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Rezension: Uwe Dreysel – Mittelschichtsjunge

uwe dreysel mittelschichtsjunge

Die aktuellen Songs von Uwe Dreysel – und viele weitere Neuerscheinungen und Klassiker – hören Sie im Lorbeerfunk, unserem Radiosender rund um Liedermacher & Chansonniers. Zum EAL-Radio HIER entlang.

von Michael Lösch

Eigentlich läuft einem Uwe Dreysel beim Googeln eher als Schauspieler über den Weg. Nun neigen ja Schauspieler bekanntlich nicht ungern dazu, sich durch ihre Kunst nicht mehr so richtig ausgelastet zu fühlen und den Sprung hinein in angrenzende Bühnendarbietungen zu wagen. Dreysel fängt damit offensichtlich schon früh, schon während seiner Ausbildung zum Schauspieler an. Er entstammt dem Westharz, einer Art windstillem Tümpel deutscher mittelständischer Beschaulichkeit, womit bereits die assoziative Brücke zum CD-Titel geschlagen wäre, die sich damit aber schon weitgehend erschöpft. Die Themen aus Dreysels Jazz-Balladen kommen einfach mit zuviel aus dem Leben gegriffener Eigenständigkeit daher, als dass sie auf die bürgerjugendlichen Frustriertheiten reduzierbar wären.

Gleich zu Beginn, in „Rom London Paris“ steht das Kaleidoskop der vorstädtischen Langeweile an. Die Langeweile von Innenhöfen und die Zehbruch-Gefährlichkeit von überhöhten Bordsteinkanten mögen ja durchaus die eine oder andere musikalische Erwähnung wert sein, als Negativ-Verortung zu den großen europäischen Kultur-Metropolen taugen sie nur bedingt, weil das eine mit dem andern nur wenig zu tun hat. „Was willst du eigentlich hier?“ fragt er in dem Lied, und das fragt man sich beim Interpreten in seinem Einstiegssong selbst ein bisschen. Ansonsten geht es aber recht gelungen weiter.

Grüne Augen blondes Haar“ beschreibt die Ohnmacht, auf Anhieb die passenden Worte zu finden, wenn die Flirtform eben nicht an die nachträgliche Liedform heranreicht. Beim Hören ist man selbst überrascht. Man möchte es kaum für möglich halten, was einem zum rechten Augenblick alles nicht einfallen und worüber man(n) nachträglich nur noch in Reimform sinnieren kann.

Dein Herz ist ein Dealer“ ist besinnliche Klavierromantik aus den Tiefen und Fallen der real existierenden Partnerschaft, wenn Gefühle und das Verlangen nicht mehr ausbalanciert sind und die Sehnsucht nur noch Berechnung vorfindet.

In „Ich muss nicht mehr träumen“ fällt Dreysel jede Menge Neues ein, wo man nun wirklich annehmen könnte, dass schon alles gesagt ist, was es an Schönem zu sagen gibt.

So setzt sich das Thema „Liebe“ die nächsten Stücke lang fort. In „Haut an Haut“ gerät der Appell, sich nicht nur körperlich zu öffnen, etwas bieder, aber immerhin unterscheidet Dreysel trennscharf zwischen Innen- und Außenwirkung einer Beziehung. „Ich bin da, damit du vergeben kannst. Hassen tu ich für uns beide genug“ ist ein kleiner Appetitanreger an Denkwürdigkeit.

Damit es mit der Liebesblödigkeit aber nicht zu viel wird, kehrt Dreysel mit „Zimmer 301“ noch rechtzeitig von der Poesie zum saloppen Erzählen vom Hier und Jetzt zurück. Er beschreibt eine Nacht alleine im Hotel. Aber eigentlich verbringt er die Nacht nicht allein, er bekommt Besuch von jemandem, den er gern zu Hause gelassen hätte, von sich selbst nämlich und entdeckt bei dem Besuch ganz neue alte Seiten an sich.

Der Taufsong „Mittelschichtsjunge“ mutet als Bekenntnis, auch unter der Käseglocke gutbürgerlicher Behütetheit ein klein wenig Wut und sozialverträglichen Größenwahn walten zu lassen, an.

Es sind lustig süffisante, in jazzige und bartaugliche Pianoarrangements gekleidete Reimübungen, die das Leben und die Nachdenklichkeit so schreiben. Es gibt gedämpfte Trompeten und Percussionspinsel streicheln aufgeweckt auf Schlagfell und Becken herum. Allein die Stimme, sie weiß irgendwie nicht so recht, ob sie sanft oder dramatisch klingen, ob sie sich zwischen Sprechen und Gesang entscheiden soll.

www.timezone-records.com/kuenstler/details/uwe-dreysel/

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 10. März 2015 von in 2015, Neu & aufgefallen, Plattenbesprechungen, Uncategorized und getaggt mit , , , , .
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