Ein Achtel Lorbeerblatt

Das Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunstmagazin

Rezension: Paul Bartsch – Zeitlos

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von Michael Lösch

Paul Bartsch entstammte der Liedermacherzunft der DDR. 1981 erhielt der studierte Musikpädagoge den Berufsausweis als Chansonsänger. Als musikalische Initialzündung gibt er die wegen ihrer kritischen Texte in der DDR verpönte Rockgruppe Renft an. Diese aber auch Karat und auch die als systemkompatibler gegoltenen Puhdys hatten zweifelsfrei beträchtliche Fähigkeit entwickelt, die eingeschränkte Begehbarkeit von Themenfeldern durch dichterische Kraft und Tiefgang auszugleichen. So ist es auch mit Bartsch, und Themen hat er seit dem Niedergang der DDR umso reichlicher aufgegriffen. So sind denn auf „Zeitlos“ Lieder aus den Programmen “Ein deutsch/deutscher Spitzen-Salat (1992)” und “Deutschland. Ein Herbst-Märchen (1994)”, seinerzeit jedes für sich als Audio-Kassette erschienen, nun auf ein und derselben CD vereint.  Dies sorgt für einen Vorrat an insgesamt immerhin 20 Titeln und man braucht deshalb für den Hörgenuss lange Ohren. Es ist ein Weg durch große Botschaften und kleine Akzente, und immer wieder findet Bartsch schöne Bilder, die genug Stoff für ganz eigene Lieder abgeben würden.

Gleich zu Beginn kommen viele Morgenstimmungen daher, schöne aber auch beschwerliche. In „Älter werden“ schwingt viel mitfühlende Nachdenklichkeit mit. „Älter werden wollen, aber nicht alt, nur reifer, gescheiter, aber nicht kalt“. In „Aber“ zeigt er ganz neue Anwendungsmöglichkeiten für dieses Wort auf. Es ist eine Hinweistafel auf die vielen Varianten des Dazwischen in den Breitengraden des Alltags. „Aber es gibt Farben zwischen Licht und Schatten, aber es gibt Wärme zwischen Kalt und Heiß aber es gibt Räume zwischen Baum und Borke, von denen ich noch nicht viel weiß“. Das Aberwort kann auch Tür und Fenster für das kritische Schauen hinter die Fassade sein.

Deutsches Ständchen“ ist der Versuch einer eigenen, gerade auch durch die DDR-Sozialisation nicht einfacher werden wollenden Standortbestimmung. Und der Versuch, sich im Intervall an möglichen Widersprüchlichkeiten mühevoll selbst zu finden. „Deutsch sein, Mensch was unsereins für´n Glück hat, dass es so schizophrenetisch geht, in Deutschland wo man mit gebrochenem Rückgrat immer so erfreulich gerade geht, so erstaunlich aufrecht steht.“ „Im Westen“ und auch „Erinnerungen an die Zukunft“ dürfen als satirischer Fortsatz dessen gelten. „Das Buntfernsehen ist bunter, im Kaufhaus gibt´s mehr Kauf, die Maxiröcke gehen weiter runter, die Miniröcke weiter rauf.“ Kein Zweifel, hier denkt jemand eindeutig an Deutschland in der Nacht.

Auch in „ Bilanz“ gehen Kummer und Glück weiter Hand in Hand, bilanzieren sich, werden zu Soll und Haben, ganz individuell. Genug ist eben nicht genug und der Satz von Sigmund Freud, wonach es im Plane der Schöpfung nicht enthalten ist, dass der Mensch glücklich sei, bekommt hier einen passenden, auch melodischen Verputz. Es ist ein wunderschönes Lied, eine empathische Annäherung an das Erreichte und Verpasste, an das Menschsein, mit Tiefgang und so freundlich. Ein Kronjuwel in der Sammlung.

Spätestens hier hat sich das Hören gelohnt. Eigentlich geht es weiter im Text, es sind ja noch 10 weitere Lieder auf dem Album, und nach dem, was man bisher gehört hat, darf man wahrlich gespannt sein. Bartsch hat zu vielen Themen was zu sagen und die Musik ist so ein- und zugleich tiefgängig wie der Text. Es sind schöne Wanderwege durch die Gefühlswelten.

Hompage Paul Bartsch: www.zirkustiger.de

 

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