Ein Achtel Lorbeerblatt

Das Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunstmagazin

Rezension: Konstantin Wecker – Ohne Warum

ohne warum cover wecker

von Bernd Pakosch

Er ist der Aufrüttler und Mahner, er ist der Wecker! Er hat Musiker, Freunde, einen Kinderchor und Weggefährten um sich versammelt und seine neuste Produktion mit allem ausgestattet, was eine moderne, volksliedverwurzelte und weltmusikangelehnte CD benötigt, um Weckers politische Überzeugungen und pazifistische Visionen zu transportieren. Er beginnt mit seinem Traum von einer Welt ohne Grenzen und alle Menschen sitzen um einen Tisch. So wie textlich Gehörtes zusammenfließt und ich an „Imagine“ von John Lennon denke, oder auch an Gerhard Schönes „Spar deinen Wein nicht auf für morgen“, so verwächst auch musikalisch Orientalisches mit Riverdance. „Ich habe einen Traum“ geht noch einen Schritt weiter. Es ist nicht nur Traum und Vision, sondern auch Aufruf und gelebter Pazifismus.

Ohne Warum“ ist das Volkslied dieses Albums und beschreibt das Sein als solches, ohne hervorzuheben, ohne sich beweisen zu müssen, ohne Konkurrenz, ohne Berechnung und Verurteilung. Der Kreislauf des Lebens. Und plötzlich klingt es schwarz, wie beim „König der Löwen“ und mir fällt ein, dass Konstantin Wecker in den Siebzigern bei der deutschsprachigen Produktion von „Jesus Christ Superstar“ verpflichtet war und die Vorliebe für Theatermusik tief in ihm verwurzelt zu sein scheint.

An meine Kinder“ zählt für mich zu den wichtigsten Liedern auf dieser CD. Ich kannte das Lied schon vor der CD-Veröffentlichung. Konstantin Wecker war Gast bei „TV Noir“ im ZDF und spielte und sang es dort. Unvergesslich! Und noch heute treibt es mir jedes Mal Tränen in die Augen. Die Liebe als Mitgift. Sein großes Herz für Träumer und Versager glaube ich ihm aufs Wort. Und die wichtigste Stelle des Liedes: „… egal was sie dir versprechen mein Kind, trag nie eine Uniform…“ Nicht zuletzt das wunderbare Cello, welches diesen Text begleitet. Warm und weich.

Novalis“ ist das Märchen, der wahrhafte Traum des Albums. Stell dir vor, diese Welt würde durch Liebe und nicht durch Geld regiert. Spielerisch und verträumt sprudelt sich dieses Lied in den hellen, jungen Morgen. Kristallklar – eine Oboe – eine Konzertgitarre – und so wie es begann, fließt es auch schon weiter. „… you may say I’m a dreamer, but I’m not the only one…“

Der Krieg“, aufbauend auf dem gleichnamigen Gedicht von Georg Heym, kommt einer Inszenierung gleich. Sparsame Klavierklänge, dazu Weckers Erzählstimme. Trommelschläge und eintöniger Gesang, Musik wie Ravels Boléro – ansteigend zum Orchester. Dann Weckers eigene Worte. Mahnend und aufrüttelnd: „Hört zu und seht hin! Der Text ist schon hundert Jahre alt und hat nichts an Bedeutung eingebüßt.“ Und ohne Übergang folgt: „Die Mordnacht von Kundus“, der Krieg als Geschäft. Voller Menschenverachtung und eiskalter Kalkulation. Ja, wo gehobelt wird, fallen Späne und im Krieg fallen halt Soldaten – und Kinder. Das muss so sein. Dreigroschenoper und Brecht lassen grüßen. „… das Herz der Soldaten wurde mit Gehorsam und Drill aus dem Leib exerziert…“ Unsere Politiker sollten sich diese CD mehrmals am Tag anhören, vielleicht würde sich ja doch das eine oder andere im Gehörgang festsetzen. Wahrscheinlicher aber ist, dass sie das alles wissen und kennen, nur eben der Verlockung des Geldes und der Macht nicht widerstehen können.

Fast ein Held“ ist ein sehr persönliches und aufrichtiges Lied, dem die schlichte Klavierbegleitung genügt. Wecker kennt seine Stellung als Künstler und weiß um den Bonus des Narren. Er ist selbstkritisch und ehrlich genug, um zu ahnen, dass er vielleicht zu Zeiten seines Vaters eher geschwiegen hätte. Daher… fast ein Held. Aber er trägt die Flamme des Pazifisten weiter, die schon sein Vater getragen hat.

Das alles so vergänglich ist“ Als ich dieses Lied das erste Mal hörte, ärgerte ich mich mal wieder, dass ich nur wenige Informationen habe, wenn ich mir die Lieder als mp3 kaufe. Aber ich möchte die Musik, nicht noch mehr Plastik im Haushalt. Dieser Text erinnert mich an Klassiker der Romantik. Rhythmus und Wortwahl sind so vertraut anders und ich fand die gefühlte Entsprechung zu diesem Text bei August Heinrich Hoffmann von Fallersleben. Ich liebe Zitate und netzartige Verknüpfungen im Geist. Und es zeigt mir die gelebte Verbindung zu Goethe, Hesse und vielen weiteren Vordenkern. So gesteht Wecker am Ende des Liedes: „… ich scheine weiser als ich bin. Erleuchtung ist mir noch so fern: Ich lebe einfach schrecklich gern!“

Die Gedanken sind frei“ Wer kennt es nicht, dieses alte deutsche Volkslied aus der Zeit vor 1800? Diesen Text nimmt Wecker sich vor und baut ihn so um, dass aus der Behauptung eine Frage wird. Er zeigt Möglichkeiten in der modernen Medienlandschaft auf, die Gedanken zu manipulieren und unfrei werden zu lassen. Wecker begeistert neben seiner unbestechlichen politischen Überzeugung auch immer wieder mit seinem zärtlichen Gespür für Liebeslieder. „Eins mit deinem Traum“, in entwaffnender Ehrlichkeit lässt er Nähe und Verständnis zu und zeigt dem Hörer die Stärke in der Schwäche. „Und dann“ ist für mich ein Lied, welches etwas blass daherkommt – besonders textlich. Es ist die traurige Geschichte einer erloschenen Liebe und handelt von Verlassensein und Einsamkeit. Aber das Bild: mit Strickzeug am Fenster zu sitzen, erscheint mir doch etwas zu dick aufgetragen. Da hilft auch die jazzig, chillige Begleitung mit „Brönner-Trompete“ nicht wirklich.

„Auf der Suche nach dem Wunderbaren“ – Ist dies seine persönliche Abrechnung mit dem Alkohol, ausgeschenkt an der Wunderbar? Ich verstehe es so. Es zeichnet den Weg eines Menschen auf der Suche nach sich selbst. Nach seinem Kern und seiner Stimme, die sich nur in sich selbst finden lässt. Es ist die eigene Persönlichkeit, die eines Morgens plötzlich als Bewusstsein neben dir erwacht. Als Klaus Hoffmann, den ich sehr mag, seine Stimme fand, sang er: „… wenn ich sing, bin ich mir nah…“ Und ich glaube, er meinte damit nichts anderes als Wecker in seinem Lied. Noch etwas möchte ich bei Klaus Hoffmann bleiben. „Heiliger Tanz“ kommt leichtfüßig daher, wie Hoffmanns Bearbeitung „Ich will Gesang, will Spiel und Tanz… wenn man mich untern Rasen pflügt.“ Nach einem Lied von Jacques Brel.

Zu den nächsten beiden Liedern „ Revolution“ und „Willy 2015“ bleibt mir nicht mehr viel zu sagen außer: JA! Und immer wieder: JA! Und ich wünsche mir, dass viele Menschen seine Lieder hören und verstehen werden und sich am Ungehorsam beteiligen. – Konstantin Weckers CD endet philosophisch und auch etwas melancholisch mit „Gefrorenes Licht“. In der Überzeugung, wie sie Hans-Peter Dürr in zahlreichen Vorlesungen zu erklären versuchte, schrieb Wecker sein Lied – dass die Welt ein Ganzes ist, ein Bündel Energie und jeder mit jedem verbunden ist und jedes Handeln Folgen nach sich zieht und wir endlich die Verantwortung für uns selbst übernehmen müssen. Eine Welt in Liebe und gegenseitigem Zuhören. „Lieber naiv und verträumt als korrupt!“

www.wecker.de

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