Ein Achtel Lorbeerblatt

Das Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunstmagazin

adriAkustik 2015 – Ein Rückblick

Fabia Widmann1

von Bernd Pakosch

Worauf willst du warten? Bewege dich und gehe es an. Ich weiß schon lange, dass es noch mehr geben muss, als Job und Kohle verdienen. Ich habe mich aufgemacht, eine sichere Existenz hinter mir gelassen und bin gesprungen. Ich bin 57.

Ich will jetzt: in, mit und wenn möglich durch Musik leben und Liedermacher sein. Eine Entscheidung. Ein Schnitt. Abenteuerlich und blauäugig? Mag sein. Aber ich war schon immer ein Träumer mit wenig Sinn für Zahlen. Ich habe mich auf Internetseiten umgeschaut und belesen und mich dann am 18.05. 2015 beim „adriAkustik 2015“ Festival angemeldet. Mein erstes Festival. Die Bedingungen las ich sehr genau und mehrmals durch. Einiges wirkte doch sehr schräg und befremdlich. Ich las: „Der Liedermacherniedermacher Walter Stehling, dessen Aufgabe es ist, die Veranstaltungen mit boshaften und verspottenden Sprüchen „lustig“ zu gestalten. Über Leute, die in Deutzen einmal im Jahr die Kuh fliegen lassen und Party halten.“ Oder wie Götz Widmann es ausdrückt: „Ich kenne keinen Event, bei dem ich so viel lache wie in Deutzen… das Salz in der Suppe sind die Spinner… es geht um den Freakfaktor.“ Für mich waren und sind Liedermacher Sänger mit aussagekräftigen Texten und eher in ernsten Angelegenheiten unterwegs. ABER – in Deutzen darf jeder! Ohne Altersbeschränkung und ohne großen Namen. Also auch ich!

Von dem Tag an, als ich mich für das Festival angemeldet hatte, fühlte ich mich oft unbehaglich in meiner Haut. Doch die Entscheidung war gefallen. The point of no return. Ich habe jeden Tag meine Lieder geübt – neue ausgewählt – und geprobt. Da ich die Bedingungen auf der Bühne nicht kannte, habe ich mir einen Gurt für die Gitarre gebastelt – dessen Haken man ins Schallloch der Gitarre einhängen kann – und geprobt, im Stehen zu spielen und zu singen. Täglich.

Am Donnerstag, 25. Juni ging es dann los. Termin: 20:00 Uhr „Offene Bühne“. Man kann ja nie wissen… und da ich den Park nicht kannte – „auf dem Grillplatz“ – und auch nicht die Parkplatzsituation – und überhaupt! Der Ort war mit Plakaten und Pfeilen markiert und der Weg gut erklärt. Auto abgestellt – Gitarre geschultert – Flasche Wasser in der Hand. Es war alles leicht zu finden – so war ich also 17:00 Uhr vor Ort.

Die Techniker/innen bauten gerade ganz entspannt die Anlage auf. Nachdem ich von ihnen erfahren hatte, dass ich hier richtig war, saß ich da, etwas abseits auf einer Bank, mit meiner Wasserflasche und wartete. Ich fragte zwischendurch den Techniker, der mit einem Tablet-PC die Anlage prüfte, nach Anmeldung und Ablauf, aber er konnte mir nicht wirklich helfen. „Eine Reihenfolge oder so gibt es nicht, die Leute – die spielen wollen – stellen sich rechts an der Bühne auf und meist wird das sehr lustig.“ – Aha. Irgendwann wurde ein Sofa auf die Bühne getragen und Götz Widmann und Walter Stehling betraten dieselbe. Inzwischen war es 21:00 Uhr und ich saß immer noch allein und auch etwas verloren auf meiner Bank mit der Wasserflasche in der Hand. Es fühlte sich alles andere als gut oder richtig an.

„Wir beginnen mit Andrea Eberl“, sagte plötzlich der Liedermacherniedermacher und mir wurde klar, dass es da also doch eine Reihenfolge oder zumindest Absprachen gegeben haben musste. Und warum weiß ich nichts davon? Der Abend wurde kühl. Ich holte mir meine Jacke aus dem Auto. Ich hatte in der Zwischenzeit mitbekommen, dass auf den Bänken der ersten Reihe die Leute mit ihren Gitarren saßen – ich nahm meine Gitarre, packte sie aus und setzte mich endlich auch dazu – zu den Leuten, die spielen wollten. Durch die Anspannung, Kälte und Aufregung konnte ich mich leider nicht auf die Darbietungen auf der Bühne konzentrieren – schon schade. Ein junger Mann saß neben mir – wie ich später erfuhr, der musikalische Begleiter von Sarah Naiva – und sagte: „Wenn du spielen willst, musst du dich schon da oben auf der Bühne mit reindrängeln, auch wenn das nicht angenehm ist – eine andere Möglichkeit gibt es nicht.“

Irgendwann, im Laufe des Abends, stand ich dann vor dem Mikrofonständer und einer der Techniker versuchte meine Gitarre, die kein System zur Abnahme über Kabel hat, über zwei Mikrofone zum Klingen zu bringen. Ich war inzwischen völlig durchgefroren, innerlich verkrampft und überdreht. Mir war noch nicht recht klar, wie ich mit meinen steifen Fingern, die ich wechselseitig in den Hosentaschen zu wärmen versuchte, überhaupt Gitarre spielen wollte. Es war inzwischen 23:00 Uhr. Ich spielte meine beiden vorbereiteten Lieder, verließ die Bühne, packte die Gitarre in die Hülle und begab mich zum Auto. Ich brauchte die gesamte Zeit bis Leipzig, ehe ich wieder einigermaßen aufgewärmt war.

Freitag war der erste Tag mit vollem Programm. Jetzt würden auch alle anderen Künstler angereist sein. Und ich nahm mir vor, diesmal alles besser zu machen. Laut Internetseite sollte es 14:00 Uhr im Hängemattenhotel noch eine kleine offene Bühne geben. Ich machte mich also auf den Weg und war gegen 13:00 Uhr vor Ort. Ein Techniker war gerade dabei die Boxen für die kleine Bühne aufzubauen. Er sah mich erstaunt an, als ich ihn nach dem Beginn befragte und sagte mir, dass er die Info: ab 15:00 Uhr hätte.

Fabia Widmann2So gegen 16:00 Uhr ging es dann langsam los. Für diese kleine Bühne waren nicht Walter und Götz verantwortlich. Das lief alles etwas stiefmütterlich in Eigenregie eines jungen Mannes. Extra chic gemacht, in einen Anzug gesprungen, gab er den Showmaster des Nachmittags. Um Publikum anzulocken lief böhmische Blasmusik von der Konserve. Es war kein Techniker zugegen, der ihm hätte helfen können und auf der Bühne stand nur ein Gesangsmikro. Aber da in jeder ausweglosen Situation auch immer eine Chance liegt, kam ich mit einem jungen Liedermacher ins Gespräch, der auch auf Nylonsaiten spielte und sich bereiterklärte, mir seine Gitarre, die über Kabel zu verstärken war, für den Auftritt zu borgen. Ich hatte am Vormittag geprobt und meine Lieder für den Nachmittag und den Abend im Kopf.

Ich war jetzt auch etwas entspannter und konnte den anderen Kollegen zuhören. Einige waren auch echt lustig oder bestachen mit spannenden Texten, poetischen Bildern und Ideen. Andere wieder schräg und durchgeknallt und dennoch intelligent. Aber was auffiel: fast jeder hatte eine oder auch mehrere Bierflaschen bei sich und war dabei, sich eine Tüte zu drehen oder sie weiterzureichen. In dieser Welt kenne ich mich nun gar nicht aus. Aber ich spielte meine drei Lieder und das Publikum chillte in den Hängematten unter grünen Bäumen oder hörte zu. Ich kam im Laufe des Nachmittags mit Walter Stehling ins Gespräch, dem meine Lieder vom Vorabend gefallen hatten – wie er sagte – und bat ihn, mich auf seine Liste zu setzen. Das wollte er auch gern tun, aber auch er schien dem Alkohol und anderen Party-Accessoires nicht abgeneigt zu sein.

Wieder wurde am Abend das Sofa auf die Bühne getragen. Es waren bedeutend mehr Künstler und Gitarren auf dem Grillplatz unterwegs als am Vorabend. Ich wähnte mich sicher auf der Liste des Liedermacherniedermachers und hörte fast entspannt den Darbietungen auf der Bühne zu. „ernstgemeint“, ein sehr lustiges und wortgewandtes Trio ist mir in Erinnerung geblieben. Oder auch: „Kalter Kaffee“, ein Duo aus Erfurt mit kabarettistischen Liedern. Ich hatte am Nachmittag auch mit Götz Widmann gesprochen, und er hatte mir für den Abend seine Gitarre angeboten: wäre auch leichter für die Technik. Sehr lieb von ihm. Hat schon etwas von einem kleinen Woodstock-Festival – wie eine große Familie.

Fabia Widmann3Der Abend war nicht so kalt, aber es wurde immer später und an der anderen Seite der Bühne stellten sich schon die Liedermacher mit ihren Gitarren auf. Die Bühne selbst und das auf ihr befindliche Sofa wurden auch immer voller. Viele lümmelten sich auf den Lehnen, dahinter, daneben, auf der Bank – die eigentlich für die auftretenden Künstler bereitgestellt war – trinkend und rauchend. Und auch einige von denen, welche ihren Auftritt schon hinter sich hatten, machten keine Anstalten, die Bühne zu verlassen. Es war ein buntes Treiben.

Ich hatte mich inzwischen zu den anderen Wartenden gesellt. Leute kletterten auf die Bühne, man umarmte sich, brachte neues Bier mit, drehte Tüten, lachte und unterhielt sich, und alles während andere Künstler ihren Auftritt hatten. Die Schlange der wartenden Barden schien sich kaum zu bewegen. Immer schoben sich andere dazwischen oder wurden auf die Bühne gerufen.

Walter hatte mich ganz einfach vergessen – wie er mir sagte. Was soll‘s. Also warten.

So gegen 1:00 Uhr kam eine junge Frau auf mich zu und sagte: „Ich bewundere dich, wie du hier so standhaft wartest und aushältst. Gestern durchgefroren, und heute wird es noch später.“ Und ich dachte nur: die anderen warten doch auch. Gegen 2:15 Uhr hatte ich dann meinen Auftritt, aber auf der Bühne war inzwischen die Party im vollen Gange und der Lärmpegel so hoch, dass es eine große Herausforderung war zu singen. Aber ich hatte ja die Herausforderung gesucht und: was mich nicht umbringt, macht mich stark! Ich weiß nicht, wie meine Lieder klangen, verstanden wurden oder ankamen. Ich verließ die Bühne, sprach mit niemandem und begab mich auf den Heimweg. 3:00 Uhr lag ich in meinem Gästebett und versuchte zu schlafen.

Samstag. Ich nahm mir vor, nur die offene Bühne am Abend mitzumachen. Ich kannte nun schon einige Kollegen, unterhielt mich über Texte und Auftrittsmöglichkeiten und Götz versprach mir für den letzten Abend wieder seine Gitarre. Schön. Doch bevor es zur Abendvorstellung ging, gab‘s noch eine Liedermacher-Liga. Tja, was war das jetzt wieder? Muss an mir vorbeigegangen sein, hab ich total verpeilt. Es gab ein Thema: „Der Tag danach“, ca. zehn Liedermacher hatten sich dafür beworben und stellten jetzt ihre Versionen zum Thema vor.

Ich weiß auch nicht recht. Was ich da zu hören bekam handelte meist von: völlig besoffen, wer ist der Mensch da neben mir im Bett?, schnell ein Bier auf den Schreck, ein vollgekackter Kühlschrank, ein Penis im Gesicht, Schleimspuren auf dem Flur usw. Bis auf ein Lied war eigentlich alles Schrott. Totte (oder Totti?), ich weiß nicht so genau, war der einzige – für mich – , der sich wirklich Gedanken um das Thema gemacht hatte und ein Lied über ein Bild von Edvard Munch vortrug. Es erzählte von einer Frau mit aufgeknöpfter Bluse und Kratzspuren auf der Brust – ich weiß nicht, ob es ein solches Bild von Munch gibt, aber das Lied endete mit der Pointe, dass dieses Bild nicht so bekannt sei wie: „Der Schrei“. Walter verlas die Entscheidung der Jury, und was er da sagte, entsprach voll meiner Meinung. Totte – oder Totti – bekam den ersten Preis, die „Goldene Pulle“.

Nachdem das vorbei war, stellte ich mich gleich an der Bühne in Position. Walter sah mich und begann seine Moderation mit: und wir eröffnen die offene Bühne mit Bernd aus Meißen. Alle waren noch aufnahmefähig, das Wetter spielte mit und in meinen Händen die Gitarre von Götz. Als ich später auf dem Weg zum Auto war, kam mir ein junger, interessant aussehender Mann entgegen. „Hat mir gut gefallen, was du so gemacht hast“, sagte er. Ich bedankte mich und fragte ihn, was er denn hier mache, da ich ihn nie auf einer Bühne gesehen hätte. „Ich habe einen Kulturhof in der Nähe von Leipzig“, sagte er, „und würde dich gern mal dahin einladen. Ich finde die Mischung der Generationen, so jung und alt zusammen, sehr wichtig.“ Er gab mir seine Karte und verabschiedete sich. Mir wurde erst später auf der Fahrt nach Hause klar, was das alles bedeutet.

Der Alte bin ja ich! Und wenn ich an die junge Frau denke, die mich für mein Ausharren bewundert hat… – Ja klar, die anderen warteten auch in der Schlange, aber die anderen waren auch zwanzig Jahre jünger als ich. Wenn nicht mehr!

Ich bin Teil dieser Welt. Die Welt ist ein Ganzes; und alles ist was es ist. Ich bin eine Farbe im Regenbogen, Wassertropfen im Meer; und ein Sänger. Ein schräger Vogel unter anderen schrägen Vögeln. Und vielleicht 2016 wieder mit dabei.

www.adriakustik.de

Fotos: (co) fotoloca –  Fabia Widmann / Mehr Fotos vom Festival: HIER.

 

2 Kommentare zu “adriAkustik 2015 – Ein Rückblick

  1. Konrad
    11. Juli 2015

    Hallo Bernd!
    ich habe dich auch auf dem AdriAkustik gesehen und fand das was du gespielt hast sehr gut. Ist halt was zu zuhören, weniger zum mitgrölen. Dennoch haben mir alle deine Auftritte sehr gefallen.
    Was mir gerade beim lesen sehr aufgefallen ist das du in allem was du schreibst eine gewisse Grundstimmung hast. Kann ich dir nicht genau erklären ist aber sehr angenehm für Auge und Ohr. Weiter so!

    • bernd pakosch
      11. Juli 2015

      hallo konrad, danke für die lieben worte…hast du mal ein bild für mich, ich würde dich gern zuordnen…freue mich über jeden kontakt, b.

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