Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

Rezension: Billy Rückwärts – Zurück zur Couch

Zurueck zur Couch

Die aktuellen Songs von Billy Rückwärts – und viele weitere Neuerscheinungen und Klassiker – hören Sie im Lorbeerfunk, unserem Radiosender rund um Liedermacher & Chansonniers. Zum EAL-Radio HIER entlang.

von Michael Lösch

Im Laufe des Hörens dieser Lieder macht der Zuhörer eine Art Metamorphose durch. Zu Beginn, gleich bei dem ersten Song „Ich beklage mich“ wähnt man sich noch bei einer Art Degenhardt-Klon, dessen Gitarren-Stakkato allerdings nicht gegen politisch lesbare Ungerechtigkeiten, sondern gegen die Unwägbarkeiten eines erfolglosen Künstlerdaseins zu Felde zieht, sei es die Vergeblichkeit kompositorischer Anstrengungen oder steigende Lebensmittelpreise.

Der zweite Song „Single“ bringt ein wenig Linderung, erzählt er doch genugtuerisch über die Befreiung von den Niederungen des Beziehungsalltags und seinen großen und kleinen Kommunikations- und Feedback-Fallen.

Spätestens danach aber ist der rote Faden nicht mehr zu überhören. Es ist betont Loser-Lyrik, mal wird betrunken inmitten der tanzenden Glückseligkeit der anderen herumgetorkelt, mal reift die schmerzhafte Erkenntnis, dass das schönste Mädchen immer nur hinter der Bar steht, unerreichbar weit weg, das diesseitige Bargeschehen komplett entwertend.

Zentrales Thema der Lieder von Billy Rückwärts ist das zu kurz Kommen, das die Normalsterblichkeit bereit hält; deshalb fühlt sich der Normalsterbliche auch ganz wohl und verstanden, und dank eines muntermachenden Sarkasmus wird die Weinerlichkeitsfalle gekonnt umschifft.

So in der Mitte des Albums, bei der CD-Namens-Taufe „Zurück zur Couch“ findet dann eine regelrechte philosophische Verdichtung statt. „Ja, der Mensch muss Nahrung produziern, deren Verteilung delegiern, er will ein warmes Dach, und neben der Verwaltung braucht er auch gern Unterhaltung und dafür Leute vom Fach, und wird etwas verdient, dann wird es investiert und die Rendite von den Enkeln kassiert ….und hat man keinen Bock bei all dem mit zu tun, sich mal auszuruhn und nur das Allernötigste zu tragen, wird Beschäftigung gefunden, jede Woche 40 Stunden und ich soll Danke dafür sagen?“ „Ich liebe dich nur wenn du weinst“ ist ein selbstkritisches Liebeslied. „… und ich weiß auch, dass du selbst wenn ich im Unrecht bin noch zu mir hälst. Ich wünscht ich könnt das alles schätzen, nicht immer nur verletzen, um zu spüren dass du mich noch wirklich willst.“ Es sind musikalische Grundsatzgedanken. Dazu ist das Gitarrenspiel mal ein bisschen nervös gezupft, mal sind die Akkorde im Fluss, mal von Violine, mal von Piano unterlegt.

Spaziergang“ ist der romantische Ausreißer des Ganzen, ein ergreifender weil identitätssuchender Dialog mit Schneeflocken, Wirbelstaub und Sonnenstrahlen, auf merkwürdig großartige Weise ebenso traurig wie schön. Die Stimme von Sängerin Dani spendet soviel Empathie und Geborgenheit, dass man sie zur Abwechslung zum doch eher scharfschnittigen Gesang von Leadsänger Sebastian auf dem Album gerne öfter hören würde.

Ein bisschen Techno mit Rapgesang ist bei „Motten unter der Mütze“ auch dabei, bevor dann auf „Alienliebe“ das Außerirdischsein als kafkaeske Symbolik für Entfremdung und Einsamkeit her hält.

„Zurück zur Couch“ ist die Lied gewordene Ernüchterung darüber, dass das Leben und die Liebe eben nicht immer halten, was sie versprechen, ist ein Plädoyer für das Grundrecht auf große und kleine Resignationen.

Homepage: www.billyrueckwaerts.de

 

Und hier noch weitere Meinungen zum Album von Redakteuren des Ein Achtel Lorbeerblatts:

Sophie Weigand (Redakteurin): Musikalisch sehr vielseitig, etwas melancholisch und manchmal bitterböse ist das Liedermachertrio ,Billy Rückwärts‘ aus Köln. Mit dem sprichwörtlichen Schalk im Nacken wird hier über Liebe, Aliens, zu weit entwickelte Gehirne und das Pech gesungen, dass es, trotz gelegentlich düsterer Thematik und Bösartigkeit, eine Freude ist. Produziert von Götz Widman ist diese Band eine Entdeckung, die sich lohnt! / 8 von 10 Punkten

David Wonschewski (Schriftsteller): Wie schon bei der jüngsten Widmann-Entdeckung, dem Liedermacher Falk, finde ich in Billy Rückwärts rein textlich besehen erneut Brüder und Schwestern im Geiste vor. Stücke wie „Ich beklage mich“ sind derart selbstironisch und sarkastisch, dass sie nicht nur ziemlich amüsant, sondern zugleich konstruktiver und lebensbejahender als die meisten Lieder aus der „Kopf hoch, das Leben ist schön“-Fraktion sind. Ein zynisches Pfund, mit dem die Band nicht ganz so derb wie Falk, aber um keinen Deut weniger nachhaltig zu wuchern versteht. Was das Trio dem alleine vor sich hingniedelnden Labelkollegen Falk definitiv voraus hat ist dabei, logisch, die Spiellaune. Mehrstimmiger Gesang, Gitarre, Klavier, Bass, Beats und eine effizient, niemals zu opulent eingesetzte Geige, die gerade in ihren sparsamsten Momenten („Das schönste Mädchen“) das Talent besitzt aus einem sehr guten Song ein Stück werden zu lassen, das Spuren hinterlässt. Weltmusikalische Festlichkeit trifft bei Billy Rückwärts immer wieder auf die klangreduzierte Melancholie der Einsiedler, die Lust zu tanzen und die Lust zu leiden vereinen sich, dabei alles so frisch und facettenreich produziert, dass „Zurück zur Couch“ als fein austangierter Lebensbogen, bestehend aus Sonne und Regen, aus Berg- und Talfahrt daherkommt. Da schon die Vorgängerplatte „hübsch!“ ein derart gesamtbeglückendes Liedermacher-Kaliber darstellte, es sich hier also um qualitative Wiederholungstäter handelt, gibt es nun ohne zu zaudern oder zu zucken wohlverdiente: 10 von 10 Punkten.

Frank Klaffke (Regisseur): Heldentum zwischen Couch und Bar – Alltagsthemen, lässig, cool und tiefgründig umgesetzt, das ist die Stärke von Billy Rückwärts. Witzig, sarkastisch und immer gutgelaunt probt die Band den aufrechten Gang und das frische Denken. Und das musikalisch abwechslungsreich und groovig umgesetzt- wer Element of Crime mag, wird von Billy Rückwärts begeistert sein. / 9 von 10 Punkten

 

 

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