von Hand gemacht 1985
Zugaben
22 Man kann nicht immer nur die Wahrheit sagen           2015
23 Viertel vor sieben 1997
24 Gute Nacht, Freunde 1971

Danke, Reinhard!

www.reinhard-mey.de

16 Kommentare zu “Reinhard Mey auf „dann mach’s gut“ – Tour 2014 Ein Konzertbericht – oder eine Konzerterzählung?

  1. roterbaer
    17. November 2014

    Liebe Rike,
    jetzt konnte ich ihn endlich auch lesen.
    DANKE!
    Du, die mich als gnadenlosen Kritiker kennt, wirst Dich über uneingeschränktes Lob freuen :-).
    Jeder noch so gut gemeinte gestelzte „Sprach-Verbesserungs-Versuch“ hätte diesem liebevoll fesselnden Bericht Abbruch getan.
    Ich freue mich besonders darüber, dass wir das Abschlusskonzert gemeinsam erleben konnten.

  2. Lotte
    14. November 2014

    Am 11.11. war es dann soweit.Ein Jahr vorher hatten wir schon die Tickets!
    Unsere Vorfreude war natürlich riesengroß.Haben wir doch kein Konzert seit der
    Wende verpasst.Unter den schwierigsten Bedingungen hatten wir schon seine LP
    von Freunden bekommen…Aber dies ist Vergangenheit.
    Nur sind wir generell traurig darüber,das Dresden nur die Messe als Spielort zu bieten hat.Ich habe nicht einmal Reinhard Mey gesehen als er auf der Bühne
    stand.ich kann aber sagen,wir waren im Konzert,aber das ist schon alles!

  3. Matthias Lotz
    9. November 2014

    Danke für diese liebevolle Schilderung. Ich konnte Reinhard Mey heuer leider nicht selbst hören. Es ist viele Jahre her dass er in Frankfurt und Wiesbaden aufgetreten ist. Ich schätze ihn und seine Lieder seit Jahren. Viele sind mir vertraut und Wegbegleiter geworden. Ich wünsche ihm noch viele guten Jahre. Nochmal: Danke dass es Dich, Reinhard, und Deine Lieder gibt. ..Matthias

  4. maggy
    9. November 2014

    grossartig geschrieben – hat so spass gemacht es zu lesen – herzlichen dank dafür!

  5. maike eule
    6. November 2014

    Ich habe ihn gestern Abend in Siegburg erleben dürfen und es war einfach wunderschön. EIn Abend zum leise Lächeln, herzhaft lachen und auch das eine oder andrer Tränchen zu verkneifen.. Reinhard Mey war wundebar!

  6. Sascha
    30. Oktober 2014

    wie lange dauerte das Konzert denn in etwa?

    • achtellorbeerblatt
      30. Oktober 2014

      Die Konzerte dauern normalerweise von 20:00 bis ca 22:30 Uhr mit einer Pause.

      Grüße Rike vom EAL

  7. Wolfgang Moch
    19. Oktober 2014

    Wir hatten gestern in Kempten das Vergnügen dem großen Barden zu lauschen, der nichts von seiner Faszination eingebüßt hat – nein im Gegenteil – er hat uns alle mitgenommen auf seine Reise, in seine Geschichten, seine Erzählungen. Mal amüsant, mal nachdenklich, mal top aktuell. Die Konzerte sind zurecht bis auf zwei Städte allesamt ausverkauft – wer’s also noch vor sich, darf sich auf einen großartigen Abend freuen!

  8. Rainer Bieker
    8. Oktober 2014

    Im stürmischen Applaus kommt Reinhard Mey zurück und ist natürlich vorbereitet – traditionell singt er als erste Zugabe ein neues Lied: Eine humorvolle Auseinandersetzung mit der Tatsache, dass man nicht immer die Wahrheit sagen kann – oder manchmal unbedingt muss.
    Ich war im Konzert, einfach super klasse , ich finde aber nirgendwo zu dem oben beschrieben lustigen Lied den Text, noch nicht einmal den Titel. Wer kann helfen.

    • achtellorbeerblatt
      9. Oktober 2014

      Hallo Herr Bieker,
      das Lied wurde ja extra für diese Tour geschrieben. Den Titel kenne ich auch noch nicht – habe es für mich „Man kann nicht immer nur die Warheit sagen“ genannt. Bis zum Ende der Tournee werde ich das noch überprüfen, damit die angekündigte Playlist dann korrekt ist.

      Nach Ende der letzten Tourneen (und Fertigstellung der Live-CDs) hat Reinhard Mey die Texte und Noten der Zugaben kostenlos bei der Edition Reinhard Mey zur Verfügung gestellt.

      Ich vermute, das wird er auch dieses Mal tun.

      Herzliche Grüße
      Rike vom EAL

  9. Niels Jäger
    26. September 2014

    Vielen Dank für den schönen Bericht!
    Jetzt freue ich mich um so mehr auf den Abend in Göttingen am 10.10.14

  10. Patrick
    26. September 2014

    Danke für den tollen Artikel,
    da steigt die Vorfreude auf „meine“ 2 Reinhard-Konzerte dieses Jahr :-)

    Nur eine Frage zum Sternchen-Lied, ist das nicht eher aus 1981?

    Viele Grüße
    Patrick

    • achtellorbeerblatt
      26. September 2014

      Danke für die freundlichen Rückmeldungen!

      Das gleichnamige Album ist 1981 erschienen ;-) – ich habe die Angabe aus dem Buch „Alle Lieder“ übernommen – vielleicht hat er es ja schon ein Jahr vorher geschrieben…
      Herzliche Grüße
      Rike vom EAL

  11. Anne Drerup
    26. September 2014

    Danke Rike! Dein Konzertbericht ist großartig! Ich fühle mich fast so, als wäre ich dabei gewesen.

  12. Markus Brendel
    26. September 2014

    Danke für diesen tollen Bericht, ich habe in den letzten Tagen oft live CD´s von Reinhard Mey gehört! Leider habe ich bei dieser Tour wieder keine Gelegenheit selbst auf eines der Konzerte zu gehen und freue mich deshalb auchg schon auf die LiveCD´s!

  13. maribu
    26. September 2014

    Hat dies auf Querbeet rebloggt und kommentierte:
    ich reblogge es für die, die vielleicht einachtellorbeerblatt sonst nicht lesen

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