Ein Achtel Lorbeerblatt

Das Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunstmagazin

Rezension: Positano – Lass es scheinen

positano lass es scheinen

von Marie Schwind

Eines muss man den Jungs von Positano lassen: Ihre neueste und somit vierte gemeinsame CD zeichnet sich dadurch aus, dass sie eine große Nähe zum Zuhörer aufbaut. Bereits der erste Titel ihres Albums „Lass es scheinen“ (erschienen 2014 auf dem hauseigenen Label Posiversum Records) schafft alle Barrieren ab. Ganz reduziert auf das Wesentliche – in diesem Fall Gitarre und zweistimmigen, gut harmonierenden Gesang – beginnt das Stück „Immer wenn“, das sich recht schnell in eine an Jack Johnson erinnernde groovige Nummer entwickelt, bei der man gerne mit den Füßen wippt. Dem Song wohnt eine gewisse Leichtigkeit inne, die man auch in so manch anderen Liedern auf der CD wiederfindet.

Wenn man dieses Album hört, so kommt es einem vor, als säße man den beiden Sängern aus Bonn direkt gegenüber, zum Beispiel bei einem Wohnzimmerkonzert. Ihre Texte sind sehr direkt und sie haben keine Scheu vor Seitenhieben in alle Richtungen, wie etwa in ihrem FDP-Gassenhauer „Liberallala“, mit dem sie über die Wandlung dieser Partei und diverse Klischees herziehen. Auf die Spitze treiben sie das Ganze in diesem Stück durch das Einbauen der Volkslieder „Die Vogelhochzeit“, „Im Frühtau zu Berge“ und „Kein schöner Land“. Zum Schluss setzt der ganze Chor im Wohnzimmer mit ein und singt gemeinsam das „Liberallala“, was der Feierlichkeit der Häme ihre Krone aufsetzt. Und der Zuhörer? Sitzt in seinem eigenen Wohnzimmer und singt mit und grinst breit! Weil er gar nicht anders kann!

Doch wer jetzt denkt, dass das seit 2003 aktive Duo seine Texte ausschließlich mit einem Augenzwinkern verfasst, der täuscht sich. Berührend ist beispielsweise der ruhige Titel „Enten füttern“, in dem Positano die Gedanken eines Vaters aussprechen, der sein Kind nur noch selten sieht, da es bei der Mutter wohnt. Die beiden Musiker bringen dabei die ganze Tragik solcher Beziehungen auf den Punkt: „Deine Mutter spricht mit mir nur noch über Geld doch du sagst ich sei der beste Vater auf der Welt. Ich wünscht‘, dass es so wär. Doch eigentlich bin ich nur Gast, schau ab und zu mal übern Zaun. Ich habe schon so viel verpasst, bin Gratulant und Pausenclown.“ Untermalt wird der zweistimmige Gesang hierbei erneut von sehr einfühlsamen Gitarrenklängen.

Nicht nur in den politisch angehauchten Stücken wird deutlich, wie genau die Interpreten ihre Umgebung und somit auch die Gesellschaft beobachten. So zeichnen sie mit dem Titel „i Fon“ ein vielsagendes Portrait einer ganz normalen Beziehung im Jahr 2015, die durch die Nutzung von modernen Kommunikationsgeräten mitunter auf eine harte Probe gestellt wird. Der Mann wird nicht mehr beachtet, seit die Frau ihr Smartphone hat. Das ändert sich erst, als er ein Macbook besitzt. „Seit ich mein MacBook hab gibt’s wieder Geschlechtsverkehr! Seit ich mein MacBook hab, bin ich wieder wer!“ Unterstützend werden Instrumente aus dem kleinen Schlagwerk eingebaut.

Wunderbar stimmungsvoll ist auch das Stück „Lieblingsbar“, in dem sich Positano endgültig als meine persönliche „Band von nebenan“ herauskristallisieren. In diesem Stück besingen sie die selbige mit einer leicht verkaterten Grundhaltung der Stammgäste. Sofort schießen dem Zuhörer Bilder von den potentiellen Besuchern sowie von deren regelmäßigen Trinkzeremonien in den Kopf. Ein weiterer Gemütlichkeitsfaktor ist der Chor, der zum Schluss in der Bar einsetzt, so als ob nun gemeinsam der allerletzte Abend dort zelebriert werden würde. Man sieht Menschen, die sich in den Armen liegen und aus vollstem Halse gemeinsam singen. Kann es denn etwas Schöneres geben?!

Fazit: Dieses Album ist thematisch und textlich recht vielseitig. Einige der Stücke haben einen regelrechten Ohrwurmcharakter. Die beiden Stimmen der Sänger harmonieren gut miteinander. Dabei lässt einen die Atmosphäre der CD recht einfach darüber hinwegsehen und -hören, dass nicht immer alle Töne sauber gesungen sind. Eine klare Empfehlung für Freunde von Künstlern wie etwa Simon und Jan.

www.posiversum.de

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