Ein Achtel Lorbeerblatt

Das Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunstmagazin

Rezension: Le-Thanh Ho – Elephant (VÖ 26.06.15)

Elephant_Le Thanh Ho


von Matthias Binner

„Dass die Seele alle jene Bilder enthält, aus denen Mythen je entstanden sind[1], vergaß das christliche Abendland laut C.G. Jung mit der Bilderstürmerei der Reformation – Le-Thanh Ho vergaß es nie. Was ist das nur für eine Platte, was sind das für Texte, für Bilder?

Es ist eine Platte wie keine andere. Es sind Texte, die direkt aus dem Unbewussten, dem Verdrängten, dem Traum kommen – es sind „kräftige Bilder, welche magischen Schutz verleihen gegen das unheimlich Lebendige der Seelentiefe“ (erneut C.G. Jung). Wie tief, wie leicht, wie furchtlos Le-Thanh Ho in ihr ureigenes – und damit kollektives! – Unbewusstes eintaucht, ist beispiellos.

Beispiel: The Velvet Underground schockierten die Welt 1968 mit der von Noise-Wällen unterlegten Short Story „The gift“, in der ein verzweifelter Liebender sich selbst als Postpaket zur Angebeteten schickt und beim Auspacken von eben dieser mit dem langen Messer zerstückelt wird. Der von Lou Reed erdachte Text wird von John Cale unter sorgsamer Namensnennung aller Beteiligten aus der auktorialen Erzählperspektive rezitiert – nicht, dass irgendjemand auf den Gedanken kommen könnte, das Erzählte könnte mit dem Erzählenden zu tun haben!

Und Le-Thanh Ho? Singt 2015 in ihrer ich-sag-mal: Durchbruch-Single, ihrem Album-Opener:

„Schlägst du mich, packst du mich in Zellophan ein?
Binde Schleifen um mich, heute möcht ich schön sein!
Fessle mein Gefühl für dich, ich tanz in Zellophan für dich.“

Nichts, kein Schutz, keine grammatikalische, geschweige denn inhaltliche Barriere steht hier oder sonstwo auf dieser Platte zwischen Sängerin und Hörer*in. Le-Thanh Ho singt nicht, was sie denkt; nicht, was sie meint – sie schöpft aus tieferen Quellen und weiß das:

„Und Massenmörder schlafen, wo ich schlaflos bin
und alles dreht sich um ´ne Mitte, die mir unbekannt ist
Alles kreist um meine Sonne, die mir unheimlich ist
Nachtschwärmer fallen ins Licht“

Ist dieses unverblümte Ans-Licht-Holen intimer, natürlich auch sexueller Urwahrheiten für den Hörer zuweilen beunruhigend? Oh ja!

„Und der Vorhang fällt und wirft Falten
Ich tanz in Stille und das Licht geht an
Und der Mann in meinem Bett stellt keine Fragen
Seine Augen lügen kalt und sie schrei´n mich an
Sie schrei´n mich an
Und das Zimmer in der Großstadt liegt in Flammen
als mein Kleid den Boden berührt
und die Tür fällt ins Schloss, wir sind zusammen
verbrannt sind wir hier: Schachmatt“

singt Le-Thanh Ho in „Schachmatt“, sicher nicht dem stärksten Track von „Elephant„. Aber: Wer solche Zeilen in konkret-biographische Situationen übersetzen, zu aktenkundig Erlebtem zerkleinern möchte, hat schon verloren – weil diese Lieder von viel Größerem, Tieferem erzählen als jedes geleakte Smartphone-Video es könnte.

Man darf das nicht mit der bewussten, kalkulierten literarischen Metaphorik verwechseln, mithilfe derer Liedermacher (von den -innen zu schweigen) die Liebe, das Leben, das Verlangen auf Geschichtchen von Bienchen und Blümchen herunterbrechen wollen. Alles Mögliche ist Le-Thanh Ho, aber nicht niedlich:

„Ich ziehe rastlos durch die Straßen und schlachte Hasen auf dem Balkon
Meine Gedanken rasen in der Ferne um mein Telefon
Ich male Schatten an die Wand, am Straßenrand
stehen Elephanten an der Wand
Elephanten tanzen Walzer.“

Denn Le-Thanh Ho hat einen unverstellten Zugang zu ihrem Tiefsten – das entbindet sie von Trickserei, Kunstgriffen und Vorgetäusche.

Und das gilt auch für ihre Stimme, die kein Raunen, Wispern, Kieksen und Hauchen scheut, wenn das Lied es braucht. Imitatoren könnten sie wunderbar parodieren – so eigensinnig klingt sie.

Dass die neun Titel auf „Elephant“ kompositorisch deutlich weniger originär sind, sondern es sich stattdessen großräumig auf den üblichen Lagerfeuer-Akkorden bequem machen, ist da überhaupt kein Manko. Zum einen sorgt die versierte Produktion mit wohldosiertem Einsatz, vor allem aber zielgenauer Wegnahme von Klavier, Gitarre, Cello und (zuweilen ernüchternd künstlichen) Drums für Kontraste zwischen den eigentlich recht ähnlich angelegten Songs; auch die geschickte Tracklist sorgt für wohlgesetzte Brüche. Zum anderen aber ist diese harmonische Gemütlichkeit ja auch ein wohlverdienter Halt für den Hörer, dem in der Bilderflut dieser einzigartigen Platte von annähernd jeder Zeile tief in die eigene Seele geblickt und gegriffen wird.

„Laufen wir durch goldenes Licht nach der Beerdigung?“ fragt Le-Thanh Ho zu Klavierfiguren von Yann-Tiersen-artiger Einfältigkeit.

„Der Regen fällt durchs Fenster wie ein Galgen
Und alles um uns singt in hellen Disharmonien
Heut Nacht werden viele Träume fallen,
es ist zu spät, um nach Zypern zu fliehen.“

„Dass man diesen ewigen Bildern erliegt“, schreibt Jung über Archetypen des Unbewussten, „ist eine an sich normale Sache. Dafür sind diese Bilder ja vorhanden. Sie sollen anziehen, überzeugen, faszinieren und überwältigen.“

Tun sie!

www.le-thanh.jimdo.com

[1]Alle Zitate nach C.G. Jung, Über die Archetypen des kollektiven Unbewussten, 1934; überarbeitete Fassung Zürich 1954

 

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