Ein Achtel Lorbeerblatt

Das Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunstmagazin

Rezension: Hannes Wader – Sing

Hannes Wader_Sing_Cover

Die aktuellen Songs von Hannes Wader – und viele weitere Neuerscheinungen und Klassiker – hören Sie im Lorbeerfunk, unserem Radiosender rund um Liedermacher & Chansonniers. Zum EAL-Radio HIER entlang.

von Michael Lösch

Ja, es gibt ihn noch, den großen Sangesbarden aus den Siebzigern, den Troubadix der sozialen Gerechtigkeit. Vieles hat er mit- und durchgemacht, hat Schubert-Lieder interpretiert und dem Weltschmerz gefrönt, war 14 Jahre lang bei der DKP und hat Brücken zum deutschen Volksliedgut geschlagen. Vor allem aber scheint er heute mit über siebzig zumindest ein Stück weit seinen ganz persönlichen Frieden mit Gott und der Welt gemacht zu haben.

„Für das, was ich heute will, bräuchte man nicht einmal eine Revolution. Einen vernünftigen Mindestlohn durchzusetzen gegen Leute wie Herrn Hundt und das Großkapital, wie es die Sozis ja jetzt vorhaben, das wäre doch schon mal was“ und „Ich kann diese Popularität jetzt eher genießen als früher. Ich kann sogar akzeptieren, dass ich beim Zahnarzt sofort drangenommen werde. Ich nehme die Privilegien wahr, die ich früher aus denselben Gründen abgelehnt habe wie das Geld – aus demokratischen Gründen. Heute sage ich: Scheiß auf die Demokratie, solange ich beim Arzt nicht so lang warten muss“ bekannte er in einem „taz“-Interview von 2014. So ist denn auch sein zwanzigstes Album nicht besonders kämpferisch geraten. Natürlich dürfen in „Wo ich herkomme“ bissig sarkastische, mit Proletarierstolz gewürzte Reime über seine Herkunft nicht fehlen. Es ist die immer wiederkehrende Konfrontation einer mobilmachenden Aufbruchsbereitschaft mit dem Konformismus einer gerade mal frisch zwangsdemokratisierten Zeit. Nun ist das Thema gewiss schon öfters besungen worden, kommt aber immerhin im unterhaltsam süffisanten Talking-Blues daher, ein echter Wader eben.

Der überwiegende Teil der Bit-Kapazitäten gehört aber seinen ganz privaten, mal leisen mal melancholischen Reminiszenzen, und es sind einige schöne dabei. In „Folksingers Rest“ erzählt er von einer nächtlichen Einkehr in gleichnamigem Pub, wo gerade eine Feier stattfindet, an der er spontan teilnimmt. Es ist eine schöne Erinnerungsballade über das Ankommen, das Gitarre herausholen, über das Augenblickswachstum von Nähe und Begegnung aus dem Nichts heraus im irgendwo. Als Clou des Ganzen packt er sogar eine schöne irische Volksliedstrophe mit hinein. Hier ist Wader ganz Volksliedermacher, mit schönen Aufbäumungen in Dur.

Bei dir“ bettet die Trennungserfahrung in Landschaftsmalerei und den Schmerz allein verlebter Jahreszeiten ein, und im Winter ist schon gar keine Reisezeit. Da ist die Insel, auf der seine Verflossene lebt, komplett vereist. „Das kleine Gartentor“ gerät zur Ballade der jugendlichen Unerfülltheit. Großbürgerlicher Dünkel macht der Liebe zu seiner Angebeteten einen Strich durch die Rechnung.

Dass ausgerechnet der CD-Tauftitel „Sing“ dem Ganzen einen doch eher karnevalesk anmutenden Abgang beschert, ist wohl als Konzession an die gute Laune zu verstehen, die bei soviel Nachdenklichkeit wohl auch nicht zu kurz kommen soll. Es hätte einem beschwipsten Peter Alexander entstammen können. Ob es nun als Satire in eigener Sache daherkommen oder beim Hörer noch mal letzte erinnerungsträchtige Klärungsreflexe auslösen soll, bleibt offen. Letzteres soll ja in der Werbung durchaus funktionieren.

 

www.scala-kuenstler.de/hannes-wader.html

 

11 Kommentare zu “Rezension: Hannes Wader – Sing

  1. Ursula S.
    3. Juni 2015

    „“ In „Folksingers Rest“ erzählt er von seiner Teilnahme an einem Folk-Wettbewerb in Irland.““ ????? Gibt’s es vom Lied noch eine andere Textversion ?

    • achtellorbeerblatt
      3. Juni 2015

      Danke für den Hinweis, Ursula!
      Im Lied geht es um keinen Wettbewerb – ich habe das oben im Text nun entsprechend geändert. LG, Silke

      • Ursula S.
        4. Juni 2015

        Daumen hoch !

  2. Klaus Peter Nies
    18. Februar 2015

    Hannes Wader ist einfach großartig und wird für mich immer ein musikalisches Vorbild bleiben.

  3. marianne
    18. Februar 2015

    Hat dies auf Querbeet rebloggt und kommentierte:
    das muss einfach sein, danke einachtellorbeerblatt

  4. marianne
    18. Februar 2015

    nun, das ist ja schon lange her, mittlerweile ist er gereift, auch seine lieder sind reifer geworden, und schöner.

  5. Maccabros
    18. Februar 2015

    Bei Wader habe ich immer gleich den Tankerkönig von damals im Kopf…

    • marianne
      1. März 2015

      aber sowas, wader hat mehr gemacht als den Tankerkönig viel mehr viel viel mehr

      • Maccabros
        1. März 2015

        Ich weiß, aber das war und ist immer der erste Gedanke, da es das Lied war, mit dem ich ihn kennen lernte… :)

      • marianne
        2. März 2015

        bei mir war es „Rohr im Wind“

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 18. Februar 2015 von in Uncategorized, Wader, Hannes und getaggt mit , , , .
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