Ein Achtel Lorbeerblatt

Das Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunstmagazin

Rezension: Wenzel – Viva la poesia

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von Andrea Wolf

„Viva la poesia“ ist ein Album, das größtenteils in Kuba und Nicaragua entstand. Es lebt darin die Poesie. Verträumte Texte sind mit nüchterner Lebensrealität und gesellschaftskritischen Aspekten gewürzt. Der Hörer wird vom ersten Lied an in die vermeintliche Gute-Laune-Welt Lateinamerikas versetzt. Mal leicht und seicht, mal schwungvoll wiegt er in lateinamerikanischen Rhythmen aus Reggae und Salsa gemischt mit Blues und Jazz-Elementen. Ein Klangteppich ist es, der unter anderem aus Perkussions-Instrumenten, Akkordeon, Piano, Akustik- und E-Gitarre, Klarinette, Schlagzeug, Trompete erzeugt wird.

Wenzel holt den Hörer jedoch immer wieder unerwartet aus seiner Gute-Laune-Urlaubsstimmung auf den Boden der Tatsachen zurück. Die realitätsnahen Textzeilen schwirren um die Ohren. Ohren, welche der Zuhörende wohl am liebsten vor den knallharten Fakten verschließen möchte. Keine Störung im Urlaub bitte! Wenzel stupst mit seinen konfrontierenden Texten den Hörer aus seinem Urlaubsparadies. Er stört ihn darin, in voller Sehnsucht nach einer ausgelassenen, sorgenfreien und lebensfrohen Welt zu schwelgen. Vielmehr lässt er im Hörer Fragen und Gedanken aufkeimen, die ihn ins Nachdenken bringen. Er muss sich zum Beispiel fragen: Ist es in der Ferne wirklich besser? Was ist mit einer optimistischeren Lebensgrundeinstellung? Könnte mehr gelebte Bescheidenheit im eigenen Land bereits höhere innere und äußere Lebensfreude bewirken? Hilft es vielleicht auch, mit mehr echter Offenheit anderen Kulturen und Menschen zu begegnen und die Welt durch die Brille von Demut zu sehen?

Wenzel weist mit seiner ungewöhnlichen Wort-und-Ton-Mischung auf die aktuellen und gesellschaftskritischen Themen von inneren und äußeren Grenzen im Menschen, Vertreibung aus der Heimat und Flüchtlingsproblematik hin. „Havanna wartet“, „Tapfere Zahlen“ und „Ich hab mein Vaterland so gerne“ sind mutierende Ohrwürmer dafür. Er zeigt in seinen Liedern auch selbst gezüchtete Unzufriedenheit von Menschen in „Immer fehlt was“ auf. Zudem regt er an, kritisch Machthabern im eigenen Land gegenüber zu sein. „Halt dich von den Siegern fern“ erzählt zum Beispiel davon. Die genialen politisch-gesellschaftskritischen Wenzel-Texte drohen jedoch im gleichen Grundbeat der Lieder an Wirkung zu verlieren. Der Hörer driftet unter Umständen gedanklich nach dem zweiten oder dritten Lied völlig weg. Er braucht beim Hören der CD zwischendurch immer mal wieder eine Pause. Ohne Pause nimmt er die gehalt- und kraftvollen Liedzeilen nicht bis zum Ende aufmerksam wahr. Die würzigen Nachdenkbotschaften könnten verloren gehen.

www.wenzel-im-netz.de

 

Und hier noch weitere Meinungen zum Album von Redakteuren des Ein Achtel Lorbeerblatts:

Silke Aydin (Lektorin): Ein typischer Wenzel mit poetischen Texten und sehnsuchtsvollen Melodien! Sambaklänge und Meeresbilder entführen in die Karibik – mit geschickt verpackter Gesellschaftskritik beweist Wenzel wieder einmal, dass sich „politische Lieder“ und „schöne Chansons“ nicht ausschließen müssen. / 10 von 10 Punkten

Frank Klaffke (Regisseur): Wenzel gehört zu den ganz Großen der deutschen Liedermacherszene. Und die neue Platte bietet wieder einen echten Wenzel: musikalisch tolle Arrangements, eingängige Melodien und viele Stücke zum Mitwippen. „Viva la poesia“ heißt die Scheibe, und so sind auch die Texte: locker zusammengefügte Reise- und Alltagsbeobachtungen, poetische Schnipsel, assoziative Reime. Wer den Wenzel der ganz starken Geschichten sucht, wird dieses Mal nicht so auf seine Kosten kommen, und so manches Mal ist bei mir der Songfilm gerissen. Trotzdem ein insgesamt gelungenes Werk, mit dem man sich an einem schönen Nachmittag richtig treiben lassen kann./ 8 von 10 Punkten

 

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 22. Mai 2015 von in 2015, Liedermacher, Plattenbesprechungen, U-Z, Uncategorized, Wenzel und getaggt mit , , , , , .
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