Ein Achtel Lorbeerblatt

Das Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunstmagazin

Rezension: Tinu Heiniger – Scho so lang

scho_so_lang

von Markus Heiniger

Um hier nicht den Verdacht aufkommen zu lassen, Heiniger schreibe hier eine innerfamiliäre Lobeshymne an Tinu Heiniger, sage ich vorneweg dies: Ja, er beherrscht es noch immer, das Zelebrieren seiner Songs, das nicht ganz alle seine Hörer wirklich nur mögen. Es erinnert zuweilen – um es mit einem Beispiel der Klassischen Musik zu illustrieren – an den Meister der groovenden Bach-Interpretationen, den kanadischen Pianisten Glen Gould, der seine Hörer immer wieder einmal mit extrem langsamen Einspielungen irritierte, wie etwa jener des ersten Satzes von Beethovens Apassionata. Tinu Heiniger kann sich in seine Texte hineinschleichen und damit das Gerücht des langsamen Berners ganz schön anheizen.

Aber wer ihn kennt, weiss, er kann auch anders. Etwa so stupend beschleunigend wie in seinem Motoren-Song „Ig e Chare, du e Chare“, (ich eine Karre, du eine Karre). Doch ganz egal ob rasend schnell oder schleppend langsam, immer sucht Tinu Heiniger den perfekten Groove. Und findet ihn. Stehe er alleine vor einem noch so kleinen Publikum, sagte er mir einmal, so stelle er sich gerade extra vor, vor einem riesigen Saal zu stehen, den er zum Schwingen bringen müsse. Und vom Swing kommt er denn auch her. Als Teenager hat er ihn bei seinen Vorbildern Sidney Bechet und Chris Barber gehört und in jede Faser seines Musikerherzens eindringen lassen. Und zusammen mit Barber spielte er später denn auch im Tonstudio.

Auf seinem neuen Album „Scho so lang“ swingt und groovt Tinu Heiniger einmal mehr zusammen mit Jazz- und World-Musikern, die zur Crème de la Crème ihres Fachs zählen. Es sind Pudi Lehmann (Trompete / Posaune / Hang / Violine / Baritongeige / Chor), Wolfgang Zwiauer (Bass / Gitarre / Sologitarre / Chor) und Gert Stäuble (Drums). – Weshalb so ausführlich? Na, eben, weil es halt einfach hervorragend ist, was die Jungs zusammen mit Tinu Heiniger (Texte und Musik / Gesang / Akustische Gitarre / Klarinette) eingespielt haben.

Inhaltlich schockiert Tinu Heiniger mit seinem Lied „Im Zug“, das stark an Ludwig Hirschs Titel „Abel 82“ aus dem legendären Album „Bis zum Himmel hoch“ erinnert. Ein läppischer Konflikt – bei Hirsch vor der Disco, bei Tinu Heiniger in der Eisenbahn – spitzt sich zu und artet aus. In Totschlag. Die Szene ist nicht nur bei der Lektüre in Heinigers Booklet wegen der träfen Wortwahl gut nachvollziehbar, nein, Tinu Heiniger bringt seinen Text über die Musik seines Ensembles performend absolut treffsicher in den Kasten. Und er verarbeitet im Lied ganz beiläufig einen in der Schweiz aktuellen politischen Ausdruck. „Dichtestress“.

Ebenfalls ein Wurf ist Heinigers „Schimpfwortballade“. Kommt Mani Matter im Klassiker mit dem Untertitel „Schimpfwörter sind Glückssache“ noch mit vier Kraftausdrücken aus, („E Löu, e blöde Siech, e Glünggi und e Sürmu), sind es in Tinu Heinigers Ballade gefühlte hundert. Aber die Redewendung „weniger ist mehr“ trifft bei Heiniger nicht zu. Im Gegenteil: Lechzt dieser Tage jemand nach Psychohygiene, sei ihm dringend empfohlen Berndeutsch zu lernen. Mit Tinu Heiniger. Der auf seinem neuen Album einmal mehr beweist, welch unglaublichen Reichtum das Berndeutsche – in jeder Hinsicht eben – zu bieten hat.

Als dritten Song möchte ich gerne „Verby isch nid verby“ herausheben. Schon vor 15 Jahren erklärte mir Tinu, ihm werde immer wieder einmal gesagt, er solle doch lieber vorwärts schauen, sonst erstarre er zuletzt, wie die Frau des Lot im Alten Testament, noch zur Salzsäule. Denn das Gras, das gemäht sei, das sei nun mal gemäht, fertig, Schluss. Solche Mahnungen, sagte mir Tinu schon damals, schlage er in den Wind, der Blick zurück sei viel zu interessant, belebend und bereichernd. Nein, was vorbei ist, ist eben nicht vorbei. Nicht bei Tinu Heiniger. Bei ihm ist alles noch da. Und alles lebt wieder auf im Lied, die wärmende Sonne vergangener Tage und die von Nachbarhaus zu Nachbarhaus schallenden Schimpftiraden und Prügel jähzorniger Väter. Keine Nostalgie. Geschichte.

Der Album-Titel „Scho so lang“ erinnert natürlich an den gleichnamigen Titel von Hannes Waders Song „Schon so lang“. Aber, um den Bogen zur Klassischen Musik zu Ende zu spannen, Schubert lieh sich ja auch das eine und andere Motiv von Ludwig van Beethoven, ohne diesen dabei auch nur im Ansatz zu kopieren. Das hätte er gar nicht gekonnt. Auch Tinu Heiniger könnte das nicht. Denn einmal mehr legt der Berg- und Tal-Sänger ein Album vor, das ihn in seiner ganz persönlichen Art zu sprechen, zu singen und zu musizieren zeigt. Auf der Höhe seines Schaffens.

www.tinu-heiniger.ch

 

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