Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

Die EAL- CD des Monats Dezember: Linard Bardill – Scharans

Schrans_Bardill

von Markus Heiniger

Von Basel aus zeigt mir der Routenplaner 227 km an. Es geht in Richtung Osten den Rhein hoch, Fahrzeit 2 Std. 50 Min., via Zürich, Winterthur und St. Gallen, mitten hinein in die Bündner Alpen, nach Scharans. Schiebe ich gleich beim Start Linard Bardills neue CD in den Player in meinem Auto, bin ich allerdings schon viel eher dort. Denn bereits in Track zwei höre und sehe ich die Windböen über den Piz Beverin sausen und ein gelbes Postauto mit hundert Kindern drin präzise um die Linde auf dem Dorfplatz. Ja, und fahre ich, was ja irgendwie vernünftiger ist, mit dem Zug ins Bündnerland, lande ich im Kopfhörer meines mp3-Players garantiert noch vor Eintreffen der Minibar am Ort des Geschehens; wohin schon wieder? Genau, man sollte es sich merken, in Scharans, wohin mich zusammen mit Linard Bardill und seinen Top-Musikern übrigens gleich auch die genannten hundert Kinder aus dem Postauto entführen. Ein ganzer Kinderchor nämlich ist es, der dem Gefährt entsteigt und den Titelsong mitgestaltet. Keine ausgebildeten Kantorei-Stimmen, bloss natürliche lockere Schulkinder mit erfrischender, wenn auch nicht immer ganz reiner Intonation. Das passt ganz gut zu Linard Bardills Stimme, die ganze Alpentäler erzittern lasse, wenn sie erklingt, wie ein Journalist einmal sagte. Der Titelsong kommt auf der CD übrigens gleich in zwei Versionen vor, wobei die ältere Aufnahme weiter hinten zu finden ist. Mir gefällt sie einen Tick besser. Item: So viel Scharans schreit ja schon fast nach einem Untertitel. Und den gibt es auch. Einen mit einem unübersehbaren Augenzwinkern gesetzten: „If you make it there“.

Scharans auf Augenhöhe mit Frank Sinatras New York. Warum nicht? Linard Bardill kennt da gar nichts, wenn er sein Herz erst einmal verschenkt hat. Und er hat es eben verschenkt. An Scharans. Überdies hat er für seine kleine Untertitel-Anmassung ja durchaus auch Anwälte in der Kleinkunstszene. Nicht zuletzt wohl Hanns Dieter Hüsch, den fahrenden Poeten vom Niederrhein, der so manche seiner nachgeborenen Kollegen von seiner Wolke aus noch immer begleitet und der, als er sich wieder einmal gegen die Grossen dieser Erde auflehnte, auf die Frage seiner Frau hin: „Warum ausgerechnet du?“, lapidar antwortete: „Wer denn sonst?“ Also: „Wo denn sonst?“ sind wir gerne bereit mit Linard Bardill zu fragen. In Scharans eben, das er auf „Sunneglanz“ (Sonnenglanz) reimt und, in einem leisen Anflug von Kritik am Dorfleben, auch einmal auf „Firlefanz“. Aber dieser Reim taucht nur am Rande auf. „Scharans“ ist und bleibt ein Liebeslied. Ja, dort ist er zu Hause, Linard Bardill, dort, wo der Holunder blüht. (Wunderschöner Song). Dort, wo er in der Ruhe der Bergwelt seine eigene Stimme noch hört und ihr deshalb doch prompt ein Liebeslied widmet, (wunder-wunderschöner Song, ehrlich). Und dort, wo nachts ein Engel auf eine Schafherde aufpasst, die sich allein im Nebel verirrt hat, ein Engel, der sie tags darauf wundersam und unversehrt wieder heimkehren lässt, (wunder-wunder-wunderschöner Song!) Kitschig? Nein. Wirklich nicht. Denn Bardill ist sich am Ende des Liedes ja selbst nicht sicher, ob er zusammen mit dem Schafhirten nun tatsächlich an Engel glauben soll. Aber er findet durch die im Lied erzählte Geschichte zurück zu seiner Sehnsucht, schlicht die Arme auszubreiten und zu glauben wie ein Kind. Das ist ansteckend. „Glauben, wie ein Kind“, ja klar, er ist ein gelernter Theologe, der Bündner Barde und kennt natürlich Jesu Worte „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder…“ (Matth. 18.3). Aber keine Sorge, er predigt nicht, Bardill, er singt einfach nur. Einfach. Und einfach mitreissend. Von Scharans. Von sich selber. Und von uns.

Das perfekte Album also? Beinahe. Denn die Zeiten sind gerade wieder einmal unangenehm politisch geworden und verlangen doch auch in dieser Hinsicht nach Liedern, will mir scheinen. Wer singt sie uns? – Bärtige Männer mit Koran in der Hand köpfen Journalisten und verbreiten Krieg und Terror. Und der Russische Bär ist sich gerade wieder einmal mit der westlichen Selbstgerechtigkeit ins Fell geraten. Wer allerdings Lieder zu solchen Themen sucht, findet sie derzeit eher bei der aus Ostdeutschland stammenden mittlerweile auch Berndeutsch sprechenden Zürcherin Uta Köbernick, die ihren Liebsten in einem ihrer neuesten Songs mitten in einer nächtlichen Romanze unverhofft mit der lähmenden Frage überrascht: „Glaubst du, die Russen wollen Krieg?“ Das geht unter die Haut, so wie sie es singt. Oder bei Sebastian Krämer, der in seinem letzten Programm „Tüpfelhyänen“ Kurt Tucholskys wohl berühmtesten Satz „Soldaten sind Mörder“ aufgenommen hat und ihn brillant, treffsicher und klarsichtig weiterspinnt. Doch halt! Zumindest ein politisches Lied findet sich auf Scharans. Darin taucht die Frage auf, ob wir wohl irgendwann wieder aufstehen und uns für eine bessere Welt wehren. Ein Alter ist es im Lied, der einen Jungen fragt. Ein Gespräch über Generationen, wie in Max Frischs sehr spätem Gespräch „Jonas und sein Veteran“, das von der Vitalität allerdings nicht mehr ganz an Frischs frühere Werke anzuknüpfen vermag. „Träumen wir noch?“, scheint Bardill in diesem Song zu fragen, „oder schlafen wir schon?“

Doch ansonsten bleibt Linard Bardill auf „Scharans“ ganz seiner schon vor Jahrzehnten gemachten Aussage treu, „das Revolutionärste, was ich zu bieten habe, sind meine Liebeslieder“. Und die hat er tatsächlich auch drauf. Ehrlich und schmerzvoll, wie in seinem auf „Scharans“ eingespielten Song „Die Leere ist da.“ Bloss Liebeslieder also? Ist das nun mutlos? Unter dem Strich nein. Denn wer sich nachts mit offenen Armen und kindlichem Vertrauen singend in die Dunkelheit stellt, ist nicht mutlos. Der macht Mut!

www.bardill.ch

CD zu finden auf: www.cede.de/de/music/?branch_sub=1&view=detail&id…1

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