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Rezension: Andre Schmidt – Ausnahmsweise zweifelsfrei

ausnahmsweise zweifelsfrei

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von Matthias Binner

Schön, wenn man bei einer deutschen Liedermacherplatte mal sofort die Musik loben muss: Was Andre Schmidt, Dirk Schaadt und Rhani Krija hier mit Akustik-Gitarre, Keyboards und Percussion hingezaubert haben, macht richtig Laune und ist richtig gut. Die Herren können durchaus auch mal reinhalten (in „Mein wunderbares Cordjackett“ lässt Schaadt die Hammond derart von der Leine, dass man nicht von „Schweine-„, sondern mindestens von „Wildschweine-Orgel“ sprechen will) – vor allem aber auch mal die Finger still halten.

Niemand schielt hier auf Originalitätspreise – mit angemessener Ernsthaftigkeit und Expertise schlendert „Ausnahmsweise zweifelsfrei“ von Pop über Latin zu Blues zurück; gelegentlich hinzukommende Posaunen oder Frauenchöre setzen im Vorbeigehen noch das ein oder andere I-Tüpfelchen auf Wolfgang Stachs gekonnten Mix. Ökonomisch, prägnant, kostbar – vorbildlich!

Andre Schmidts Stimme in diese herrliche Sommer-Musik zu integrieren, fiel mir anfangs schwer: Er verfügt nicht über die Eleganz von Bernd Begemann oder Michy Reincke, auch nicht über die skurrile Wucht von Stefan Hiss – muss er aber auch gar nicht; man gewöhnt sich schnell an seinen eigenen, entschieden teutonischen Klang, der ebenso an die genannten Kollegen erinnert wie die an ihn.

Die zehn punktgenauen Titel der CD lassen sich flott am Stück durchhören – nicht alles ist gleich gut gelungen. Der Opener „Taxi“ startet ungelenk an der Grenze zur Stilblüte: „Völlig verloren standst du da / ich hielt gleich an, als ich dich sah / Wer hat dann wen wovon befreit? / Wir fielen seltsam aus der Zeit.“ Hier fällt der Begemann-Vergleich klar zu dessen Gunsten aus: „Eigentlich wollte ich nicht nach Hannover, / doch sie stand am Straßenrand / in ihrer Hand / ein Pappschild mit einem großen `H´ / ich musste halten, als ich sie sah“. Schmidts Text kriegt aber die Kurve: Die Taxifahrt als Metapher für kurze, pragmatisch limitierte menschliche Begegnungen, die dennoch voran helfen – passt schon!

Beim nächsten Titel wäre man schon neugierig, in welchem Jahr denn genau die Indiepop-Mädchen auf dem Schulhof aussahen wie „aus der Reklame“ und den Jungs mit „Britpopscheitel“Tapes von The Smiths“ schenkten – ein munterer Mix aus 80er- und 90er-Klischees, die sich gegenseitig eher unglaubwürdig machen. Die witzigen Keyboards erinnern dazu erst an a-ha, später an den Ententanz – beides nicht so wirklich Indie, geschweige denn „hoffnungslos verrockt„.

Der Titelsong „Ausnahmsweise zweifelsfrei“ ist dann viel besser – ob es für angebetete Damen immer so wahnsinnig dankbar ist, wenn „ein Zauderer, / planloser Plauderer, / der oft die Entscheidung scheut“ sich als „ein Hoffender, / von dir Besoffener“ outet, mögen die Betroffenen beurteilen – toll gedichtet ist es in jedem Fall.

Und dann folgen die Album-Highlights: Wie Schmidt sich zu lässigem Hammond-Swing, Hammondorgel, Frauenchören und Fingerknipsen als „Virtuose der Tomatensoße“ tituliert, hat große Klasse. Man verleihe dem Mann dafür die silberne Van Morrison-Medaille am Bande. „Brasilianisch“ ist nicht schlechter: Mit einem imaginären Caipirinha in der Hand raunzt Schmidt zu Bossa-Gitarre und Posaune aus dem Liegestuhl den Strandkickern „Tanz den Pierre Littbarski!“ zu – recht so!

Dagegen verblasst die heranschmeißerische Bum-Bum-Becker-Hommage „Boris, weißt du noch?“ spürbar. Beim erwähnten „Cordjackett“ wird mir nicht klar, ob der in immergleicher Intellektuellen-Verkleidung auftretende Ich-Erzähler bewundert oder belächelt werden möchte; in „Ich muss dein Leben ändern“ hingegen wird ein Wichtigtuer und Besserwisser (sprechen wir´s aus: Peter Sloterdijk) doch arg wohlfeil und eindeutig vorgeführt. Aber geschenkt – zwei hinreißende Balladen zum Album-Ende gleichen derlei mehr als aus: Über die Melancholie des Monats „September“ haben schon viele Lieder geschrieben, niemand allerdings reimte dabei „schmalere Tage“ auf „Großwetterlage“. Ergreifend!

Und das Beste zum Schluss: Zum nackten, seelenvollen Blues-Klavier sinniert Schmidt über ein Kindheitsfoto und tröstet den darauf zu sehenden Jungen: „Du wirst dein Scheitern überstehen, lieber jemand, der mir glich / Die besten Wünsche An mein altes Ich.“ Ein wunderbares Lied, ein starker Schluss einer schönen Platte!

www.andreschmidt.net

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