Ein Achtel Lorbeerblatt

Das Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunstmagazin

„Es sind Abgründe, die zu Aufschwüngen führen.“

Bardill_Foto

 

Heiniger befragt Linard Bardill zu seiner neuen CD „Scharans“

 

MH Ciao Linard!

LB Guten Morgen, du Umtriebiger.

MH Kannst du dem Lorbeerblattpublikum kurz erklären, weshalb in einem deiner neuen Songs auf deiner CD „Scharans“ ausgerechnet der Holunder so wichtig ist?

LB Holunder ist Frühling, Leben, Wohlgeruch, Holder Champagner!

MH Gleich zwei Lieder an deinen Wohnort respektive zwei Fassungen davon befinden sich auf deiner neuen CD. Es sind ja eigentlich Liebeslieder. Wie riecht Scharans?

LB Nach Holunder und Schnee. Nach Schafen und Ziegen. Nach dem typischen Töffligeruch der 50 Kubikmeter-Pubertätsverpuffermofas, nach dem Schweinebauern, oder besser seinen Halbökoschweinen, wenn der Föhn weht. Nach meiner Geliebten.

MH „Wahre Worte sind nicht schön, schöne Worte sind nicht wahr“ sagt Laotse. In diesem Sinne singst du im Zusammenhang mit Scharans wohl auch von „Firlefanz und Affentanz.“ Damit es, in Laotses Sinne, nicht allzu schön wird, meine ich. Was steckt hinter dieser angetönten Firlefanz-Kritik?

LB Wo Menschen sind, menschelt es. Da gibt es an jedem Ort Dinge, die man mag und Dinge, die man nicht mag. Es gibt im Dorf eine Abschottungstendenz, wie im ganzen Land, das mag ich nicht so. Doch es gibt auch diese Lust, etwas gemeinsam zu machen. Das liebe ich.

MH „Scharans“ ist ein Heimat-Album. Was bedeutet Heimat für dich?

 

Die Agglomeration ist eine Krake, die alles aufgefressen hat, was Geschichte, Gesicht und Identität bedeutet. Diese Werte aber sind nur mit Engagement und Ideen wieder zu erobern und zu haben.

 

LB Früher lebte ich zu Hause unter dem Motto leben und leben lassen. Wenn sie mich in Ruhe lassen, gebe ich auch Ruhe. Ich wollte Frieden dort, wo ich jeweils zurückkam, nach meinen Touren. Dann kamen meine Kinder und die Esel und wir spazierten viel durchs Dorf. Das hat mir die Augen geöffnet. Ohne Wurzeln gibt es auch keine Heimat. Das Wort ist gefährlich. Gerade drum darf man es nicht den Ewiggestrigen überlassen. Ich habe die CD „Dis Land mis Land“ gemacht und „nicht so schnell Wilhlem Tell“. Beide Alben beziehen sich auf Tradition und die Frage nach der Geschichte dieses Landes. Für Kinder zwar, aber gerade dort ist es ganz wichtig, das Gesicht der Landschaft, die Träume der Vorderen, die Spuren der Musik und die alten Texte zu thematisieren. Tell zum Beispiel ist ein Rebell. Er beging einen Tyrannenmord. Wie gehen wir heute damit um? Das sind Fragen, die man auch mit Kindern diskutieren kann. Scharans geht etwas weiter. Oder besser näher. Wie das Album „Han di gära wie du bisch“ an die Schweiz gerichtet ist, geht es in „Scharans“ um einen „Sparz in den Arsch der Agglomeration“. Die Agglo ist eine Krake, die alles aufgefressen hat, was Geschichte, Gesicht und Identität bedeutet. Diese Werte aber sind nur mit Engagement und Ideen wieder zu erobern und zu haben. Wer sich nicht einsetzt wird umgesetzt. In Steuerzahler und Agglomasse. Die scheinbare Freiheit ist im Grunde nur Beliebigkeit.

MH Mein Lieblingslied auf „Scharans“ handelt von einer Schafherde, die vom Hirten im Nebel des Hochgebirges für eine Nacht aufgegeben werden muss, da es zu gefährlich wäre, die Tiere ins Tal zu treiben. Doch er gibt sie nicht einfach so auf, wie man sich das vorstellen könnte, sein Herde, nein, er vertraut sie einem Engel an, den er dort in der Nähe wähnt. Ach, was heisst wähnt, weiss! Und alles kommt gut: Nicht ein einziges Schaf fehlt am nächsten Morgen. Keines hat sich verirrt. Keines ist abgestürzt. Was gewännen wir, bauten wir in schwierigen Situationen öfter einmal auf Engel?

LB Darüber könnte man sehr viel sagen. Vom Tode Gottes bis zum Scheitern der französischen Revolution, vom Engel der Geschichte von Walther Benjamin bis zum Ende der Geschichte von Francis Fukuyama. Oder antworten: Ja. Hölderlin spricht vom kommenden Gott. Wenn die Sonne untergegangen ist, dann ist es Nacht. Da hilft kein Imaginieren. Doch aus uralter Zeit widerhallt eine Erinnerung, dass es eine Sonne gab, und dass es sie wieder geben wird.

MH Ein politisches Lied befindet sich auch auf deiner CD. Es wirft die Frage auf, ob wir irgendwann wieder aufstehen, all die Überwachungskameras, die uns täglich anglotzen, von den Wänden reissen und zertreten, um im Zuge unseres Protests schliesslich Zeugen zu werden, wie sich Banker und Verwaltungsräte kleinlaut vom Hof machen. Was würdest du sagen: Stehen die Menschen in einem Land, wo Milch und Honig fliesst, irgendwann tatsächlich wieder auf? Oder geht es uns zu gut dazu?

LB Die Frage nach dem politischen Lied in der Schweiz ist so alt wie die Absenz desselben. In einer direkten Demokratie ist es eher unwahrscheinlich, dass der osmotische Druck so gross wird, dass es zur Revolution kommt. Ich glaube aber auch, dass in den übrigen Ländern keine Revolution zu Stande kommt. Ausser es gibt Hunger. Aber dann gibt es vorher Krieg. Der Spätkapitalismus versucht seinen Arsch zu retten. Und zögert den Zusammenbruch hinaus. Fürchtet sich vor dem Krieg. Verlagert ihn lieber. Stellvertreterkriege. Wie im Arabischen Bogen gerade. Darüber Lieder zu schreiben finde ich müssig. Gut, man kann Betroffenheitslyrik versingen. Ist aber nicht mein Ding.

MH Wer dich auf Facebook verfolgt oder von Interviews her kennt, weiss um dein Hadern mit den politischen Situationen im Osten. Israel, Palästina, Syrien oder die Ost-Ukraine, um nur ein paar Schauplätze zu nennen, treiben dich um. Du denkst öffentlich darüber nach und beziehst auch Stellung. Auf deiner CD spiegelt sich dieses Leiden und Mitleiden an der aktuellen politischen Situation jedoch kaum. Warum?

LB Die Agitprop-Phase ist bei mir vorbei. Wenn man mit 60 immer noch zur KP gehören möchte, die es hier nicht gibt, dann ist etwas schief gelaufen. Auf der Bühne hat für mich die Politik nichts zu suchen. Das Lied über die Revolution ist ein Lied über die Frage, wie lange lassen es sich die Jungen noch gefallen. Wie ein Gespräch zwischen dem Grossvater und seinem Enkel. Wer als junger Mensch kein Revolutionär ist, der hat kein Herz, sagt Mark Twain, wer es im Alter immer noch ist, der hat keinen Verstand. Ich kämpfe für ein neues Geldsystem. Da sehe ich viel mehr Chancen als im Zusammenhauen des Bestehenden. Kennst du die Vollgeldinitiative? Da geht es darum, dem Kapitalismus die Giftzähne zu ziehen. Klar bin ich Antikapitalist. Aber nicht wie die alten Rabauken von damals. Es gibt zum Beispiel die Freiwirtschaftliche Idee vom zinslosen Geld, das nicht einfach beliebig gedruckt werden kann. Was wir heute erleben, ist doch der Schlussgang des Spätkapitalismus, wo es 80mal mehr Geld als Werte gibt. Für diese einzustehen lohnt sich.

MH Unsere aus Ostdeutschland stammende Zürcher Kollegin Uta Köbernick fragt in ihrem neuen Lied „Nacht“ während des gemeinsamen Betrachtens der Sterne zusammen mit ihrem Geliebten ganz unvermittelt: „…glaubst du, die Russen wollen Krieg?“ So knapp Uta die Frage jeweils stellt, sie geht unter die Haut. Und unser Berliner Kollege Sebastian Krämer nimmt in seinem aktuellen Programm „Tüpfelhyänen“ Kurt Tucholskys damaliges Skandal-Zitat „Soldaten sind Mörder“ auf und spinnt es fort. Nicht einfach irgendwie, nein, irgendwie kongenial möchte ich sagen. Liegt es an unserem neutralen Publikum hierzulande, dass wir Schweizer SongPoeten die aktuellen heissen politischen Eisen fast kaum anzufassen wagen? Oder liegt es an uns selber, weil wir die Sprache für solche Themen in unseren Liedern noch nicht gefunden haben?

 

Die politische Realität ist eben hierzulande oft irritierender als ein gut gemeintes Agitprob Lied.

 

LB Das politische Lied entsteht in der Unterdrückung. Zu oft verkommt es zur Pose, wenn man selber Teil des Systems ist und so tut, als ob man nun ganz anders tickt. Ich bin für die direkte Demokratie mit all ihren schwierigen Seiten. In einem Land, wo du eine Initiative über das Grundeinkommen lancieren kannst, ist es nicht so einfach, glaubwürdig über die Ausbeutung der Arbeit zu singen. Die politische Realität ist eben hierzulande oft irritierender als ein gut gemeintes Agitprob Lied. Ich mag zum Beispiel Wecker in seinen poetischen Liedern sehr. Wenn er aber wie ein schreckliches Marschlied „sage Nein!“ herausprälatet, ducke ich mich.

MH „Tobe, zürne, misch dich ein, sage nein!“, singt er. Etwa, wenn sie „in deiner Schule wieder lästern über Schwule“ oder wenn einer am Stammtisch meint, „die Frau ist nur was wert, wie dereinst an Heim und Herd“. Er weiss ja selber sehr gut um das Pathetische in seinen Liedern. Aber wer, wenn nicht Wecker mit seiner ganzen Power soll zu mehr Zivilcourage aufrufen? Mir gefällt dieser Song ausgesprochen gut.- Immer wieder, Linard, hauen mich deine Liebeslieder um. „Die Leere ist da“, singst du auf deiner neuen CD in einem Lied, das für mich schon jetzt zu einem der ganz grossen Liebeslieder gehört, da es, fast wie der Extrem-Seiltänzer Freddy Nock, scheinbar mühelos über dem schier unendlichen Abgrund zwischen einer erschreckenden Leere und den noch vorhandenen Gefühlen einer grossen Liebe schwebt. Schreibst du ein solches Lied mit der Leichtigkeit, mit der du es singst? Ich vermute eher nicht, oder?

LB Es sind Abgründe, die zu Aufschwüngen führen. Heraklit sagt, alle Dinge streben zu ihren Polen, und erst so finden sie ihre Harmonie. (Aus der Erinnerung zitiert.)

MH Mir gefällt auch der schlafende Mann auf dem CD-Cover. Er regt meine Fantasie an. Kannst du etwas über ihn verraten? Wo liegt er da genau? Und wer oder was wird ihn wohl wecken?

LB Ja, das Bild hat etwas von einem Renaissancebild. Eine Neugeburt aus dem Traum? Der Mann heisst Monti und ist mein Herzensfreund. Ein Bauer, der 40 Jahre in Scharans das Land bearbeitet hat. Er ist müde, und er träumt. Wovon weiss ich nicht. Aber ich möchte wohl, dass man den Traum, – den eigenen – erfährt und das Bewusstsein entwickelt, dass wir in einem Traum leben, und dass wir es sind, die diesen Traum träumen aber auch aufwachen können.

MH Besten Dank und viel Freude und Erfolg mit deinem aktuellen, neuen Programm!

LB Danke.

www.bardill.ch

CD zu finden auf: www.cede.de/de/music/?branch_sub=1&view=detail&id…1

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