Ein Achtel Lorbeerblatt

Das Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunstmagazin

Rezension: Tetzlaffs Tiraden – Für’s Dagegen

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von Michael Lösch

Nach vielen musikalischen Nachdenklichkeiten und Innerlichkeiten kommt mal wieder jemand, der was vom Austeilen versteht. Aber da wo sein erklärtes Vorbild Franz Josef Degenhardt wahre Meisterstücke der politischen Kampflyrik abgelassen hat, müssen Tetzlaffs Tiraden alias Bastian Wadenpohl neue zeitgemäßere Wege gehen. So geht es gegen den großen und kleinen Wahnsinn des ganz normalen Alltags und manchmal auch gegen sich selbst.

Gleich der Einstieg „Farce“ ist ein Entlangschlendern an den Fernsehnachrichten. Vergiftetes Essen, Fukushima, die Ungerechtigkeiten von Hartz IV, die ungerechte Überdominanz des FC Bayern und das Aussterben der Bienenvölker bieten bewährte Steine des Anstoßes. Aber wenn die Grünen schwarz werden,   Mc Donalds auf Bio und die Leistungseliten auf tolerant machen, dann geht die rechtschaffene Betroffenheit den Bach runter und es bleibt ein Sarkasmus, der nur noch belacht werden kann. Nun gibt es nicht nur politisches Liedermachen, sondern auch politisches Liederhören, und damit das auch richtig klappt, hat Tetzlaffs Tiraden gerade beim ersten Song auf allerlei Zwischenbemerkungen, Tröt- und Lacheinlagen zurückgegriffen, leicht klamaukige Signale wann nachgedacht und nachgelacht werden darf. Das ist aber im Prinzip der einzige Schwachpunkt auf einer ansonsten sehr gelungenen CD.

In „Rentnergang“ besingt Wadenpohl die Rentnerkriminalität als Alternative zum Flaschensammeln. „Manch einen der schon lahm war und vor Armut voller Scham war, sieht man aufrecht gehen krumme Dinger drehen. Die Presse wird uns lieben, schreibt von Alterstagedieben, und sollten wir dann sitzen und jeden Tag ein Strichchen ritzen in die kahle, kalte, graue Zellenwand, dann ernährn wir uns von Witzen aus Mutti Elends edlen Zitzen und fluchen was auf unser Vatterland”. Robert Gernhardt hätte es nicht besser machen können. Der Song „Darüber reden“ ist einmal nicht sarkastisch oder ironisch gemeint, sondern ein Appell das zu- und rauszulassen, was innerlich bewegt, auch wenn es nicht unmittelbar der Erheiterung und Erbauung dient.

Für‘s Dagegen“ ist eine originell ausgefallene Ode an die Verweigerung. „Mir ist so sehr nach andren Wegen, wenn Bürgersleut die Bürgersteige fegen, du sagst immer meinetwegen, ja und ich bin halt fürs Dagegen, fürs Ausbrechen aus Gehegen, fürs Zerfetzen von Verträgen, fürs Chefsessel zersägen.“ Das ist Rio Reisers „Keine Macht für niemand“ von heute mit dem Versöhnungsangebot der schönen Melodie an eine alles tolerierende und vieles verzeihende Jetztzeit.

Dann kommt die „Böse Kontrolleuse“ und das Ungemach nimmt ganz reale Gestalt an. Es ist die ganz persönliche Erinnerungsprosa auf der CD, die Lovely Rita, die im Sergeant Pepper‘s-Album der Beatles Paul McCartney das Knöllchen fürs Falschparken verpasst. Es ist eine schöne Geschichte, aus welchem Blickwinkel man die Fahrscheinkontrolle auch sehen und zu welch unerwartetem Ausgang sie kommen kann.

Mal macht Wadenpohl den heiseren Grönemeyer, mal den Gunter Gabriel der Anarchie und der Verkrachtheit.

Fleck“ ist eine schöne Trennungs-Ballade vom Dachboden und gegen Ende ein starker Abgang. Sie ist das Eingeständnis an das Anstrengende in einem selbst. „Ich verlange nicht, dass du auf meinem Schiff versinkst“ sagt mehr als genug.

Was Tetzlaffs Tiraden hier abliefert, sind Wanderlieder durch die Welt des Grotesken. Manchmal sind sie auch zynisch, aber es ist ein ehrlicher Zynismus, der den Zynismus des irdischen Daseins an sich einfach nur abbildet, beschreibt, rein deskriptiv. Die Melodien dazu sind markant und schön. Die rauchige Stimme und eine Gitarre, die mit erzählt, reichen musikalisch vollkommen aus.

www.tetzlaffstiraden.de

3 Kommentare zu “Rezension: Tetzlaffs Tiraden – Für’s Dagegen

  1. tetzlaffstiraden
    10. März 2015

    Hallo Silke, dankeschön. Den Schuh mit dem fehlenden Booklet („Treibt die Produktionskosten in die Höhe“) wie auch die Pantolette der mehr oder weniger deutlichen Aussprache („Die rheinische Zunge neigt zum Lahmen“) ziehe ich mir gerne an. Grüße

    Bastian

  2. tetzlaffstiraden
    10. März 2015

    Vielen Dank für die Rezension, für die Beschäftigung mit meiner Arbeit für das erfreuliche Urteil – und auch die Vergleiche schmeicheln mir in den allermeisten Fällen. Einziger aber aufwischbarer Wehmutstropfen meinerseits:
    Im Lied Rentnergang heißt es:
    „Und sollten wir dann sitzen und jeden Tag ein Strichchen ritzen
    in die kahle, kalte, graue Zellenwand
    dann ernährn wir uns von Witzen aus Mutti Elends edlen Zitzen
    und fluchen was auf unser Vatterland“

    Gerade in Mutti Elends edle Zitzen hat sich der Dichter in dem Fall verschossen, der Rest ist Makulatur.

    Es dankt für die Beschäftigung und es grüßt die ganze Redaktion, ach was, die ganze Welt der Liedermacherei

    Bastian

    • achtellorbeerblatt
      10. März 2015

      Danke für deinen Hinweis, Bastian! Ich hab es nun korrekt eingefügt. – Es ist einfach so, dass unseren Rezensenten in den allermeisten Fällen (so auch hier) nicht die physische CD vorliegt zur Rezension. Wir werden in der Regel mit nur einem Exemplar bemustert und das verbleibt in der Berliner Redaktion. Die Rezensenten können sich die Lieder nur als Datei anhören… – wobei viele Alben ja heutzutage sogar ohne Booklet daherkommen, also in jedem Fall der Text zum Zitieren „erhört“ werden muss. Und ob das dann klappt, liegt auch mit an der deutlichen oder weniger deutlichen Aussprache des Sängers – also, ganz allgemein mal so erklärt… Dein Album liegt mir weder vor noch kenn ich das Lied, um das es dort oben nun direkt geht – ich arbeite auch nicht von Berlin aus ;-)) LG, Silke

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 6. März 2015 von in Liedermacher, Q-T, Tetzlaffs Tiraden, Uncategorized und getaggt mit , , , .
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