Ein Achtel Lorbeerblatt

Das Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunstmagazin

Rezension: Suli Puschban – Regen und Meer

Regen_und_Meer_puschban

von Michael Lösch

Du sagst im Halbschlaf lass uns nach Italien fahren, irgendwohin, auf jeden Fall bis ans Meer, an Orte wo weder du noch ich jemals waren, mit einer Landkarte gefaltet auf Papier.

Mit diesem Eingangszitat aus dem Lied „Landkarte aus Papier“ ist über das Themenrepertoire aus Suli-Puschbans „Regen und Meer“ schon viel gesagt. Es ist eine spezielle Art von Fernweh, wobei die Reiseziele letztendlich doch nur die Wege sind, denn Puschbans eigentliches Reiseziel ist das Phänomen der unkontrollierbaren gegenseitigen Anziehungskräfte und die Frage, welche Traumkulissen am besten dazu passen.

In ersten Song „Venedig“ wandelt sie ganz wie in Viscontis „Sehnsucht“ auf nächtlichen Strassen und Plätzen und natürlich auch in ihren eigenen Gefühlswallungen herum und grübelt ob und inwieweit diese so malerische Stadt überhaupt zu ihrer Verliebtheit passt.

Im dritten, die komplette CD taufenden Lied kommuniziert sie mit dem Meer „Es brandet das Meer, es wirft dir Geschenke hin, einen Fisch, einen Knochen, Gedanken bis unters Kinn“. In „Lunz am See“ ruft sie in Das-Glas-ist-halb-voll-Manier zur Wanderung im Gleichschritt auf. „Ist der Weg auch noch so steil, von oben siehst du weit, übers Land, wir gehen den Weg zu zweit“. Im weiteren Verlauf ihres Repertoires zieht es sie dann wieder in die Ferne, nach Italien und immer wieder ans Meer.

Im achten Lied „Das Gewicht der Liebe“ findet mal eine Perspektivenumkehr statt, ausnahmsweise mal kein Verlangen geliebt zu werden, sondern der Verweis auf den eigenen Zimmerspringbrunnen an großen Gefühlen, die sich ihre ganz eigenen Kanäle und Flutungen suchen.

Bevor es dann in Lied zehn wieder nach Italien geht, beliebt sie mit der Farbe Blau zu scherzen, übers Meer zur blauen Grotte, von Blaupausen zu blau machen, von Blaualgen zu den Blaubeeren bis ins Blaue vom Himmel, und zum Schluss des Songs streift sie sich endlich wieder den Blaumann der Liebe über. Die Themen Liebe und Fernweh werden schon arg strapaziert. Mal untermalen schmetterlinghaft flatternde Klarinettenstakkatos ihren großen Liebesvorrat, mal zupfen Banjoklänge und polieren Geigen daran herum.

Es ist ebenso reine wie leichte Befindlichkeitspoesie, schnulzen- und zuweilen auch schlagernah. Dass etwa große Gefühle auch gar nicht erst erwidert werden und deshalb auch schmerzhaft zum Narren halten können, bleibt überwiegend außen vor.

Dass das Hören dennoch weitgehend angenehm ist, liegt in dem melodiösen Charme, den Puschbans Lieder nun einmal haben. Die Textpassagen sind eben auch zum Loslassen geeignet. Sie lassen dem melodischen Erleben freien Raum und kehren ganz nach Wunsch, je nach Lust auf passgenaue Momente zu Klangkonfekt und Hörgefühl zurück.

www.sulipuschban.de

Und hier noch weitere Meinungen zum Album von Redakteuren des Ein Achtel Lorbeerblatts:

Simon-Dominik Otte (Redakteur): Ein bisschen „Die Heiterkeit“ und ganz viel Christiane Rösinger. Und das aus Österreich. Gekonnte Wortspiele treffen ebenso gekonnte Melodien. Entspannt und voll innerer Ruhe, dabei aber scharf beobachtend und klar in der Aussage. Folkloristisch im positiven Sinne. Romantisch und ehrlich. / 7 von 10 Punkten

David Wonschewski (Schriftsteller): Na hoppala, Frau Puschban. Nicht nur Musik für Kinder hat die Dame drauf, nein, auch für adulte Ohren kann sie problemlos ein ganzes erfrischendes Album auf hohem Niveau schreiben. Sicherlich, die Platte ist nicht derart indie-cool, dass sie mit einer Kehr oder Nickschas mithalten könnte. Und auch nicht verbal derart austangiert wie die Lieder aus dem Hause Kuhr. Genau aber das ist das Erfrischende an „Regen und Meer“, unaufgeregte, romantische Lieder, versehen mit einem steten Schuss Fernweh. Keine Ohrwürmer, dafür aber massig Stellen, an denen sich zufrieden und entspannt auf Anhieb mitsummen lässt. Eine Extra-Umarmung gibt es für „Lunz am See“, ein Lied, das bisher allenfalls Nordamerikaner schreiben konnten. Man sagt es ungern, aber: Eine Platte wie geschaffen dafür, sie den Lieben unter den Christbaum zu legen. / 8 von 10 Punkten

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