Ein Achtel Lorbeerblatt

Das Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunstmagazin

Rezension: Wenzel – Sterne glühn

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Die aktuellen Songs von Wenzel – und viele weitere Neuerscheinungen und Klassiker – hören Sie im Lorbeerfunk, unserem Radiosender rund um Liedermacher & Chansonniers. Zum EAL-Radio HIER entlang

von Bernd Pakosch

Wenzel, Jahrgang 55, wollte eigentlich Maler werden. Er studierte an der Humboldt-Universität in Berlin Kulturwissenschaften. Er war Mitbegründer des Liedtheaters „Karls Enkel“ – einer Bühne für die künstlerische und philosophische Auseinandersetzung mit den Fragen der Zeit. 1986 erschien seine erste Langspielplatte bei Amiga „Stirb mit mir ein Stück“, die auch für mich eine Entdeckung war. Seitdem bewegt er sich musikalisch zwischen Volkslied und Klezmer, Chanson und Polka, oder anders ausgedrückt: er bedient sich der unerschöpflichen Farbpalette „Weltmusik“.

So wie seine Musik ist er selbst der ewige Weltenbummler und unruhige Geist, der von all seinen Reisen, z.B. nach Spanien, Nicaragua und zuletzt Kuba voller Ideen und Anregungen für neue Lieder im Gepäck zurückkam.

Sterne glühn“ ist nicht Wenzels erstes Album mit „Fremdtexten“. Er vertonte Verse von Theodor Kramer, Christoph Hein, Woody Guthrie – zu dem er eine besondere Nähe verspürt – und als neustes Projekt: „Sterne glühn“, Texte von Johannes R. Becher. Wenzel vertont diese Gedichte, zerkaut und singt sie, lässt sich auf die Bilder der Poeten-Kollegen ein, bis es sich anfühlt, als kämen alle Worte von ihm selbst. Mit seiner gut eingespielten Band gelingt es ihm zärtliche, traurige, bissige und auch anklagende musikalische Bilder zu malen, wie er sie vielleicht schon als Kind, zwischen der Staffelei seines Vaters und den Langspielplatten mit Brecht-Liedern, gerochen und erahnt zu haben scheint.

Für viele ist Johannes R. Becher nur der Dichter der DDR-Nationalhymne. Doch war Becher auch ein Getriebener seiner Zeit – ein Drogenabhängiger, ein Mitläufer und unsicherer Zeitgenosse, der oft ohne seine Gönner und einflussreichen Freunde nicht überlebt hätte, um es dann in der DDR bis zum Kulturminister zu bringen. Ein Kulturpolitiker, zerrieben zwischen den Fronten des kalten Krieges und zugleich Schöpfer expressionistischer Lyrik.

Sterne glühn, der Opener und zugleich Titel des neusten Wenzel-Albums rattert daher wie ein alter Dampfzug. Wir sitzen am Fenster und beschauen die Landschaft. Schiffe am Horizont und das Meer bis zum Leuchtturm, sehen in fremde Gesichter und spüren Takt für Takt die Schienenstöße.

Kino ist eine Collage aus skurrilen Bildern, die mich an Kreisler erinnert. Zusammengeklaubte Filmschnipsel „… Kurt starb an jenem Apfelsinenkern“. Dann geht es mit Drehorgeln in die Hinterhöfe. Graue, dunkle Hinterhöfe, in die keine Sonne scheint und wo die Menschen dahinvegetieren. Sie schauen aus den Fenstern, wenn der Drehorgelmann singt und Farbe ins Dunkel bringt, bis die Häuser tanzen und die Bäume blühen. Vertraute Gegend erscheint mir wie eine tiefe Sehnsucht nach Geborgenheit, Familie und Zufriedenheit. Es beschreibt eine Idylle ohne kitschig zu werden. Der Text von Barbarenzug hat nichts von seiner Aktualität verloren, obwohl es fast hundert Jahre her ist, dass er aufgeschrieben wurde. Es geht um Kasernendrill und Krieg, um blinden Gehorsam und Unterdrückung fremder, andersartiger Kulturen. Es geht immer um die Liebe, oder um das Fehlen der Liebe. Wie in Vielleicht – ein Traum ein Zukunftsbild. In diesem kleinen, zerbrechlichen Liebeslied liegt für mich Wenzels Stärke. Es klingt, als bräuchte es nur ein altes Piano in einer verstaubten Kneipenecke um es zu spielen und zu singen. Im nächsten Lied geht es schon sehr gesellschaftskritisch zur Sache, wenn es heißt: „Gerüchte aber schwirren, die Wahrheit wird verschwiegen, die Herzen sich verwirren, so hoch sind wir gestiegen…“ Nicht jede Errungenschaft ist auch ein Segen für die Menschheit. Turm von Babel.

Was wie ein Herbstlied beginnt, entwickelt sich zum Gleichnis und wird zur Lebensweisheit. Die Vorzüge und Nachteile von Licht und Dunkel werde gegenübergestellt. „Im Dunkel sind die Spiegel blind… lasst uns dem Licht vertrauen, bis wir der Wahrheit Spiegel sind.“ Es wird schon dunkel.

Ich habe einige Lieder übersprungen. Nicht alle Texte sprechen mich an und nicht alle Umsetzungen berühren mich. Dafür hat Wenzel ein sehr gutes Gespür für das Ende seines Albums bewiesen. Der Sommer summt, hält mich tief gefangen – textlich, wie musikalisch – und macht Lust, das Album noch einmal von Anfang an zu hören.

Alles Gute zum sechzigsten Geburtstag und noch viel Spaß und Energie für kommende Alben und Konzerte!

www.wenzel-im-netz.de

Ein Kommentar zu “Rezension: Wenzel – Sterne glühn

  1. Jürgen Faas
    11. September 2015

    Aus meiner Sicht ist unbedingt „Abschied“ noch zu erwähnen, ein brennend aktueller Text, von Wenzel packend umgesetzt.
    Jürgen

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 31. Juli 2015 von in 2015, Plattenbesprechungen, Uncategorized, Wenzel und getaggt mit , , , , .
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