Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

Rezension: Reinhard Mey – dann mach’s gut – live

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von Rike Krüger

Liebe Leser,
brauche ich die CD „dann mach’s gut – live“ wirklich, nachdem ich diese Tour mehrfach live erlebt habe? Diese Frage hat sich mir nicht gestellt, denn ich genieße die Livealben von Reinhard Mey immer sehr. Bieten Sie mir doch die Gelegenheit, die originellen Zwischentexte nachzuhören – und vor allem den Liedern so zu lauschen, wie Reinhard Mey sie ursprünglich komponiert hat: nur der Gesang und seine Gitarrenbegleitung… Und diese Doppel-CD mit dem kompletten Bühnenprogramm und einem liebevoll gestalteten Booklet – nahezu ohne Text aber reich bebildert – „musste“ einfach in mein Regal.

Braucht das Ein Achtel Lorbeerblatt noch eine Rezension von mir zu diesem Album, nachdem ich meine Konzerteindrücke hier schon geschildert habe und David Wonschewski das Studioalbum „dann mach‘ s gut“ ausführlich besprochen hat? Die Antwort auf diese Frage überlasse ich Ihnen.

CD 1

Reinhard Mey beginnt seine Konzerte gerne mit vertrauten Liedern, die sich gut spielen lassen und seiner Aufregung entgegen kommen – auch nach 50 Jahren Bühnenerfahrung und unzähligen Auftritten. Dieses Mal überrascht er sein Publikum mit dem neuen Lied „N´Abend“, das er jeweils dem Auftrittsort anpasst. Für das Album, das Lieder von verschiedenen Konzerten enthält, hat Reinhard Mey die Berliner Version gewählt.

N‘ Abend Berlin – da bin ich wieder“, gleich mit der ersten Zeile knüpft er an die Begrüßungstexte der vorangegangenen Tourneen an. Seine „Zauberformel“, die ihm den Einstieg in seine Konzerte erleichtert, leitet quasi eine Echtzeitbeschreibung der Gefühle des Sängers ein, der sich trotz Lampenfiebers wieder auf die Bühne und vor sein Publikum stellt. „Mein Gott, was für ein Beruf, auf die Bühne zu geh’n. Um mit weichen Knien hier oben zu steh’n“. Wer etwas zu mäkeln sucht, könnte sich an dem leicht holperigen Versmaß an verschiedenen Stellen stören – ich mag es. Das Lied enthält diverse Anspielungen auf ältere Lieder. Aber die verrate ich hier nicht im Einzelnen – sondern wünsche Ihnen viel Spaß beim selber Herausfinden.

Wie immer singt Reinhard Mey möglichst viele Lieder seines aktuellen Albums – gleich elf der 15 eigenen Lieder vom Studioalbum „dann mach’s gut“ sind auf dem Livealbum vertreten. So auch der „Spielmann“. „Reinhard, Reinhard, was soll nur aus dir werden?“ – wir alle wissen, was aus ihm geworden ist. Je öfter ich die CD höre, desto stimmiger finde ich das in der Originalmelodie eingefügte Zitat aus „Das zerbrochene Ringlein“ „Hör ich das Mühlrad gehen, ich weiß nicht was ich will“. Er weiß was er will und er weiß um die Kraft, die das „Spielmann sein“ ihm gibt. Dieses Lied zeugt von seiner Leidenschaft für und der Liebe zu seinem Beruf.

Wie schon 2011 auf der Mairegen-Tour hat Reinhard Mey wieder in mehreren Liedern neue Strophen oder Textänderungen eingebaut. In der Schilderung einer zweiten Begegnung und Versöhnung mit Annabelle „Der Biker“ fügt er – wie um seine Behauptung „dabei wusstest du, ich war der erste Feminist“ zu unterlegen – eine gesprochene Passage zur Gleichberechtigung an, die er übrigens auf seiner Homepage zum Nachhören eingestellt hat (HIER). Ebenso findet sich eine neue Strophe in „Alter Freund“, der Hommage an den Wein, in der er mal wieder beweist, dass er recht bibelfest ist. „Sagte denn nicht, sich dran erlabend, noch an seinem letzten Abendmahl der Herr von Nazareth uns schon: nehmet und trinket alle davon“. Dabei hatte Reinhard Mey doch, wenn man seinem Lied „Zeugnistag“ Glauben schenkt „nicht einmal eine Vier in Religion“.

Auch der Humor kommt natürlich nicht zu kurz. Bei „Gute Kühe kommen in den Himmel“ und „Danke liebe gute Fee“ lacht das Publikum herzlich mit und der Sänger meystert diese Situationen in alt gewohnter Manier. Hier zeigt sich deutlich, warum er so gerne allein auf der Bühne steht – er lässt seine Gitarrenbegleitung einfach weiterlaufen, unterbricht seinen Gesang und steigt wieder ein, wenn der Applaus abebbt.

„Das Leben hört nicht auf, komisch zu sein – auch wenn wir sterben. Und es hört nicht auf ernst zu sein – auch wenn wir lachen“. Mit diesem Zitat von George Bernard Shaw leitet Reinhard Mey das letzte Lied vor der Pause „Lass nun ruhig los das Ruder“ ein. Und er singt es mit einer Leichtigkeit, die mir in Celle im Konzertsaal fast den Atem genommen hat. Gerade bei diesem Lied lohnt es sich, die Studioversion und die Liveversion einmal direkt nacheinander zu hören.

CD 2

Die zweite Konzerthälfte beginnt mit dem „Narrenschiff“, dessen Text Reinhard Mey konsequenterweise unverändert lässt und so kommentiert: „1997 habe ich dieses Lied geschrieben, sozusagen als eine Art Bericht zur Lage der Nation. Ich hätte es in diesem Jahr nicht wirklich anders schreiben können.[…] Es ist als würde im Herbst des Jahres 2014 die gesamte Weltpolitik von der Brücke des Narrenschiffes aus regiert werden“.

Dann wird er wieder fast privat. Mit „Fahr Dein Schiffchen durch ein Meer von Kerzen“ heißt er seinen Enkel und alle Kinder willkommen, erinnert sich mit „Kleiner Kamerad“ an die Zeit, als seine Kinder klein waren, und erzählt anschließend in „Vaters Mantel“ die Geschichte dieses Mantels verwoben mit der Geschichte seines Schwiegervaters so eindrucksvoll, dass ich den Schneider nahezu vor mir sehe.

Über den Wolken“ singt er nur ca. alle zehn Jahre, weil er behutsam mit diesem Lied, dem er viel verdankt, umgehen will. Diesmal ist es wieder einmal soweit. Hier zeigt sich, wie diszipliniert seine Zuhörer sind . Ich kann mir keinen anderen Künstler vorstellen, bei dem ein wirklich begeistertes Publikum nicht lauthals mitsingt, wenn ein solcher Hit gesungen wird.

Beim Lied über seine erwachsene Tochter „Spangen und Schleifen und Bänder“ bin ich gerührt. Wie schön, dass er sich nicht scheut, auch seinen Kindern Liebeslieder zu widmen. Hier ziehe ich allerdings die Studioversion vor, denn ein wenig vermisse ich das virtuose Gitarrenspiel von Jens Kommnick, der dort so einfühlsam einen musikalischen Bogen zu „Das kleine Mädchen“ spannt.

Es folgt mit „Das Taschentuch“ wieder ein Lied voller persönlicher Erinnerungen, in denen sich viele Zuhörer wiedererkennen werden. Und auch hier wartet Reinhard Mey noch einmal mit einer kompletten neuen Strophe auf. „Ich erinnere mich noch gut, kam meine Oma zu Besuch / und ich hatte mich rings um den Mund beschmiert. / Spuckte sie mehrmals ausgiebig in ihr Spitzentaschentuch / damit wurde ich dann liebevoll poliert …“ – wem kommen da nicht eigene Bilder in den Sinn?

Es folgt „Dann mach’s gut“ – die Schilderung der letzten Begegnungen mit seinem Sohn, bevor dieser erkrankte. Was für eine Disziplin und Stärke steckt dahinter, dieses Lied völlig ungeschützt allein mit seiner Gitarre vor mehreren tausend Menschen zu singen. Im Konzertsaal ging anschließend das Bühnenlicht für ein paar Sekunden aus – eine kleine Möglichkeit zum Rückzug – danach warmherziger Applaus.

Nach so einem Lied kann man wohl nur wortlos und mit einem fast schon harten Bruch weitermachen. Reinhard Mey tut dies mit einer aktualisierten Fassung von „Ein Stück Musik von Hand gemacht“ einschließlich einer lustigen neuen Strophe – und das Publikum nimmt die Einladung, mit ihm zu lachen, gerne an.

Viertel vor sieben“ hat er schon auf vielen Tourneen gesungen, auf dieser CD ist es ganz pur mit Gitarre zu hören und mit einem eingebauten Gedicht von Wolfgang Borchert: „Ich möchte Leuchtturm sein in Nacht und Wind für Dorsch und Stint / für jedes Boot / und bin doch selber nur / ein Schiff in Not!“

Jetzt sing ich noch mal von Wein, Tod und Liebe“ verspricht Reinhard Mey zu Beginn des Konzertes in „N´Abend“. Er hat dieses Versprechen gehalten – und noch viel mehr.

www.reinhard-mey.de

Zum Konzertbericht: HIER klicken

EAL-Rezension zum Studioalbum „dann mach’s gut“: Teil 1 und Teil 2

Ein Kommentar zu “Rezension: Reinhard Mey – dann mach’s gut – live

  1. Querbeet
    17. Mai 2015

    Hat dies auf Die Liedermacher rebloggt und kommentierte:
    EINFACH GESAGT: Reinhard Mey ist ein ganz besonderes Highlight in der Liedermacherszene. DANKE FÜR DIE REZENSION

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