Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

Rezension: Manfred Maurenbrecher – Rotes Tuch (VÖ 10.04.2015)

Maurenbrecher_RotesTuch_Cover

von Michael Lösch

Der Name Maurenbrecher bürgt seit Generationen für Geist und Niveau. Da gab es im 19. Jahrhundert den bekannten Historiker Wilhelm Maurenbrecher. Dessen Sohn Max war Verfasser der großartigen „Hohenzollern-Legende“, und sein Urenkel Manfred schreibt Lieder. Auch mit „Rotes Tuch“ ist wieder einmal eine solide Arbeit herausgekommen, bleibt er doch seinem Ruf als bissiger Diagnostiker treu, allerdings gehören die wirklich starken Momente der Selbstreflexion, dem lauten Hineinhorchen und dem sanften Hineindämmern nach innen.

Rolle rolle rolle“ ist eine Aussprache mit dem eigenen „zu kurz gekommen Sein“. An die Hoffnung glauben heißt, das Traurige erst einmal zu erlauben. Dies darf der Hörer als eine Art von Präambel begreifen. Mit „Staubsauger“ wird es dann gegenständlich. Der Staubsauger steht für einen sich verselbstständigenden Reinlichkeitswahn. Dieser beginnt in der eigenen Wohnung und vergreift sich zunächst nur am Mobiliar. Aber schon im Hausflur muss der Nachbar mit dran glauben, und zum Schluss richten sich die Kehrausphantasien auf weiter Flur gegen den Interpreten selbst. Ob als Sinnbild für den Zauberlehrling, der die gerufenen Geister nicht mehr loswerden kann, oder einfach als Appell, den Ball flach zu halten, diese musikalische Kurzgeschichte taugt zu beidem.

In „Aufbruch“ weichen zunächst bieder anmutende Fidelweisen bald einer beeindruckenden Sprache. Maurenbrecher holt aus ihr viel heraus, seine Reime sind passgenau investierte Poesie, und das hebt ihn über einen musikalischen Erzählonkel weit hinaus. „Wie immer der Weg geht, er wird nicht gehn wie immer, was heute hier herumsteht ist dann nicht mehr im Zimmer. […] Und der Mann auf dem Fluss, der mit der Stange zum Grund taucht, weiß denn er, dass zum Abschied es nie einen Grund braucht.“ Ein schönes Lied, eine Art melancholischer Marschtritt in Zeitlupe. Maurenbrecher präsentiert seine Innenansichten als einen aufrechten Gang durch die Piano- und Gitarrenakkorde. Dies und seine Reibeisenstimme im Stil eines Tom Waits sorgen per se für markante aber dennoch leicht zugängliche Gefühlslagen.

In „Hochwasser“ macht er tatsächlich den Reporter für Menschen, die doppelt geflutet werden, erst vom verheerenden Nass, dann von klugen Politikersprüchen und –beteuerungen. So ab Mitte der Strecke gesellt sich eine gewisse sozialkritische Angriffslust hinzu. Ein Pflichtteil des Repertoires soll eben auf die Armen und Entrechteten entfallen, und genau hier lauern die Biederkeitsfallen. Richtet sich in „Wer hat, der kriegt“ die Unternehmerschelte wenigstens noch gegen das sich selbst eher linksliberal verortende Verlagswesen, ist „Ihr verdient uns nicht“ Politiker-Bashing, wie man es nicht zum ersten Mal gehört hat. Da schlägt halt der Che Guevara vom Breitenbachplatz in ihm durch und in die Klaviatur.

Richtig stark ist Maurenbrecher da, wo er kraftvoll erzählt und Stimmungsbilder schafft. Dann folgt man ihm gern und findet sich auf einmal in Gemütslagen wieder, die dank beeindruckender Reimstücke automatisch zu den eigenen werden. „Elegie“ und „Drüber“ sind starke Schlussakkorde. Man wähnt sich im sanft streichelnden Dämmerschlaf, fast wie Radiohead unplugged.

www.maurenbrecher.com

 

2 Kommentare zu “Rezension: Manfred Maurenbrecher – Rotes Tuch (VÖ 10.04.2015)

  1. davidwonschewski
    19. März 2015

    Hat dies auf David Wonschewski rebloggt und kommentierte:
    Der Che Guevara vom Breitenbachplatz schlägt wieder zu.

  2. davidwonschewski
    19. März 2015

    Wäre das Statement nicht so abgedroschen, ich würde sagen: Maurenbrecher ist wie ein guter Wein, er wird mit den Jahren immer besser. Aber ich sage es nicht. Muss ich auch gar nicht, hört man ja. Seit locker 10 Jahren produziert der Mann das Beste, was in Liedermacherkreisen zu bekommen ist.

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