Ein Achtel Lorbeerblatt

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Die EAL-CD des Monats Oktober 2014: Pigor singt Benedikt Eichhorn muss begleiten – Volumen 8

pigor_eichhorn_8

von David Wonschewski

Oh, doch, das ist schon eine kleine Überraschung, dass ausgerechnet der studierte Diplom-Chemiker Thomas Pigor mitsamt seinem nicht minder gelehrt erscheinenden Pianisten Benedikt Eichhorn in diesem Monat den Titel „Lorbeerblatt-CD des Monats“ abgreift. Nicht, weil wir es ihm nicht zugetraut hätten oder je an seinem, mit Verlaub, sprachlichen Genie gezweifelt hätten, keineswegs! Nein, es ist eine kleine Überraschung aus dem einfachen Grund, dass das Gespann Pigor & Eichhorn eine ganz eigene Nische innerhalb der Kleinkunstbranche besetzt hat, in die weiß Gott nicht jeder Genre-Freund hineinfindet. Und schon gar nicht eine ganze versammelte Jury. Eine Nische,  in der sich das Duo selbst in Ermangelung trefflicherer Begriffe als „Erneuerer des Deutschen Chansons“ betitelt hat.

Nein, dieser Chanson, dieser deutsche, dieser neue, ist nicht auf Anhieb jedermanns Liedermacher-Sache, was auch auf „Volumen 8“ kräftig unterstrichen wird. Die abgegraste Nummer mit der Akustikgitarre und der sonoren Stimme findet sich selten bis gar nicht, derweil, wie so oft, der pure Stilmix, die lustvolle klangliche Nicht-Festlegung regiert. Ein Stilmix der derart abenteuerlustig und weltgewandt daherkommt, dass die eingangs erwähnte „Nische“ binnen weniger Tracks mittels Schlager, Hip-Hop, Rock und Jazz auf die Größe eines Globus anschwillt. Von den Texten ganz zu schweigen, denen es wieder einmal gelingt einen großen Bogen zu ziehen von den miefigsten aller Provinzproblemchen („Müdigkeit“, „Muttertagsvergesser“) bis hin zur übergroßen, an und für sich kaum noch in Worte zu fassenden Weltpolitik („Freihandel“).

Womit wir auch schon bei der uniquen Kunst des Thomas Pigor angekommen wären. Denn auch wenn er, wie schon auf den diversen Vorgängerplatten, sich erneut als einer der wenigen Kleinkünstler erweist, die kompositorisch besehen am Ballermann und in der Südkurve genauso funktionieren dürften wie in sämtlichen Kleinkunsttempeln landauf, landab (mustergültig nachzuvollziehen gen Ende des partyhaften Eröffnungstracks „Hausschweine“) – seine Texte machen auch vor den vertracktesten, kompliziertesten und dringlichsten Themen nicht halt. Ein Paradebeispiel dafür sind Stücke wie „Berlin Airport“ oder „Freihandel“, in denen sich der kabarettistische Zynismus, anders als bei den „Hausschweinen“ nun aber just durch die textlich wie auch musikalisch unaufgeregte, ja geradezu zurückgenommene Vortragsweise von Thomas Pigor entblättert. „In den Brandenburger Sand setzen wir ganz entspannt den Airport Willy Brandt“ – so heißt es in „Berlin Airport„. Und selten hat das große Scheitern so entspannt nach Batida de Coco und Sonnenmilch geklungen, um nicht zu sagen: geschmeckt. Galgenhumor at it’s best, in einer medial etwas gerechteren Welt geradezu prädestiniert ein Monster-Sommerhit zu werden, wo Groove plus Lästern doch ziehen sollte im Land der Schwarzseher und Pessimisten. Wie mehrere Songs auf „Volumen 8“, so geht auch „Berlin Airport“ im Ursprung auf Pigors Radio-Rubrik „Chanson des Monats“ zurück und hat bereits fast zwei Jahre auf dem noch immer bemitleidenswert aktuellen Buckel – und schafft es doch den vielen längst über dem Hauptstadtflughafen ergossenen Frotzeleien einige neue Spott-Aspekte abzugewinnen. Ähnlich – und doch ganz anders – verfährt „Freihandel“, der vielleicht stillste, aber definitiv größte Track unter den vielen großen Momenten, die die CD zu bieten hat. Wem zum Teufel kann man noch vertrauen, so fragt uns dieses Lied, wo hört in Brüssel Politik auf und fängt Lobbyarbeit an? Ist „der Amerikaner“ nun mit, bei oder doch eher gegen uns? Sind wir ihm voraus oder um Längen hinterher, ist unser ständiges Reden und Debattieren nun unser Trumpf oder doch eher unser Verhängnis? Ein grandioses Stück, das seine wirkliche Vehemenz gerade durch die ermüdete, sich ein wenig dahinschleppende musikalische Umsetzung erhält. Wir hören dieses Lied, stimmen Pigor zu und bemerken doch eine schleichend von uns Besitz ergreifende Lähmung, ein fast schon kafkaeskes Gefühl der Ratlosigkeit.

Ja, das alles klingt so intellektuell und verkopft, wie Pigor und Eichhorn nun einmal sind, seit jeher – und ist doch kein Stück schwer verdaulich. Denn der wirkliche Grund, warum „Volumen 8“ von der Lorbeerblatt-Jury nahezu einstimmig zur CD des Monats gewählt worden ist und dabei eine starke Konkurrenz hinter sich gelassen hat, das ist sein über alle Befindlichkeitsgrenzen hinweg funktionierender Humor. Nein, weder „Freihandel“ noch „Hausschweine“ sind an und für sich zum Lachen – und doch kam keines der Jury-Mitglieder just daran vorbei, mit jedem neuen Stück dieser CD brach sich ein erneutes Grinsen auf den Gesichtern aller Juroren Bahn. Bis beim „Muttertagsvergesser“, dem bitterbösesten aller Lieder, kein Halten mehr war, Lachen und Wahnsinn und Bauch und Kopf sich überlappten, Zugabe skandiert wurde. Feiern und sich zugleich bilden – ein Rezept, das kaum zu toppen ist, wird es derart vielseitig und vielschichtig aufbereitet wie auf „Volumen 8“.

Wir gratulieren Pigor und Benedikt Eichhorn zum Titel „Lorbeerblatt-CD des Monats Oktober 2014“, da niemand, nein niemand hohen Anspruch und lustigstes Entertainment ähnlich gut zu vermengen versteht wie sie.

www.pigor.de

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