Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

Rezension: Uwe X. – Tropfen auf dem heißen Stein

Tropfen auf dem heissen Stein Uwe X

Hömma, wenn ich du wär‘, ging ich egal wie weit und uneigentlich auch ohne Konjunktiv zum Konzert oder legte zumindest die CD ein!

Mit „Tropfen auf dem heißen Stein“ geht Uwe X. erstmals mit Live-CD auf Konzerttour

von Anne Drerup

Es ist insgesamt die vierte CD, die der engagierte Liedermacher und Pastor Uwe X. (Schäfer) aus dem bergischen Land just in dieser Vorweihnachtszeit veröffentlicht – aber die erste aus aktuellen Konzertmitschnitten, sodass der Zuhörer das Gefühl hat, (wieder) live dabei sein zu können, wenn er dem handgemachten und meinungsstarken Programm folgt. Unvorhergesehene Situationskomik inklusive: So fällt Uwe X. mitten in einer Anekdoten-Anmoderation auf, dass sein Monitor leiser gedreht gehört, was er natürlich direkt sagt – worauf er dem leicht irritierten Publikum erklärt, dass dies noch nicht das gewünschte Zitat und damit der Höhepunkt der Geschichte gewesen ist, sondern sein dringender Wunsch, damit er nicht vor seiner eigenen Stimme Angst bekommen muss.

Sein Stil ist individuell und eigen, er lässt sich in keine Schublade einordnen – die müsste wenn schon Übergröße haben und offen bleiben, textlich wie musikalisch. Zusammen mit seinen geschätzten Bandkollegen Jojo Wolter am Bass und Bernd Reichert für die Percussion entsteht ein Mix aus Folk, Blues und Rock, eine Bandbreite von ganz ruhigen Balladen bis hin zu aufrüttelnden Protestsongs, die bei aller Ernsthaftigkeit des Themas eine gehörige Portion Humor aufweisen. Dafür wechselt Uwe X. selbst zwischen akustischer Gitarre und irischer Bouzouki, sowie zwischen verschiedenen Bluesharps (nein, keine „blauen Schärfen“, sondern spezielle Mundharmonikas, die vor allem, aber nicht nur in Bluesstücken ihre Wirkung zeigen).

Fünf der insgesamt zwölf Lieder auf der Live-CD stammen aus den Anfangszeiten des Liedermachers; welche es sind, lässt sich vom reinen Höreindruck allerdings nicht ausmachen, da sie nichts an Aktualität eingebüßt haben. Zu ihnen zählt der Opener „Uneigentlich“ – ein schwungvolles Lied über Vorhaben und Versprechungen, die dann doch nicht in Erfüllung gehen, und das kann sowohl an der Außenwelt als auch an einem selbst liegen: „Und eigentlich hatte ich gesagt, dass ich Blut spenden geh‘ //mal nicht nur an mich denke, es tut wohl auch nicht weh.//Doch mein Auto sprang nicht an und ich lauf‘ halt nicht so gern, //ich musste zum Frisör, und die Steuern noch erklär’n. // Und eigentlich, und eigentlich, und eigentlich frag ich mich, warum ist das Leben nur so uneigentlich?“ Sicher, es ist natürlich viel bequemer, anderen die Verantwortung für Elend, Not und Missgeschicke in die Schuhe zu schieben, doch in dieser Hinsicht fordert Uwe X. ganz klar: „Lass den lieben Gott in Ruh‘ (der kann nix dafür. Schuld an der Misere sind alleine wir. Wir leben völlig selbstbestimmt, da spricht uns keiner rein, drum schieb’s nicht auf den lieben Gott, komm Junge (Mädchen) lass es sein.“) Mut, etwas zu tun, etwas zu verändern und überhaupt erst mal zu seiner Haltung zu stehen, das ist immer wieder ein großes Thema. Das zeigen auch die neuen Lieder wie der Titelsong „Tropfen auf dem heißen Stein“, der für den Liedermacher und Pastor unweigerlich mit dem gewählten Lebensmotto aus dem Talmud „Wer eine Seele rettet, der rettet die ganze Welt“ in Verbindung steht und jeden Menschen bestärken möchte, sich einzusetzen und nicht aufzugeben, auch wenn der Einsatz auf den ersten Blick nichts oder kaum etwas zu ändern scheint. Umgekehrt nämlich nichts zu tun, sich zurückzulehnen und dann zu schlucken, was die politische Führung vorgibt, kann nämlich gerade erst zu größeren Missständen führen. Mit besten Grüßen an diejenigen, die sich für etwas Besseres halten, sich nicht die Bohne für Politik interessieren, aber denen Demokratie natürlich superwichtig ist, präsentiert Uwe X. seinen „Wahlkampf-Rag“ und entlarvt darin den schönen Schein und was daraus wird, wenn man das Selberdenken abschaltet: „Ein Krieg ist wieder nötig und der ist gerecht. //Mit gerechten Löhnen, ja da ging es uns schlecht.//Wohlstand gibt es nur, wenn wir Waffen exportier’n.// Was immer die sagen, muss man akteptier’n. (…) Selber nachzudenken, das ist wirklich hart.// Das muss ja auch nicht sein, dafür gibt‘s den Wahlomat.// Ne eigne Meinung bilden, ist wirklich kompliziert, // Politiker könn‘ das, die ham das ja studiert.“ Und nicht nur das, Politiker befleißigen sich, wie wir übrigen Menschen zugegebenermaßen auch, gerne häufig des „Konjunktiv“s, statt Klartext zu reden, denn das ist ja eine viel sicherere Position: „Ja, der Konjunktiv hat Konjunktur, // friedlich und höflich, ja friedhöflich pur. // Komm Jung – hoch, jetzt ganz offensiv, // und sag mir, was du denkst, mal ohne Konjunktiv.“, fordert Uwe X. daher in einer Melodie mit Ohrwurmpotential. Dass er gegen Vorbilder grundsätzlich keine Einwände hat, zeigt die rockige Zugabe „Jeshua“, doch im Vordergrund steht für ihn, den Menschen zu ermutigen, zu sich zu finden und zu sich zu stehen, wie in der Ballade „Egal wie weit“, dem Ermutigungslied für erziehungsintensive Kinder Anders denken, hören, seh’n“ oder dem Titel, der die meisten Lacher auslöst: „Hömma wenn ich du wär‘“(, dann wär‘ ich lieber ich! // Du sein mag ja cool sein, doch wirklich nichts für mich.// Du bist echt zu beneiden, mit allem, was du hast. Und trotzdem will ich Ich sein, weil’s einfach besser passt.“)

Dieses Argument ist nicht von der Hand zu weisen. Und ganz konsequent finden sich auch sehr persönliche Lieder im aktuellen Programm, wie das dankbare „Niemals werde ich vergessen“ für Weggefährten und Unterstützer in schweren Zeiten, „Wie krass ist denn das“ als Reflexion des eigenen Glaubens und, dies ist wohl das persönlichste, die Auseinandersetzung mit der eigenen Sterblichkeit im Abschiedslied „Wenn ich geh‘“. Auf dieses Lied ist Uwe X. gekommen, als er die Trauer bei der Beerdigung seines Schwiegervaters spürte, dessen Gedenken er im Booklet eine Widmung schenkt. Dankbarkeit und gute Erinnerungen sollen bei aller Traurigkeit überwiegen, sowie das Vertrauen, dass man auch mit Verstorbenen verbunden bleibt.

Wer bereits die Musik von Uwe X. kennt und mag, aber auch wer sich dafür nun interessiert, kann sich über das erste Live-Album besonders freuen: Feeling wie bei einem Konzert, starke und ermutigende Texte, musikalische Vielfalt und: Genau wie bei einem Konzertbesuch kann man als Zuhörer gleichzeitig ein gutes Werk tun, da es sich um eine Benefiz-CD für den Verein Schlussstrich e.V. handelt (www.SchlussStrich-e.V.de). Kinderprostitution zu stoppen, das ist dem engagierten Liedermacher und Familienvater eine Herzensangelegenheit – und damit sein Tropfen auf dem heißen Stein!

Tourdaten und weitere Informationen gibt es unter www.uwex-musik.de

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