Ein Achtel Lorbeerblatt

Das Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunstmagazin

Die EAL-CD des Monats November: Georg Clementi – zeitlieder 2

 georgclementi2

Die aktuellen Songs von Georg Clementi – und viele weitere Neuerscheinungen und Klassiker – hören Sie im Lorbeerfunk, unserem Radiosender rund um Liedermacher & Chansonniers. Zum EAL-Radio HIER entlang.

von Matthias Binner

Ich hab es getroffen – nicht gelesen„, verkündeten Die Sterne einst in ihrer (das Gegenteil beweisenden) Zitat-Collage „Es möchte echt sein„.

Ist Echtheit Selbstzweck? Macht es eine Geschichte schlechter, wenn jemand anders sie entdeckt hat? Zweimal „nein“, sagt der österreichische Liedermacher Georg Clementi und legt mit „zeitlieder 2“ die Ergebnisse eines faszinierenden Experiments vor: Jedes seiner achtzehn Lieder basiert auf einem ganz konkreten ZEIT-Artikel – journalistische Quelle und dichterische Verarbeitung sind auf www.zeitlieder.de direkt miteinander vergleichbar. Muss man sich erst mal trauen!

In seiner radikalen Schlichtheit ist mir dieses Konzept tatsächlich noch nicht untergekommen – komplett neu ist es aber natürlich auch nicht: Die Traditionslinie lässt sich problemlos von Pigors „Chansons des Monats“ über Hollaenders politische Tingeltangel-Couplets bis zu den Nachrichten verbreitenden Bänkelliedern ziehen.

Wie bei jedem Experiment interessiert: Das Ergebnis. Was also hört ein unvoreingenommener Hörer auf „zeitlieder 2″?

Er hört zunächst einen mit allen Wassern gewaschenen Interpreten, dem die Theater- und Fernseherfahrung in jeder Silbe anzuhören ist. Clementis Sprechkunst und Gestaltungslust mag manchmal die Parodie streifen: Viel häufiger berührt, verführt und amüsiert sie. Diesem Mann kann man 70 Minuten zuhören, ohne auf die Uhr zu gucken.

Auch, natürlich, weil seine Musiker (Akkordeonistin Sigrid Gerlach-Waltenberger und Gitarrist Tom Reif sowie handverlesene Gäste) auf bestechendem Niveau miteinander musizieren. Dieses kleine kammermusikalische Ensemble ist tight wie jede Pop-Produktion, atmet dabei aber menschlich und tänzelt und hüpft und hält inne, dass es eine reine Hörfreude ist.

Und die Lieder? Tja. Natürlich jubiliert der Hörer, wenn ihm statt der üblichen Liedermacher-Themen der Gegenwart (Frauen, Handys, eh alles irgendwie sinnlos und so) Themen der Gegenwart vorgesetzt werden: Die Kommerzialisierung des Traums vom vermeintlich idyllischen Landleben etwa. Massentierhaltung in Deutschland, Massenabtreibungen unerwünschter Töchter in Asien. Oder: Pubertätsleid, Konsumüberdruss, Emanzipation. Die Themenvielfalt ist vorbildlich – nicht immer erfährt man dabei aber zu viel Neues. Der Opener „Anna“ z.B. enthüllt, dass man lustige Selfies bei Facebook einstellen und trotzdem Depressionen haben kann – ohne die verblüffenden Brüche in der Vertonung trüge das ganz sicher keine 3:40 Min. (und auch keine vier ZEIT-Spalten – was ein Frank Schirrmacher Autorin Nina Pauer zu ihrem den Song inspirierenden Artikel „Ich ist ein anderer“ erzählt hätte, mag man sich nicht vorstellen; aber das ist eine andere Geschichte).

Gefährlich oft schlüpft Clementi als Ich-Erzähler in die Rolle seiner Protagonisten und behauptet in der ersten Person, dem Hörer die Gefühle eines Schlachtviehs, eines abgetriebenen Fötus, eines Überschwemmungsopfers oder Weltkriegssoldaten zu vermitteln. Gerade durch seinen eindringlichen, intensiven Vortrag wirkt das manchmal wie eine Verhöhnung der Beschriebenen. Diese komplette Distanzlosigkeit zum Erzählten ließe man keinem Journalisten durchgehen.

Rundum gelungen sind Clementis Lieder, wenn das beschriebene Schicksal nah an seiner Erfahrungswelt liegt. Wie er als Streifenpolizist in „Unter dem Himmel über Berlin“ nüchtern, sachlich und neutral die sozialen Kontraste in den Szene-Kiezen schildert, hat große Klasse. Genauso gut sind seine farbenreiche, Wort für Wort sofort Bild werdende Idylle „Da gibt es einen Platz“ oder „Liebe, Tod und Wetter“, eine Würdigung des Geschichtenerzählers Wolfgang Kohlhaase .

In solchen Liedern finden ungewöhnliche Themen, exzellente Musik und virtuoser Vortrag zu einer unvergleichbaren Einheit zusammen – Experiment gelungen, CD des Monats!

www.zeitlieder.de

www.clementi.de

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