Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

Rezension: Nadine Maria Schmidt – Lieder aus Herbst

lieder_aus_herbst_cover

Die aktuellen Songs von Nadine Maria Schmidt & Frühmorgens am Meer – und viele weitere Neuerscheinungen und Klassiker – hören Sie im Herbstgewitter, unserer Radiosendung rund um Liedermacher & Chansonniers. Zum EAL-Radio HIER entlang.

von Kai-Olaf Stehrenberg

Musik von Nadine Maria Schmidt und ihrer Band Frühmorgens am Meer zu hören ist ein wenig wie das Stöbern in alten Fotoalben. Da werden Gefühle, Erinnerungen und sogar Geschmäcker lebendig, man taucht in eine regelrechte Bilderflut, und dennoch haben der matte Glanz der Farben und die Intensität der Emotionen auch einen Hauch Surreales.
Das Kunststück dabei ist, dass Nadine solche Bilder nicht erst besingen muss. Sie schafft es schon durch die Arrangements ihrer Lieder, durch jedes Vorspiel, Orte lebendig werden zu lassen, und wenn sie dann mit ihrer rauen, tiefen Stimme beginnt, ihre Geschichten zu erzählen, hat sie den Hörer schon fest in ihrem Bann. Daran hat sich auch mit ihrem neuen Geniestreich „Lieder aus Herbst“ nichts geändert.

Schon das erste Lied „Im Herbstwind“ ist ein Musterbeispiel dafür. Die sanften Akustikgitarren zeichnen genau solch ein Bild vom goldenen Oktober, und der Text liefert die passenden Erinnerungen: „Ich bring dir ein paar Herbstblätter mit, ich weiß, du findest’s doof.“ Ein Lied über Kindheitserinnerungen und über Abschied, es ist hier vor allem die Musik, die dieses Lied eher sanft als melancholisch wirken lässt. Dabei wird es aber nicht bleiben.

Im Verlauf der CD zieht Nadine Maria Schmidt alle musikalischen und lyrischen Register. Neben dem detailverliebt arrangierten Folkrock, wie man ihn schon von ihrem letzten Album „Blaue Kanten“ kennt, wagt sie sich in „Dshamilja“ an orientalische Klänge, während „Johanna“ mittelalterlich geprägt ist. In „Marie“, ein Lied über eine Frau, die sich über ihre wahre Schönheit gar nicht bewusst ist, wird es mit lauten Posaunen und groovigem Jazz sogar richtig wild – ein musikalischer Ausreißer auf dem Album, der dennoch seine ganz eigenen Akzente setzt.

Und wer weiß, ob all diese Lieder so eine intensive Wirkung hätten, würden sie nicht von Nadine ebenso intensiv interpretiert werden. Nadine ist eine Ausnahmesängerin, die ihrer Stimme zwar auch feine, hohe Töne entlocken kann, meist aber in tieferen Sphären verweilt, in denen sie faucht, seufzt, kratzt und flüstert. Sie singt ihre Lieder nicht einfach, sie lebt und erzählt sie.

Klingt schon die Musik atmosphärisch dicht, so lassen die Texte keine Zweifel daran, warum das Album „Lieder aus Herbst“ heißt. Auffallend oft werden in herbstlichen Bildern vergangene Erinnerungen, Abschied, Tod und Trauer besungen, dabei bleibt Nadine in ihren Schilderungen aber meist sehr kryptisch.
Nadine spielt gern mit vagen Andeutungen und damit, ihre Lieder in einen letzten undeutbaren Schleier zu hüllen. So lassen sich ihre Texte nicht wie im Deutschunterricht Zeile für Zeile mit allgemeingültiger Sicherheit interpretieren, vielmehr soll sich jeder aus dem Erzählten seine eigene Geschichte herleiten. Eine clevere Herangehensweise, die ihre lyrische Qualität aber in keiner Weise schmälert, im Gegenteil:

Gekonnt spielt sie mit verschiedenen Abstufungen zwischen bittersüßer Melancholie bis hin zu tiefer Schwermut, doch dank ihrer blumigen, geheimnisvollen Erzählweise lässt man sich dennoch gern in diese Stimmung fallen. Und als wolle sie uns am Ende wieder von der Traurigkeit erlösen, bringt sie die Reise mit einer wundervollen Vertonung von Hesses „An die Schönheit“ zum Abschluss.

Zu guter Letzt bleibt nur noch eines: Wie beim letzten Album zu realisieren, was für ein Meisterwerk Nadine mit ihrer Band wieder veröffentlich hat. Und zu wissen, dass man es auf sich wirken lassen muss. Denn so oft man sich Zeit für dieses Album nimmt, man wird immer wieder neue Facetten entdecken können. Auf diese Weise setzen sich die Lieder aus Herbst im Hörer fest und bleiben. Schön, dass sie da sind.

www.fraumitgitarre.de

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: