Ein Achtel Lorbeerblatt

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Rezension: Stahlberger – Die Gschicht isch besser

Stahlberger_Die_Gschicht_isch_besser

von Markus Heiniger

Er hat sie noch im 2014 herausgebracht, seine neue CD mit gewohnt hartem Sound, feiner Sprache und immer wieder aussergewöhnlich skurril-melancholischen Texten, der Ostschweizer Manuel Stahlberger, zusammen mit seinen Mitmusikern Michael Gallusser, Marcel Gschwend sowie Christian und Dominik Kesseli. Wie klingt Stahlberger? Ich meine rein sprachlich?

Würden in Schweizer Dialektfilmen die Rollen verteilt, werde jene der giftigen Schwiegermutter oder Nörgel-Hexe ganz gerne mit einer den St. Galler Dialekt sprechenden Schauspielerin besetzt, erklärte mir nach einem meiner Auftritte einmal die Schweizer Star-Schauspielerin Heidi Maria Glössner. Ihr gefiel mein Baseldeutsch ausgesprochen gut, was mich natürlich freute, und sie haderte gleichzeitig etwas mit ihrem Ostschweizer Dialekt. Ja, das St. Galler Idiom liegt in den Schweizer Dialektrankings von der Beliebtheit her jeweils tatsächlich weit abgeschlagen hinter den Leadern aus dem Bernbiet, dem Bündnerland und dem Wallis zurück. Weder das breitspurige Zürich Deutsch noch der spitze St. Galler Dialekt sind in den Ohren vieler Schweizer wirklich Musik. Doch solche Umfragen sind mit Vorsicht zu geniessen, denn gerade äusserst beliebte Bühnen- und Filmstars wie eben Heidi Maria Glössner, der bereits verstorbene Walter Roderer (Buchhalter Nötzli) oder Mathias Gnädinger, dessen Schaffhausener Dialekt zwar wieder etwas anders eingefärbt ist, sprechen Ostschweizerisch. Und die Kunstturn Europameisterin Giulia Steingruber aus Gossau bei St. Gallen ist nicht nur am Sprung der Liebling der Nation sondern auch, wenn sie ihre unglaublichen Flüge durch die Luft vor dem Mikrophon, tief atmend, in ihrer sympathischen, gewinnenden (Mund-)Art erklärt. Er kann handkehrum eben auch sehr fein, ja zart klingen, der Dialekt Manuel Stahlbergers. Oder, in seinem Fall, auch durchaus wohlklingend, mit einem Hang ins Melancholische. Item. Vor allem hat er ja etwas zu erzählen, der „Stahli“. „Die Gschicht isch besser.“ (Diese Geschichte ist besser), heisst sein neues Album. Welche Geschichte?

Das Berner Troubadour-Urgestein Jacob Stickelberger erzählt sie in einem seiner Chansons. Zwei Züge verlassen, nebeneinander her rollend, den Bahnhof. Im einen sitzt ein junger Mann, im anderen eine junge Frau. Sie sehen einander durchs Zugfenster und lächeln sich an. Amor schiesst zwei Pfeile ab und trifft. Es ist Liebe auf den ersten Blick. Die beiden kommunizieren für ein paar kurze Momente, so gut es von Zug zu Zug eben geht, dann trennen sich die Bahngleise und somit auch die Züge – hat jemand etwas anderes erwartet? – und aus und vorbei ist die Begegnung. Der Rest der Geschichte ist Erinnerung und Melancholie. Stahlberger nimmt das Motiv nun wieder auf und führt die geschilderte Zufallsbekanntschaft durch einen weiteren eingeführten Zufall zu einem Happy End. Kitsch? Nein, natürlich nicht. Denn die Melancholie entsteht beim Zuhören hier fast noch zwingender als bei Stickelbergers Urversion, da wir beim Hören der „besseren“ Geschichte ja genau wissen, wie selten sich solch „bessere“ Geschichten im Alltag tatsächlich ereignen. Gleichzeitig schleicht sich aber ein Lächeln auf unsere Stockzähne. Denn wir wissen: Manchmal findet das Glück uns eben trotzdem.

In einem anderen Lied erzählt Stahlberger – das entsprechende Video sollte man sich nicht entgehen lassen – seine Träume auf der berühmten Couch sitzend seinem Psychiater. Der Patient erzählt stoisch und der Psychiater greift, das sieht man eben im Video, während Stahlbergers Schilderungen immer öfter mal zu Beruhigungspillen und als diese nichts nützen zum Flachmann. Das ist wunderbar schräg, ja feinste Komik. Und doch so schmerzhaft normal, weil es im Refrain jeweils heisst: „Und dann erwachst du jedes Mal doch nur in deiner Wohnung“, („Wohnig“) und weiter im St. Galler Dialekt: „und vor em einte Fenschter schiffets und vor em andere isch s sunig.“ (Vor dem einen Fenster regnet – pisst – es und vor dem anderen ist es sonnig). Ganz einfache, verrückte Normalität eben, wie sie Stahlberger in seinen Liedern zu skizzieren und zu malen versteht.

Wie etwa auch im Lied vom Besuch des grössten Mannes der Welt im Schweizer Provinzstädtchen. Man hat extra den roten Teppich ausgerollt und im Hotel ein speziell grosses Bett bereitgestellt. Der Bürgermeister labert beim Empfang des sich etwas verlangsamt bewegenden Schlacks von „wahrer Grösse“ und überreicht ihm dann, gerührt von der eigenen Rede, vom selber gebrannten Schnaps. War das jetzt eben gerade eine Geschichte, möchte man sich fragen, und wenn ja, was für eine? Denn das grosse Bett im Hotel wartet vergeblich auf den überlangen Gast, der leider sogleich wieder weiter muss, wie Stahlberger uns mit ernster Miene erklärt. Kaum da also, schon wieder weg. Und während wir doch glatt ins Grübeln geraten, setzt Stahlberger gleich noch einen drauf und erwähnt wie nebenbei, es gäbe irgendwo in China übrigens einen noch grösseren Mann. „Aber der wollte nicht kommen.“ Ich weiss ja nicht, ob das alle Hörer lustig finden, aber ich selber lache mich schief an dieser Stelle. Ja, wäre sie das wohl gewesen, ich meine, wenn der noch grössere Mann gekommen wäre, die bessere Geschichte? Oder zwinkert Manuel Stahlberger uns durch seine skurril-melancholischen Texte hindurch einfach nur auffordernd zu: „Hei, Leute, macht euch doch endlich selber eine bessere!“

www.stahlberger.ch

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