Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

Das große EAL-PingPong-Gespräch. Diesmal mit: Götz Widmann

gwidmann1Das Konzept hat er sich ein wenig bei unserem schweizerischen Kollegen Markus Heiniger abgeschaut: in unregelmäßigem Abstand verabredet sich Schriftsteller & EAL-Redakteur David Wonschewski mit Liedermachern zum verbalen Ping-Pong. Das Konzept ist denkbar einfach und in Zeiten virtueller Betriebsamkeit fast schon „lebendig“ zu nennen: Man mailt sich hin und her. Der eine reagiert auf die Äußerungen des anderen, Missverständnisse und aneinander Vorbeireden inklusive. Keine vorgestanzten Fragebögen, keine dringend abzuhandelnden Kernpunkte – einfach laufen lassen. Schauen wohin es führt.

Ob es überhaupt irgendwohin führt.

Diesmal als Gesprächsgast am Start: Götz Widmann. Der umtriebige Liedermacher begeht im kommenden November seinen 50. Geburtstag, kann dabei auf mittlerweile über 20 Jahre Bühnen- und Veröffentlichungserfahrung zurückblicken und steht somit kurz davor ins Pantheon der „Liedermacher-Urgesteine“ berufen zu werden. Mit seiner Frau Fabia Widmann betreibt er das Liedermacherlabel Ahuga!, auf dem neben Widmanns eigenen Alben auch die Werke einiger der interessantesten jungen Protagonisten des Genres zu finden sind: Simon & Jan, Falk, Billy Rückwärts – um nur einige zu nennen.

Vor wenigen Wochen ist mit „Krieg & Frieden“ die nunmehr 17. Musik-Veröffentlichung des mittlerweile in der Schweiz lebenden Musikers erschienen.

Hören & Sehen: Götz Widmann – „Autsch“ (vom Album „Krieg & Frieden“)


David Wonschewski (DW): Götz, freut mich, dass wir uns endlich mal sprechen – und dann gleich in unserem großen PingPong-Gespräch, so ausführlich. Bisher stehe ich ja vor allem mit deiner Frau Fabia in regem Kontakt, die unter anderem die PR-Fäden deines Ahuga!-Labels fest in Händen hält und mir gerade in den letzten Monaten eine Reihe neuer Alben angedreht hat. Auf sympathische Art und Weise, versteht sich.

Götz Widmann (GW): Das freut mich allerdings auch. Mein Label ist wohl nicht ganz richtig. Eigentlich ist bei Ahuga! meine Frau der Boss. Jedenfalls macht sie die meiste Arbeit und hat auch alle Künstler entdeckt, die in den letzten Jahren dazugekommen sind. Ich bin halt doch immer noch am liebsten Songwriter. Aber sie macht das super und ich meine, wir hätten noch nie so gute Leute am Start gehabt wie im Moment.

DW: Na was ein Glück, dass ich das ähnlich sehe; die Alben von Billy Rückwärts und Falk gehören zu meinen persönlichen Highlights des Jahres 2014. Gibt es eigentlich so etwas wie einen Eigenschaftskatalog, um auf Ahuga! zu landen? Ich bilde mir schon ein bei allen euren Künstlern einen gemeinsamen Nenner herauszuhören, tue mich aber noch schwer damit, dafür die richtigen Worte zu finden. Und du weißt, wenn ein Musikjournalist nicht die richtigen Worte zur Schubladisierung findet, wird er zappelig!

GW: Oh, dann hoffe ich doch sehr, dass ich dir da helfen kann. Das zentrale Kriterium ist tatsächlich, dass wir beide uns in einen Künstler oder eine Band verlieben. Dann muss es unbedingt auch noch menschlich stimmen. Da wir in der Regel sehr viel Zeit gemeinsam mit unseren Künstlern verbringen, muss es einfach Spass machen, wenn man zusammen ist. Was die Inhalte angeht ist uns definitiv der erhobene Mittelfinger lieber als der Zeigefinger. Wir mögen Leute, die sich auch mal über sich selber lustig machen können. Überhaupt spielt Humor eine große Rolle. Betroffenheitslyrik ist weniger unser Ding, genauso wenig wie wenn sich Leute krampfhaft zu einer politischen Attitüde zwingen. Der typische Ahuga!-Künstler versucht in erster Linie gute Songs zu schreiben. Das darf auch mal politisch sein, muss es aber nicht.

DW: Das klingt natürlich toll, aber mal ehrlich – sagt das nicht jedes Label so in etwa von sich? Das mit dem Mittel- und dem Zeigefinger zum Beispiel, das ist ja nett, aber ich gebe zu, so ab und an habe ich Sehnsucht nach jemandem, der diese angeblich so verpönten Dinge wieder salonfähig macht. Wie eben diesen vermaledeiten erhobenen Zeigefinger, der offenbar irgendwann und irgendwo in Ungnade gefallen, für alle Zeiten wie verseucht ist. Ganz abgesehen davon, dass mir im Leben zu viele Freunde ausgestreckter Mittelfinger begegnet sind, die diesen Mittelfinger durchaus wie einen erhobenen Zeigefinger verwenden, sich nur leider nicht dazu bekennen wollen. Viele Menschen kämpfen, löblich, gegen ein jegliches „engstirniges Denken“ – werden in diesem Streiten aber so dogmatisch, dass sie engstirniger als die Engstirnigen werden, gegen die sie sich richten. Wie Diktatoren, die meisten davon sind bekanntlich ehemalige Freiheitskämpfer. Auweia, in zwei Gedankensprüngen von Ahuga! auf die ganz große Politikbühne. Was bin ich gespannt, wie man das als Liedermacher, der gesellschaftspolitische Überfrachtungen dieser Art mit Sicherheit gewohnt ist, jetzt pariert…

GW: Du hast völlig recht mit den Leuten, die vor lauter gut gemeinter Dogmen engstirniger als die Engstirnigen werden. Von Falk gibt es ein tolles neues Lied über „Birkenstocknazis“. Von Billy Rückwärts über „Gesundheitsfaschisten“. Ich hasse die auch, wir alle. Es gibt so eine neue linke Lustfeindlichkeit, die mir Angst macht. Da bin ich mit Haut und Haaren dagegen. Insofern ist der Bezug tatsächlich etwas überfrachtet, aber das weisst du ja selber, Zuspitzen ist das Geschäft des Journalisten, ha! Mir ist jede Form von Missionsdrang extrem zuwider, der anderen vorschreiben will, was gut und richtig ist. Auch was du über Diktatoren sagst stimmt zweifellos, aber ich weiss nicht, was das mit mir zu tun hat. Ich bin so gutmütig, dass mir sogar meine Katzen auf der Nase rumtanzen. Eigentlich wollte ich mich mit meiner Aussage nur in einem Satz von den ganzen professionellen Betroffenheitslyrikern abgrenzen. Das find ich halt genauso unerträglich wie diese ganzen Spassverbieter.

Hören: Götz Widmann – „Für Euch“ (vom Album „Krieg & Frieden“)

DW: Das sind wohl die Vorurteile, die jeder mit sich trägt. Bei einem Popmusiker hätte ich den Diktatoren-Vergleich wohl in der Tasche gelassen, was auf eine gegensätzliche Art genauso blöde ist. Bei einem Liedermacher bin ich hingegen schnell geneigt einen großen Rahmen zu sehen, den Umsturz, die Revolte, den politischen Masterplan. Dass du einfach nur gute Songs und gehaltvolle Texte singen willst, nein, das mag ich mir nicht vorstellen. Aber keine Sorge, die abgedroschene Frage danach, ob du denkst, dass du mit Liedern die Welt verändern kannst, erspar ich dir, dafür hat mich schon Thomas Pigor unlängst lang gemacht, wohl zurecht. Was ich dir aber nicht erspare ist eine durchaus dazu passende Bemerkung zu den offiziellen Fotos deines neuen Albums „Krieg und Frieden“. Sehr nett, du im Militär-Outfit, die Gitarre im Anschlag. Wenn ein Liedermacher so offensichtlich einen Schutzhelm braucht, hat er vielleicht nicht alles, aber doch verdammt vieles richtig gemacht, finde ich. In einer Besprechung des aktuellen Albums von Bastian Wadenpohl („Tetzlaffs Tiraden“) habe ich ihn dafür gelobt, dass er einer der wenigen jungen Liedermacher ist, die ihr Instrument noch als Axt zu handlen wissen. Als jemand, der bei dem Begriff Political Correctness nur noch Ausschlag bekommt, imponiert mir eine solche Haltung…

GW: Ich finde die Frage, ob man mit Liedern die Welt verändern kann, gar nicht so uninteressant. Gegenfrage: Kann man als Journalist die Welt verändern? Nehme an, du wirst ebenso wie ich sagen: theoretisch schon. In unserem System wohl nur weniger gravierend als in irgendwelchen Diktaturen. Denke ein oppositioneller Blogger im Iran kann sehr viel mehr mit einem einzigen Posting bewegen als du oder ich mit einem ganzen Album oder Buch. Dafür geht er aber auch ein viel grösseres Risiko ein. Das ist was anderes als in Bayern auf der Bühne zu kiffen. Ich weiss nicht, ob ich mein Maul noch so weit aufreissen würde, wenn mir dafür 1000 Peitschenhiebe drohen würden. Und vom Masterplan bin ich sowas von weit entfernt, da muss ich dich leider enttäuschen. Trotzdem kann natürlich jede Kunst ein Instrument der politischen Einflussnahme sein. Wenn du das mit der Axt meinst okay. Ich schreibe meine Songs meistens, wenn ich mich über irgendwas sehr freue oder sehr aufrege. Und wenn das ein gesellschaftlicher Missstand ist, dann wird dann auch mal ein politisches Lied daraus. Warum es das nur noch so selten gibt? Vielleicht weil die Politik hierzulande sowas von konturlos geworden ist. Leute mit Kanten und einer echten Persönlichkeit haben praktisch keine Chance mehr in unserem Parteiensystem in irgendwelche relevanten Positionen zu gelangen. Da sitzen immer nur diese opportunistischen Teflontypen. Politprofis. Eurokraten. Immer mindestens ein Auge auf den letzten Umfragen. Wenn der Wind sich dreht, drehen sie sich geschmeidig mit. Stinklangweilig. Warum bitte soll man einen Song über Angela Merkel oder Sigmar Gabriel schreiben? Hab gar keine Lust eine ganze Nacht lang über die nachzudenken. Und ich denke so geht es vielen anderen auch.

Gwidmann2DW: Ich denke schon, dass ein Journalist die Welt verändern kann. Allerdings nur, so er sich zur Subjektivität bekennt. Gerade die so oft vorgegaukelte Objektivität ist ein großes Problem, selbst im vergleichsweise unwichtigen Musikjournalismus. Mein Problem mit Betroffenheitslyrikern ist im Übrigen dieses Bestreben sich in der Außendarstellung zum Kulminationspunkt einer großen Wohlfühlgemeinschaft machen zu wollen. Ich kenne zu viele – an und für sich wirklich gute – Liedermacher, die offenbar peinlich darauf achten ihre Fans in Watte zu packen, eine Kuschelatmosphäre zu erzeugen, in der sich alle lieb haben. Getreten wird gemeinhin nur nach dankbaren Opfern, Leuten wo klar ist: da verscherzt man es sich mit keinem, verliert nicht einen Fan. Ein Posting gegen Ausländerfeindlichkeit, ein Posting gegen Pegida, ein kecker Spruch gegen Merkel oder die AfD – und hintenran wieder dann die „Ihr Liebi-lieben in AugsburgMannheimKiel, ihr wart gestern der Hammer, so schön war das!“-Postings. Ein gutes Gegenbeispiel ist Sandra Kreisler von Wortfront, eine emsige Vielposterin bei Facebook. Ich gebe zu, inhaltlich kann ich ihr nicht immer folgen, oftmals trifft sie meine Meinung überhaupt nicht. Aber: Die Frau hat offensichtlich kein Problem damit, es sich nötigenfalls auch mit zig Fans zu verscherzen. Rankuscheln sieht definitiv anders aus, das nötigt mir einen enormen Respekt ab, was die Frau dort treibt. Ich wünschte ich selbst wäre in der Hinsicht schon so weit wie Frau Kreisler.

GW: Jetzt wird mir grade was klar. Wir benutzen das gleiche Wort für zwei verschiedene Sachen. Betroffenheitslyriker, das sind für mich Leute, die politisieren um damit Geld zu verdienen, aufgesetzte Bühnenmoralisten, gut bezahlte Gutmenschensimulierer. Mit politischer Pose lässt sich ab und zu ganz gut Asche machen und es gibt immer jemanden der das ausnützt. Die haben unserem Genre schon immer extrem grossen Schaden zugefügt, weil sie auch den Leuten, die es ernst meinen ihre Glaubwürdigkeit entziehen. Grade die Hochzeit der Liedermacher in den 70ern und 80ern ist voll von solchen Typen.

Hören: Götz Widmann – „Politik“ (vom Album „Krieg & Frieden“)

DW: Ich war zuletzt des Öfteren auf Konzerten von Künstlern, die in ihren Liedern und Zwischentexten einen ganzen Stapel positiver Botschaften von sich gaben und sich damit – natürlich – einen tosenden Applaus abholten. Das linksintellektuelle Publikum ist in dieser Hinsicht leider relativ leicht auszurechnen. Auch als Schriftsteller plage ich mich ab und an mit der Überlegung, was ich in meinen Textpausen sagen könnte. Und spiele mit dem Gedanken das nächste Mal auch auf solche Applaus-Sätze zurückzugreifen. Was weiß ich – „Die Schere zwischen Arm und Reich driftet auseinander und die da oben handeln nicht, weil sie zu sehr damit beschäftigt sind sich die Taschen vollzustopfen!“. Oder, noch besser, einfach nur den Kopf schütteln und rufen: „Merkel, oh diese Merkel, Deutschland, so erwache doch endlich!“. Machen wir uns nix vor, endlich werde auch ich mal auf Händen aus dem Saal getragen werden. Dabei habe ich schlichtweg die Abkürzung gen Beliebtheit genommen, mir mein Publikum angeschaut und mir überlegt, was die wohl hören möchten, um mich in der Folge engagiert zu finden. Mir behagt – und nun wird es anbiedernd – dein Ansatz wesentlich mehr, den ich auch auf „Krieg & Frieden“ ausmache. Denn breche ich die ersten Stücke dieser Platte einmal forsch auf eine Grundessenz hinunter, so bleibt zunächst das Bild eines prototypischen Misanthropen stehen. „Zwei komma acht Kilometer Bier“ erzählt mir von einem, der gerne säuft, aber zu dem Schluss kommt, dass es offensichtlich noch viel mehr hätte sein müssen. „Für euch“ ist ein ziemlich grandioses Stück, das diese seit jeher scheinheilige Floskel, wonach unsere Kinder unser höchstes Gut seien, mal fix in der Luft zerfetzt. „Tanzen“ wendet sich gegen billige, kopflose Unterhaltung und „Autsch“ ist der darauf folgende Tiefpunkt, das kraftlose Ankommen in der Lethargie. Klingt, von mir mal eben so heruntergerüpelt, alles in allem ziemlich frustrierend. Ist es aber eben nicht, da deine Lieder fast immer über ein Bekenntnis zu Überdrehung und Absurdität daherkommen. Dadurch entsteht bei einem wie mir, der sich tatsächlich als Misanthrop begreift, ein toller Gegeneffekt; ich denke lauter Zeugs, zu dem man mich sonst prügeln müsste. Ich denke: Naja, immer nur Saufen kann es ja auch nicht sein. Und so ein wenig Glorienschein sollten wir unserem Nachwuchs schon lassen, is‘ wichtig. Und gegen Tanzen ist doch auch nichts zu sagen, wenn Beat und Groove stimmen. Und überhaupt: Lass dich mal nicht hängen!

Ich bin bei deinen Stücken also amüsiert und werde fast ein wenig geläutert, da du mir meine eigenen Waffen aus der Hand schlägst.

GW: Mein persönlicher Lieblingsautor ist Charles Bukowski und von dem kann man lernen, dass die bittere Realität zum Brüllen komisch sein kann. Ein Misanthrop bin ich glaube ich nicht, eigentlich stecke ich bei aller zugegebenen Bosheit meiner Texte insgeheim doch voller heimlicher Menschenliebe. Bilde ich mir auf jeden Fall ein. Aber die Welt ist nunmal tatsächlich überwiegend zum Kotzen. Eine ständige Prüfung für unseren Humor. Bei der man oft genug ganz übel durchfällt. Ohne Liebe würde ich das gar nicht aushalten.

Zu der anderen Sache mit den Leuten, die die Linksintellektuellen als Zielgruppe bedienen: Ich spüre da bei mir einen ganz anderen Impuls, der in den letzten Jahren immer stärker wird. Irgendwie habe ich immer mehr Lust die Linksintellektuellen zu schockieren. Sie sind ja wirklich so leicht auszurechnen. Und regen sich so herrlich auf. Ich möchte ihnen ihre Eindimensionalität und ihre Engstirnigkeit um die Ohren schlagen. So wie Brassens zu seiner Zeit Spass am Spiesser Schocken hatte. Die Spiesser von heute wählen grün und fressen vegane Bioburger. Ich bin ja auch links, zumindest jedenfalls linksromantisch, aber ich hasse Dogmen und Spassverbote, davon ist die heutige linke Szene leider sowas von durchzogen, dass es einfach nur abstossend ist. Dagegen muss unbedingt jemand rebellieren.

Götz Widmann3DW: Was für ein toller Punkt, um den Unbegriff „authentisch“ einzuführen, der von Musikjournalisten wie Künstlern gleichermaßen strapaziert wird. Beim Liederfest in Hoyerswerda gab es in diesem Jahr einen Workshop mit Manfred Maurenbrecher, da haben wir uns auch ausgiebig den Kopf darüber zerbrochen, was genau das eigentlich sein soll, wie man es erlangt – und so man es erlangt, ob man dann nicht vielleicht sogar zusehen sollte es schnellstens wieder loszuwerden. Letzteres ist zumindest meine eigene Meinung, ich glaube in der größten Aufrichtigkeit und Standhaftigkeit steckt auch immer ein dicker Schuss Theatralik, eine Übertreibung, die wichtig ist, um einen Zustand x überhaupt erst herbeiführen zu können. Im Leben, aber auch auf der Bühne. Ich will jetzt nicht so weit gehen und von Kunstfiguren sprechen, die man sich erschafft, aber der introvertierte Schriftsteller David Wonschewski und der sich im Internet extrovertiert selbstdarstellende David Wonschewski, das sind schon zwei Leute. Der, der morgens mit einem Pott Kaffee am Fenster sitzt und über die Dächer Charlottenburgs schaut ist noch ein Dritter – und vermutlich sogar der sympathischste. Ich finde das auch gar nicht schlimm, da ich durchaus zwei Zustände in meinem Kopf haben kann – einen „ist-Zustand“ und einen „wäre doch schön wenn-Zustand“ – ohne mich dabei selbst zu belügen. Ich bilde mir ein einen ähnlichen Aspekt auch auf deiner neuen Platte zu finden. „Mmh mmh mmh“ ist ein Stück, das mittig platziert ist und wie ein Innehalten daherkommt, fast schon eine Zäsur nach den doch sehr deftigen ersten Liedern. Dieses Lied wirkt nicht authentisch, nein, es wirkt enorm persönlich. Wir kennen uns ja erst seit gerade, aber das wäre das Lied, in dem ich den Erzähler mit dem Songschreiber gleichsetzen würde: Götz Widmann. Dort schimmert auf geradezu zärtliche Weise die von dir gerade erst benannte heimliche Menschenliebe durch. Ich zitiere: „Wenn Menschen streiten macht es mich nicht froh, ich muss nicht mal beteiligt sein, irgendwie haut es mir immer wieder einen rein, jedesmal, wenn ich es seh tut es mir weh“. Man könnte, in der Uniform eines Gutmenschen steckend, nun natürlich sagen: Schade, dass man auf den Coverfotos und in den meisten Liedern wenig von der Menschenliebe merkt.

Hören: Götz Widmann – „Mmh Mmh Mmh“ (vom Album „Krieg & Frieden“)

GW: Ich denke, meine Songs haben schon auch immer was mit meiner Realität zu tun. Ich nehme die und erfinde noch was dazu oder drehe irgendwas ins Absurde, damit eine Story daraus wird. Denke insofern ist auch die Bühnenfigur Götz Widmann bestimmt sehr viel spannender als der Mensch, der jetzt grade auf der Autobahn auf dem Weg zum gefühlt 27. Gig der Tour das hier grade in sein iphone tippt. Man zeigt da ja Abend für Abend seine besten 120 Minuten. Daran habe ich über 20 Jahre gearbeitet. Wenn das nicht irgendwie grösser wäre als ich morgens verkatert und ungeduscht vor dem ersten Kaffee, hätte ich wohl auch was falsch gemacht.

So und jetzt zum Thema Authentizität. Ich muss gestehen, dass ich mir da noch nie so grosse Gedanken deswegen gemacht habe. Aber ich kann es ja jetzt mal tun. Ich denke Authentizität ist etwas sehr Flüchtiges. Das kann ganz schnell zur Pose erstarren und dann wird es abstossend. Dann ist es aber auch nicht mehr authentisch, dann versucht mir nur jemand was vorzuspielen. Echte Authentizität ist meiner Meinung nach etwas Erstrebenswertes; was soll daran falsch sein, wenn ein Künstler inhaltlich hinter seinen Aussagen steht? Geheuchelte Authentizität dagegen darf man ruhig zutiefst verachten.

DW: Oh, wenn es dabei bleibt zu der Aussage seiner eigenen Songs zu stehen, dann ist da vermutlich nichts gegen zu sagen. Auffällig wird es, wenn „authentisch“ mit „geerdet“ gleichgesetzt wird. Auch so eine Erfahrung als Liedermacher-Journalist, viele Musiker geben sich menschlich authentisch – sind also z.B. stolz auf das Erreichte, witzeln über andere, setzen sich von diesem und jenem ab – wollen von all dem in der Außendarstellung aber nichts mehr sehen. Im Privatgespräch lästern Musiker über andere Musiker genauso wie ich über andere Schriftsteller lästere. Wie jeder Mensch permanent mit dem Finger auf andere zeigt, sagt: „Hihi, schau mal der da!“. Nur gilt ein solches Verhalten eben als verpönt – obwohl es menschlich ist – und schon wird es künstlich, da der Versuch einsetzt alles das, was den Menschen so herrlich unleidlich macht, zu tilgen. Wann immer mir also jemand von einem Musiker erzählt, der total authentisch sei, der allen mit Respekt begegnet, sich nichts aus Äußerlichkeiten macht und eine allumfassende Menschenliebe in der Hosentasche spazieren trägt – werde ich skeptisch. Da sind mir die, wo es vor einem Interview warnend heißt: Pass auf, das ist ein Arsch! wesentlich lieber. Wobei natürlich auch die Maske des Beelzebub eine Pose sein kann. Am Ende kann es aber natürlich nur jeder für sich selbst beurteilen. Vielleicht ist das Leben mancher Musiker ein niemals endender Orgasmus mit lauter best friends. Und vielleicht finden auch wirklich alle Liedermacher es doof bei hippen Ellenbogen-SongSlam-Wettbewerben mitzumachen. Ich frage mich nur, warum sich dann alle wie blöde bei diesen Sachen bewerben und den Wahnsinn doch gerade dadurch am Laufen halten. Authentisch wäre: nicht hingehen, nicht teilnehmen. Oder aber dazu stehen, dass man nicht Dritter oder Zweiter werden will, sondern Erster. Unbedingt besser als die anderen sein möchte, erste Früchte für die jahrelange unbezahlte Maloche ernten will. Wäre nur menschlich.

GW: Die Formulierung „niemals endender Orgasmus mit lauter best friends“ gefällt mir. Glaub mir, eine richtig gut laufende Tour kann sich genauso anfühlen. Jeden Abend Party, chronisch geschmeichelte Eitelkeit, tolle Begegnungen, kollektive Ekstasen, die man selber auslöst, das unglaubliche Privileg dein Geld mit Singen verdienen zu dürfen. Man kann das durchaus geniessen. Und ich hab auch schon gerade in der Liedermacherszene unglaublich schöne Events erlebt, wo sich wirklich alle hippiemässig in den Armen lagen und es sich einfach nur grossartig angefühlt hat. Das gibt es durchaus. Je professioneller das Ganze allerdings wird umso ambitionierter und unentspannter kommen auch die Kollegen rüber. Lass dann noch ein paar Medienvertreter anwesend sein und der Affentanz beginnt. Ich halte mich von solchen Veranstaltungen mittlerweile fern so gut ich kann. Bringt mir nix. Für dieses Haifischnetworking bin ich irgendwie zu lieb. Interessiert mich auch nicht. Ich bin nicht Künstler geworden um mich dann wieder in eine Hackordnung einzufügen.

Götz Widmann4DW: Interessanter und logischer Gedanke: Ich könnte das Problem sein. Als Journalist löst du bei Musikern automatisch ein anderes Verhalten aus, bewirkst eine vielleicht auch nur minimale Verhaltensveränderung. Durch deine simple Anwesenheit. Das muss eine entspannte Atmosphäre nicht gleich zerstören, es kann sie aber definitiv verändern, in ein ganz anderes Licht rücken. Wo Musiker und Fans sich ergo als authentisch und ehrlich erleben schüttelt der Journalist den Kopf, denkt sich: Nix da, aufgesetzt und falsch. Er ist gewissermaßen Auslöser des nur von ihm wahrgenommenen Affentheaters. Ein Problem, das alle Formen von Journalismus betreffen dürfte.

Aber kommen wir in dem Zusammenhang doch nochmal auf euer eigenes Ahuga!-Liederfest zu sprechen, das ihr bei Leipzig veranstaltet. Ich hatte bisher nicht die Möglichkeit dabei zu sein, gerade Liederfeste sind aber doch oftmals der Inbegriff einer Hackordnung. Es gibt eine Vorjury, die auswählt wer überhaupt kommen darf, dann eine Offene Bühne, wo es einen Sieger gibt und schließlich einen Hauptwettbewerb, wo gerne mal ein Jury- und ein Publikumspreis vergeben werden, schön mit zweiten und dritten Plätzen. Wie macht ihr es denn bei eurem Festival? Kommt ihr komplett ohne Hackordnung aus?

GW: Ich würde mal sagen wir sind relativ nahe dran. Wir haben von Donnerstag bis Samstag permanent offene Bühne, ohne Wettbewerb, jeder kann kommen, jeder kann mitmachen, einzige Regel ist, dass es möglichst selbstgeschriebene Songs auf Deutsch sein sollen, aber auch das ist kein unumstössliches Dogma. Gage gibt es keine, die Einnahmen werden, so gerecht es in dem Chaos geht, an die Mitwirkenden als Ausgleich der Fahrtkosten verteilt. Dieses Jahr hatten wir 270 Zuschauer und ca. 100 Künstler. Damit war die Kapazität des Geländes und der Bühnen auch schon fast ausgeschöpft. Mehr muss gar nicht sein, wäre eigentlich wohl auch besser, gar nicht öffentlich darüber zu reden. Jeder spielt normalerweise zwei Songs, da sind alle gleich, egal ob totaler Anfänger oder Vollprofi. Zugaben sind eher die Ausnahme, wir müssen ziemlich viele Leute über die Bühne kriegen im Lauf von so einem Abend. Als Moderator haben wir den Liedermacherniedermacher Walter Stehling, der ist so ein richtig fieser satirischer Bösewicht, macht alle gnadenlos zur Sau, aber meistens doch irgendwie liebenswert und vor allem wirklich lustig. Damit wird auch die letzte Eitelkeit vernichtet, wer das nicht verträgt kommt nie wieder und das ist gut so. Es ist wirklich krass, samstagsabends stehen die da mit ihren Gitarren an der Bühne Schlange, weil sie drankommen wollen, bevor sie zu besoffen werden. Das gelingt zum Glück nicht immer. Was unser Festival attraktiv macht sind eher die durchgeknallten Auftritte, der totale Kontrollverlust auf der Bühne. Wenn ich da meine zwei Songs abliefere komme ich mir mit meiner unvermeidlichen professionellen Reststrukturiertheit meistens viel zu brav vor. Es geht da nicht um musikalische Qualität, es geht um Freakfaktor und anarchistischen Charme. Da gibt es wirklich die leuchtendsten Momente, und wenn man mal wirklich jemanden unerträglich findet, geht man pinkeln und bis man wiederkommt ist schon der nächste dran. Ich kenne keinen Event bei dem ich so viel lache wie in Deutzen. Natürlich treten da auch immer wieder Leute auf, die einfach nur gut sind, aber das Salz in der Suppe sind die Spinner. Das Festival gab es schon vorher 15 Jahre in kleinerer Form auf einem Hippiebauernhof am Niederrhein in Kevelaer-Kapellen, bei Willem. Der ist leider gestorben und wir mussten uns ein neues Gelände suchen. In Kevelaer war es wirklich ein selbstorganisierendes Festival. Ich musste eine Rundmail mit dem Termin an die Künstler schicken, ne Anlage hinstellen, das wars. Auf dem Gelände war nur Platz für 100 Leute, die kamen immer von selber, wir mussten das Ding geheimhalten, damit es nicht zu gross wurde, es gab da wirklich ein Verbot, es in irgendeiner Form im Internet zu erwähnen. Das war mein Ideal von einem Festival. Null Arbeit und jedesmal vier Tage göttlicher Spass. In Deutzen ist es jetzt schon für uns Organisatoren etwas mehr Arbeit, es zieht jetzt auch grössere Kreise, ob das gut so ist sage ich dir in ein paar Jahren, kann gut sein dass es dem Ganzen auf die Dauer die Unschuld raubt. Zwei Sachen waren im Sinne unseres Antihackordnungsideals schon diesmal eher suboptimal: es gab dieses Jahr samstagnachmittags dann doch zwei Stunden Liedermacherliga zum Thema Schildkröte, also tatsächlich einen Wettbewerb und am Sonntag traten die etwas prominenteren Akteure jeweils nochmal ne halbe Stunde auf. Für Puristen wie mich eigentlich Teufelszeug, ich konnte mich mit meinem Gemotze aber nicht durchsetzen und dem Festival hat es am Ende wahrscheinlich ganz gut getan. Wer mehr wissen will: www.adriakustik.de. Ich möchte allerdings unbedingt zum Schluss noch betonen, dass für Leute, die „normale“ Liederfeste goutieren, dieses Festival ein unerträglicher Kulturschock sein könnte. Wir fahren da wirklich in erster Linie hin, um Spass zu haben. Wir liegen uns tatsächlich glückstrunken in den Armen und sagen uns, wie lieb wir uns haben. Und wir meinen das auch so…

DW: Also das klingt schon ziemlich geil, sollte man mich als Journalisten da reinlassen – nötigenfalls könnte ich auch als Schriftsteller verkleidet kommen – wäre ich glatt dabei. Wie du die Entwicklung schilderst erinnert mich das aber schon an die Probleme, die wir auch hier bei unserem Magazin Ein Achtel Lorbeerblatt haben. Ich sage mal so: Wir haben Redakteure in unseren Reihen, die finden eine „CD des Monats“-Wahl doof, da es eben auch eine künstlich erzeugte Hackordnung ist. Im Ursprung lief die Aktion so, dass die Alben bei mir landeten, ich hörte mir alles an und entschied, wer den Titel „CD des Monats“ bekommt. Ganz subjektiv, aus einer momentanen Laune heraus. Das war die reinste, die spaßigste, die unschuldigste Variante des Ganzen. Aber das Lorbeerblatt wuchs, wir wurden immer mehr Redakteure, Musiker stießen hinzu mit eigener, gut argumentierter Meinung und mir wurde klar: Wenn ich das weiter im Alleingang entscheide, dann wird es zur Selbstherrlichkeit. Also wurde es demokratischer, was nett klingt, aber ein Teufelskreis ist. Wir haben nun jeden Monat an die 15 Neuerscheinungen, die so eine Jury aber gar nicht an einem Abend durchhören kann, schon zeitlich nicht. Also muss ein Vor-Voting her, unsere Leser müssen uns sagen welche 5 aus 15 ins Jury-Finale sollen. Klingt auch noch nett, jetzt dürfen wirklich alle mitmachen, eine Mischung aus Publikums- und Jurypreis, sozusagen. Ist aber weiterhin sehr verfrickelt, denn ich kann dir sagen, wir feilen seit inzwischen einem Jahr daran, auf welche Art wir dieses Vor-Voting fair durchführen können. Und bekommen es nicht hin, obwohl schlaue und sensible Leute an Konzepten hirnen. Mir scheint sogar: je demokratischer wir es machen, desto undemokratischer und fieser wird es. Momentan darf jeder mit abstimmen. Wer gewinnt also? Der „Beste“? Nö, der mit den meisten Facebook-Freunden. Da treffen wir uns bei deiner Beschreibung des Liederfestes: Der Organisationsaufwand, um so eine „CD des Monats“-Wahl durchzuführen ist inzwischen immens, man macht sich von außen kein Bild. Das Unwohlsein steigt aber, sogar die beteiligten Musiker merken inzwischen, dass es offenbar kein gutes Konzept gibt, mit dem neue Musik fair darzustellen ist. Ab und an entsinne ich mich also mit einem Wohlgefühl jener Tage, an denen ich als kleiner Lorbeerblatt-König selbstherrlich aus dem Bauch heraus entschied, wer „CD des Monats“ wird. Aus einer simplen Begeisterung für eine Stimme, ein paar Texte, ein gutes Booklet heraus. Momentan zum Beispiel bekäme „Krieg & Frieden“ von Herrn Götz Widmann von mir den Titel; das Album hat alles, was eine Liedermacher-Veröffentlichung braucht und besitzt aus meiner Sicht auch alles, woran sich junge, gerade beginnende Liedermacher orientieren könnten. Eine Rezension, oha, wo mehr zu erfahren ist, ist auch gerade in der Mache. Kommen wir also zu einem Abschlussplädoyer, drehen es aber um, da sich selbst loben ja immer sehr sämig ist. Warum sollte „Krieg & Frieden“ in drei Gottes Namen bloß keinen Titel wie „CD des Monats“ kriegen, Götz?

GW: Weil man die unselige Weltsicht dieses selbsternannten „Künstlers“ auf keinen Fall auch noch durch öffentliche Aufmerksamkeit promoten darf. Dieser Mann ist mit seinen 49 Jahren immer noch kein bisschen erwachsen geworden. Dabei ist er auch musikalisch in den Siebzigern oder frühen Achtzigern eines vergangenen Jahrhunderts steckengeblieben. Seine pubertären Ergüsse hält er für unglaublich lustig, in Wirklichkeit sind sie einfach nur eine Schande für das gesamte Liedermachergenre. Götz Widmann ist ein verantwortungsloses Dreckschwein ohne den geringsten moralischen Anspruch an sich selbst.  Gnadenlos haut er mit der Axt rein, wo vielleicht die feine Klinge angebracht wäre, feiert Menschenverachtung, Passivität, Drogenmissbrauch und Kriege, ruft am Ende eines pazifistisch angetäuschten Liedes gar zur Gewaltanwendung auf. Selbst in seinen weniger skandalösen Texten findet sich immer noch mindestens eine Zeile, warum man das einfach nicht gut finden darf!!! Unsere wunderschöne deutsche Sprache wird aufs Vulgärste missbraucht. Wie jede Abartigkeit findet natürlich auch das schändlicherweise ein Publikum, aber eine Publikation mit einem gesellschaftlich relevanten Anspruch wie das Lorbeerblatt sollte sich dringend hüten, solch perversem Gedankengut auch noch eine Plattform zu geben.

DW: Du sagst es. Und hast doch das wichtigste Kontraargument vergessen: Zwei Komma Acht Kilometer Bier. Verdammt, Götz – wir sind alle sowas von enttäuscht von dir…

Hören: Götz Widmann – „Zwei Komma Acht Kilometer Bier“ (vom Album „Krieg & Frieden“)

Zur Website von Götz Widmann: http://www.goetzwidmann.de/

Zu „Schwarzer Frost“ / „Geliebter Schmerz“ von David Wonschewski: HIER KLICKEN.

Fotos: Fabia Widmann

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 13. Januar 2015 von in Artikel & Interviews, Uncategorized, Widmann, Götz und getaggt mit , , , , .
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