Ein Achtel Lorbeerblatt

Das Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunstmagazin

Rezension: Toni Kater – Eigentum

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von Michael Lösch

Toni Kater alias Anett Ecklebe hat schon eine bewegte Vita aufzuweisen. Neben nunmehr vier Studioalben hat sie schon Werbemusik für VW, Cabinet-Zigaretten und Schiesser gemacht und auch schon zwei Fabelbücher herausgegeben. Nun ist sie eigentlich eher in der Rock-Musik beheimatet. Auch „Eigentum“ ist nicht so einfach dem Liedermacher-Genre zuzuordnen. Aber dennoch, der Gesang macht es irgendwie. Er lässt das Repertoire ausgesprochen liedhaft daherkommen und zumindest schnittmengenhaft als Liedermacherei durchgehen. Es ist, wenn man so will, eine Synthese aus Chanson und Rock und die ist gelungen.

Gleich zum Einstieg liefert „Anders betrunken“ eine Kostprobe dafür. Es ist geradlinige Liebeslyrik aus der Sicht derer, die jemanden haben, mit dem sie oberhalb und unterhalb der Gürtellinie angeregt kommunizieren können. Die Stimme ist sanft und schön unterlegt, so dass sie eigentlich mehr ent- als verführt. Das sind die Töne, die man zu hören wünscht, wenn andere Interpreten Wolken, Wind und Sterne als Sinnbilder für große Gefühle bemühen.

Danach geht es politisch, genauer gesagt mit dem Thema „Vielfalt & Begegnung“ weiter. In „Heuschrecken“ geht es um die Begegnung mit jener Spezies, welche es sich zur Aufgabe gemacht hat, Wohnraum seiner rechnerischsten Verwertung zuzuführen. Alles ist im Rendite-Kapitalismus angekommen, er ist weltweit und universell. Er ist Kodex und Code, in dem sich die Menschen nunmehr am einfachsten verstehen. Insofern ist es nur konsequent, wenn sie die Heuschrecken zu Schlusspunkten der Evolution erhöht. In „Fräulein Jesus“ macht sie sich um das Privatleben von Jesus Christus Gedanken und wünscht ihm – ob anstelle oder in Ergänzung zu den Jüngern, das bleibt offen – d i e  Frau an seiner Seite, und das tut sie ganz lustig und lausmädchenhaft.

Kalte Augen“ ist ein psychedelischer Anhauch. Der Text ist aber zu privat, um allgemein verständlich zu sein. Manchmal sind die Gedankenpfade doch zu verschlungen und die textlichen Hinweistafeln zu vage. Aber schön ist das Lied trotzdem. „Normal“ ist eine leise Piano-Ballade. „Wär ich einen Tag ein Fluss, würd ich Wege ritzen bis zum Meer. Und die Steine mahlen zu Staub, bis die Felsen nur noch Weiches wären“, so lautet die Klangpoesie, das Tun von lästigen Sinn- und Zweckfragen zu befreien. Es ist ein Plädoyer für die Ergebnislosigkeit. Für Gedanken wie diese wurde das leise Klavier wohl gleich mit erfunden.

Mit „India“ wird es dann kulturkritisch. Toni Kater nimmt sich ohne viel Umschweife die Frauenrolle in anderen Kulturen vor, ohne selbige freilich direkt zu benennen. Sie lehnt sich recht weit aus dem Fenster dabei, ist doch gerade bei dem Thema der Grat zwischen fundierter Kritik und Klischeefalle recht schmal, aber immerhin: der Mut, seine Meinung bar aller Vorurteilsphobien und sei es nur musikalisch zu vertreten, gehört eben auch zur oft zitierten „Vielfalt“ dazu. In „Möglich im Traum“ legt sie mit Phantasien über die Jungfrauen als paradiesische Vergütung für Kampf und Heldentod noch einmal nach.

So vielfältig wie ihre Themen, mit „Goliath“ interpretiert sie eine Bibelgeschichte neu und „Volle Fahrt“ ist ein sanfter Weckruf an das Selbstvertrauen, so vielfältig sind ihre Stilrichtungen. Ob New-Wave, sanftes Piano, ob psychedelischer oder Synthie Pop, die Professionalität der Arrangements stimmt, man merkt ihr die musikalische Vergangenheit von „2raumwohnung“ an. Dazu kommt eine tolle Stimme, die an den unterschiedlichsten Stellen der Seele streichelt.

www.tonikater.de

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