Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

Multi-Instrumentalist Brahm Heidl präsentierte am 26.4.2015 sein erstes und sehr persönliches deutschsprachiges Album in der Kölner Torburg

Brahm_Heidl_Der_Moment

„Der Moment“, der besondere Aufmerksamkeit verdient

von Anne Drerup

Es ist Sonntagabend, der 26. April 2015, kurz nach 20 Uhr: Auf diesen Moment hat Musiker, Auftragsproduzent und Komponist Brahm Heidl wohl sehr lange hingearbeitet und ihm entgegengefiebert – die Veröffentlichung seiner ersten deutschsprachigen CD, die er in seiner alten Heimatstadt Köln präsentiert. Seit 1999 lebt und arbeitet der Multi-Instrumentalist nämlich auf Mallorca – das heißt, wenn er nicht gerade in einer Bandformation mit Musikerkollegen auf Tour ist, wie beispielsweise mit der haitianischen Sängerin und Songwriterin TiCorn (traditionelle kreolische Songs und Chansons). Auch mit seinem amerikanischen und kürzlich verstorbenen Kollegen und Freund Jay Kaye (Rock/Blues) verbindet ihn weiterhin die Musik: Weiterhin, das bedeutet über dessen Tod hinaus. Sein Album und insbesondere den Titelsong „Der Moment“ hat Brahm Heidl daher Jay Kaye gewidmet.

So vielfältig die Musikstile und Sprachen sind, in denen sich Brahm Heidl bewegt, ist auch das Repertoire an Instrumenten, die er beherrscht. So staunt man nicht schlecht darüber, welche Parts er bei seinem Album alle selbst eingespielt hat: Angefangen bei Flöten und Bass über Gitarre, Ukulele und Piano bis hin zu Cajón und weiterer Percussion. „Jedes Instrument eröffnete ihm eine neue Welt der Kreativität, um seine Gefühle auszudrücken“, heißt es in seiner Vita. Nach seiner Instrumental-CD „Listen to your soul“ (2012) mit dem Schwerpunkt auf Querflöte hat er sich nun auch ans Schreiben eigener Texte und den Einsatz eines sehr individuellen Instruments herangetraut – der eigenen Stimme. Mit Erfolg, denn das hereinströmende Publikum, das die Torburg binnen kürzester Zeit füllt, reagiert schon auf den Opener mit langanhaltendem Applaus. Da bei einem Liveauftritt unmöglich alle Instrumente von einer Person zur gleichen Zeit gespielt werden können, wird Brahm Heidl von Roland Peil (Percussion), Gino Trovatello (Gitarre, Bass, Vocals) und Frank Buohler (Piano) als Band begleitet. Auch die Gastmusiker Christoph Broll mit virtuosen Geigen-Soli und Silke Hamann im Gesangsduett lösen bei den Zuhörern Begeisterung aus. In dieser guten Stimmung scheint die Zeit nur so zu fliegen, und ungläubig klatscht das Publikum um eine Zugabe, die es mit „Viva Mallorca“ auch erhält. Dieses Lied befindet sich als einziges nicht auf der CD, sondern wird ausgewählt, um den extra aus Mallorca angereisten Freunden im Publikum Tribut zu zollen.

Umso schöner, dass man sich mit der CD die Zeit nehmen kann, den Moment voller Musikgenuss noch einmal aufleben zu lassen und noch genauer auf die sehr persönlichen Texte zu hören. Die Aufnahmen klingen insgesamt ruhiger und von der Begleitung dezenter als das Livekonzert, das durch die Atmosphäre und die Ansagen natürlich seinen eigenen Reiz hat. Mit „Nimm mich doch einfach wie ich bin“ eröffnet Brahm Heidl seine zwölf Songs mit einem fröhlich lockeren Reggae und beweist Humor in der Aufzählung seiner kleinen Eigenheiten, während er seine Partnerin auffordert, keine überhöhten Ansprüche an ihn zu stellen: „Vielleicht bin ich nicht der Prinz, den du dir so sehr wünschst. Ich hab’s versucht, doch ich bekomme es nicht hin – mich um 100 Grad zu dreh’n, ja das würde vielleicht geh’n, doch ergibt das alles wirklich einen Sinn? Nimm mich doch einfach, wie ich bin!“

Die meisten Songs sind Liebeslieder, ob glücklicher Art wie in den vertonten Liebeserklärungen „Weil du einzigartig bist“ oder „Ich liebe dich“, die mit eingängigen Melodien und gefühlvollem Gesang überzeugen – für die korrekte Aussprache von „einzigartig“ musste Brahm Heidl übrigens laut eigener Ansage ziemlich üben! – oder eher unglücklich, wie in dem über Trennungsschmerz klagenden „Ich krieg dich nicht aus meinem Kopf“ oder dem flehentlichen „Gib mir eine Chance“. Letzteres wird von einem Gastmusiker, dem Lap Steel Gitarristen Matthias Keul, unterstützt. Die Rockballade „Meine beste Freundin“ beleuchtet einen weiteren Aspekt der Liebe: die Dankbarkeit über Vertrauen und jahrelange Freundschaft, die auch schwere Zeiten überdauert hat. Mit Romantik fast ein wenig überladen wirkt hingegen die Ballade „Nur wir 2“, wobei die Melodie sehr schön ist und durch Ludmilla Witzel am Cello, Chadira Ritter am Piano und der Stimme von Silke Hamann bereichert wird. Eingefleischte Liedermacherfans mögen vielleicht an das „Liebeslied“ von Bodo Wartke erinnert werden, allerdings bevor die rosarote Brille in Form von Kritik eines Freundes abgesetzt wird: „Ey, das kannst du so nicht bringen! Bis ans Ende der Welt? Wer soll das bezahlen? Du? Sei doch mal ein bisschen realistisch!“ Für die Untermalung von Träumen dürfen es ja vielleicht aber auch mal solche Lieder sein!

Dass die Wahl des Titelsongs auf „Der Moment“ gefallen ist, scheint schon beim ersten Hören nicht verwunderlich. Diese ruhige Ballade über die Kostbarkeit des Lebens verbunden mit dem Plädoyer, jeden Augenblick bewusst zu leben, das Leben zu genießen und etwas daraus zu machen, hat Ohrwurmcharakter und gleichzeitig eine für alle relevante Gültigkeit: „Es ist der Moment, der keine Grenzen kennt, den dir niemand nehmen kann, denn irgendwann kommt der Moment, wo du erkennst, dass du nichts mehr ändern kannst.“, heißt es im Refrain. Auch hierbei haben Gastmusiker mitgewirkt, die bereits genannte Cellistin, Silke Hamann im zweiten Chorus sowie Blai Vidal an der Weissenborn Gitarre.

Inhaltlich das Pendant aus einer traurigen Stimmung dazu, musikalisch aber einen starken Kontrast bildet „Asche im Wind“, ein Abschiedslied in individuellem Stil, das sich nur schwer einer Musikrichtung zuordnen lässt. Trotz oder gerade wegen der zugrunde liegenden Trauer über den Tod eines geliebten Menschen wird die Erkenntnis deutlich, wie wertvoll das Leben ist und dass die eigene verbliebene Zeit sinnvoll genutzt werden sollte. Die keltisch anmutenden Flötenklänge im Intro und in den Zwischenpassagen schaffen, wie auch das Cello, eine besondere Atmosphäre.

Wer gerne mal in Selbstmitleid badet, wird mit dem schwungvollen „Das Leben ist schön“ eines Besseren belehrt. Als Reaktion auf Dauer-Nörgler fordert es dazu auf, sich etwas zu trauen, die eigene Einstellung zu ändern und zu erkennen, dass das Leben schön ist – zumindest schöner sein kann, als man es in seiner Unzufriedenheit darstellt. Es gibt nämlich weitaus größere Probleme auf der Welt. Dies zeigt der subjektiv stärkste und beeindruckende Song „Zu spät“, bei dem erstmals auch der virtuose Geiger Christoph Broll eine Solopassage hat. Gesellschaftskritisch, nachdenklich stimmend reißt er seine Hörer aus der Bequemlichkeit: Ist es fünf vor oder schon längst fünf nach zwölf? „Nach uns die Sintflut, darin sind wir uns mal einig. Wir glauben nur, was wir seh’n, und werden es nicht versteh’n: Es ist zu spät, wenn’s da in großen Lettern steht, ist es zu spät, wenn dir die Luft zum Atmen fehlt. Es ist zu spät, darauf zu hoffen, dass noch was geht, sich dein Gewissen noch so quält – und es gibt nichts mehr, was noch zählt!“

Also heißt es entweder, noch mal gerade die Kurve zu kriegen, oder es bei einem drohenden Weltuntergang durch einen stimmungsvollen Abgang noch mal krachen zu lassen: „Und wir feiern eine Party“ trotz düsterer Prognosen mit einem letzten, großen Fest – egal, was das Morgen bringt. Schließlich kann das Ende auch einen Neuanfang bedeuten.

Mit dem Bonustrack „Mami“ wendet sich Brahm Heidl wieder einem sehr persönlichen und familiären Thema zu. Das von Herzen kommende und dankende Geburtstagsständchen wird seiner Mutter sicherlich Freude bereitet haben. Nicht zuletzt durch die Mitwirkung von Lisa Boltner mit ihrer klaren Kinderstimme. An der Percussion saß für diese Aufnahme Bandkollege Donald Holtermanns.

Der Moment“ ist ein Debütalbum, das vor allem musikalisch beeindruckt. Textlich mag es bei manchen Liedern an vereinzelten Stellen noch ausbaufähig sein, dafür sind die Themen allesamt sehr persönlich und gehen zu Herzen. Wer also eine angenehme Stimme, Liebeslieder und darin Authentizität besonders schätzt, ist mit der CD bestens beraten.
Alle Infos rund um den Künstler, zu Projekten, Auftritten und natürlich zur CD gibt es auf seiner Homepage.

www.brahmheidl.com

                                  

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 2. Juni 2015 von in 2015, Plattenbesprechungen, Uncategorized und getaggt mit , , , , , , .
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