Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

Rezension: Ganef – Strassenköter

Ganef

von Michael Lösch

Ganef ist das jüdische Wort für Ganove. Das mag wohl zum Äußeren des in Odessa geborenen Künstlers passen, zu Schiebermütze, Schnauzbart und Fluppe zwischen den Zähnen, zum Liederrepertoire passt es eigentlich nicht, denn das ist recht aufrichtig und ehrlich. Es sind chansonlastige Griffe aus den Höhen und Tiefen des Lebens, festgehaltene Nachdenklichkeiten, schnörkellos, einfach so.

In „Der Berg ruft“ macht Ganef mit Akkordeon den Luis Trenker in Moll. Er zieht die schöne heile Bergwelt den schnöden Aufgesetztheiten der tiefen Täler vor. Er begegnet Wolfsrudeln und Bären und kommuniziert mit ihnen. Würde er gleich Moses auf dem Sinai steinerne Gesetzestafeln erhalten, würde er sie, so verspricht er dem lieben Gott, nicht mitnehmen, sondern da lassen, um Gott mit seinen Widerlegern zu verschonen, so sehr ist Ganef an dem Erhalt der Bergidylle gelegen. Es ist Berg- und Aussteigerlied in einem, in echter französischer Chanson-Manier.

„Sommer im Tiergarten“ und „An der Spree“ sind Streiflichter-Balladen, in denen Berlin nicht zu kurz kommen soll. Die Stimmungsbilder reichen von Berlins großem Open-Air-Bräunungsstudio bis zur Dönerbude und zum KaDeWe. Es ist touristengefälliges Auftanken des Berlin-Feelings, Reisekatalogtexte in Reimform. “Hier an der Spree, wo jeder Pflasterstein eine Geschichte erzählt, wo wurde mehrmals verändert die Welt“ sollen wohl eher als Lockerungsübungen für zwischendurch gedacht sein.

Mit „Strassenköter“ geht es dann zur Außenseiter- und Streuner-Perspektive zurück. Ganef ist nun einmal jüdisch, denkt russisch, singt deutsch und klingt französisch. So wird das Klischee des Diaspora-Juden, der sich überall zu Hause, aber doch nirgendwo so richtig beheimatet fühlt, in Gestalt des streunenden Vierbeiners voll aber auch etwas platt bedient. Das abenteuerlich freie Leben auf der Straße steht gegen die heile bürgerliche Welt, symbolisiert durch den gelangweilt an sich herumleckenden Couchtiger.

Der Drache“ ist ein Ritt durch den düsteren, gott- und liebesverlassenen Ehe-Realismus. Hierbei lehnt sich Ganef wirklich weit aus dem Fenster. Die Ehe wird zur reinen Vorwurfsfalle, nur noch Spießigkeit und nackte Gier regieren. „Ich lieb dich überhaupt nicht mehr“, so hat es Udo Lindenberg besungen. Hier aber fliegen sprachlich die Fetzen, das Bild der konsumhungrigen, mal die Zehennägel lackierenden, mal in den Werbeprospekten blätternden Nimmersättin muss herhalten. „Was niemand sieht, hält sie für nicht mehr wichtig, ein flacher Fernseher muss dringend an die Wand. Wir haben auf dem Lokus einen Perser liegen und einen Abfalleimer aus Swarovski-Glas. Sie plündert nur noch die Boutiquen und ich verkauf mein Blut ans nächste Krankenhaus.“

Zur zweiten Hälfte hin geht es weltpolitischer weiter. Das markante Akkordeon wird durch weniger auffällige Gitarrenrhythmen ersetzt, die Themen weiten sich aus und just jetzt wird es anstrengend, Streu- und Verständlichkeitsverluste stellen sich vorübergehend ein. „Mazar-E-Sharif“ sind Impressionen aus Afghanistan, ganz nach dem Motto „Am Hindukusch nichts Neues“. „Feldwebel“ soll ein Abgesang auf abgehalftertes Zeitsoldatentum sein, ist aber nicht eindeutig herauszuhören. So viele neue Satzteile auf einmal sind nach so einer zurückgelegten Hörstrecke nicht mehr leicht zusammenzupuzzeln. „Stolzer Jude“ ist dagegen wieder Rückkehr zu Tacheles. Ganef ist stolz darauf, ein Jude zu sein und beim Hören der Zeilen gesteht man ihm den Stolz auch zu und nimmt ihm den ab. Der Stolz des Judentums, den er besingt, ist nicht geografisch oder national beheimatet, sondern weltweit in Wissenschaft, Kunst und Kultur zu Hause. „Experten“ ist eine ganz erfrischend ehrlich geratene Abrechnung mit seinen Kritikern.

Ganef präsentiert muntere Akkordeonklänge in Moll und sein Gesang erinnert durchaus etwas an Jacques Brel. Seine Lieder stromern ebenso an klaren Melodiebögen wie an klaren bürgerlichen Welten vorbei und stehen für gefühlsechtes Chanson-Feeling, für jüdischen Witz, russische Seele und französische Momente im Leben, phasenweise stehen sie aber auch unter Klischee- und Seichtigkeitsverdacht.

www.ganef.de

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Information

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 3. April 2015 von in 2015, Neu & aufgefallen, Plattenbesprechungen, Uncategorized und getaggt mit , , , , , .
%d Bloggern gefällt das: