Ein Achtel Lorbeerblatt

Das Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunstmagazin

Rezension: Dominik Plangger – trans\alplantisch (VÖ 4.9.2015)

transalplantisch-logo

von Bernd Pakosch

Ich mag Alben, die mich vom ersten Ton an gefangen nehmen und mich, ohne überhaupt eine Textzeile verstanden zu haben, in einen Gefühlsstrudel hineinziehen. Mein erster Gedanke bei „trans\alplantisch“ von Dominik Plangger ging an John Denver, der bei „Calypso“ jodelt, als lebe er auf der Alm. Gefühle lassen sich nur schwer mit Worten ausdrücken. Plangger singt seine Lieder mit erdiger und warmer Stimme, aus einer Seele angefüllt mit Tiroler Volksliedern, Blues, Fado, Countrymusik und ganz viel Melancholie und Gefühl. Neben all diesen Zutaten handgemachter, bodenständiger und ehrlicher Musik ist seine CD akustisch, auf das Wesentliche reduziert und perfekt aufgenommen und abgemischt.

Domols erzählt von seiner Kindheit, als alles noch so groß und spannend war –     der Himmel voller Sterne – stille, reine Natur und ein singender Schäfer mit seiner Herde. Jetzt sitzt er hier ganz allein und ist gefangen in seiner eigenen Vergangenheit. Wo immer ich auch bin – eine deutsche Übertragung des „Blues run the game“ von Jackson C. Frank – zeigt, dass es keine Rolle spielt, in welcher Stadt man sich aufhält. Jeder Ort bleibt fremd, weil du fehlst. Es treibt ihn durch die Welt, doch kann er die Last, die er trägt, nirgends ablegen. Kein Wein vermag seine Sehnsucht zu stillen. Dennoch endet dieses Lied optimistisch und er erkennt: „Ob du mir nah bist oder nicht, ich sing‘ für dich.Weltverdruss ist ein altes Volkslied. Ich musste sofort an Hans Moser und seine Reblaus denken, weshalb ich anfangs so meine Probleme damit hatte. War das ernst gemeint oder doch Ironie? Aber es rührte mich in seiner Ehrlichkeit an und ließ mich schmunzeln und mitsingen. Musik stellt immer – falls man zuhört – eine Verbindung zwischen Sender und Empfänger her. Darum war ich sehr dankbar für dieses Gefühl, welches mich trifft und betrifft.

Heimatland ist eine klare politische Position zu seinem Land und richtet sich an unsere Welt als Ganzes. Es gibt keinen Grund ein Land zu lieben, welches sich für den Mittelpunkt der Welt hält und glaubt, seine Kultur und Ordnung wäre die einzig Richtige: „… ich wär‘ so gerne stolz auf dich… du unbarmherzig stures Heimatland.

Und wieder ein Lied voller Gefühl und Schmerz. Eine Übertragung des wunderbaren Songs „Gone away from me“ aus dem Album „Till the sun turns black“ von Ray LaMontagne. Vielleicht war ja der beeindruckende Bläsersatz des Originals der Auslöser, dieses Lied singen zu wollen. Bei Plangger heißt es: Fort von mir – und es hat keinen Bläsersatz. Dafür aber wartet es mit einer gefühlvollen Pedal-Steel auf und Claudia Fenzel lässt die Geige so wunderbar weinen, dass unweigerlich die Sehnsucht aufkommt, in Selbstmitleid zu ertrinken. Leiden kann auch schön sein! Aber wir kennen diese Gefühle und wissen auch, dass es wieder bergauf geht.

So heißt es in Es ist nur die Nacht: „… wenn das Licht in deinen Augen wieder scheint und dein Mund wieder lacht… dann war’s nur die Nacht.“ Ich liebe den Regenbogen. Ich mag alle Farben und obwohl oder gerade weil ich diese Melancholie sehr mag, freue ich mich jedes Jahr ganz besonders auf den Frühling. Endlich wird es Sommer, heißt es im folgenden Lied. Nicht ohne Grund sagt der Volksmund: „Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt“. Doch mir ist diese heile Welt mit schönem Wetter und der ewigen Liebe schon etwas zu viel und ich frage mich, ist „… dass ich bei dir bleib‘ bis mein letzter Tag gezählt…“, nun ein Versprechen oder eine Drohung?

Und dann ist es auch schon wieder Herbst. Voller Optimismus packt er seine Sachen und zieht, alles hinter sich lassend, in die weite Welt – denn: Irgendwo isch irgendwer und der andere ist vielleicht auch gerade allein und der gute alte Mond begleitet ihn auf seinem Weg. Amara terra mia: Ich verstehe kaum ein Wort. Es geht um Liebe, um Straßen, endloser Himmel und um Abschied von der schönen, bitteren Erde. Vielleicht auch bitter von Tränen? Ich hätte wohl schon früher erwähnen sollen, dass Plangger aus Südtirol kommt und neben Deutsch und „Südtirolisch“ auch Italienisch spricht. Ich verstehe es nicht, aber ich empfinde es. Und Plangger singt es so traurig und stolz, dass ich das „Zigeunerlager in den Himmel ziehen“ sehen kann. Ein sehr schönes Lied. Im Original geschrieben und gesungen von Domenico Modugno.

Langsam schließt sich der Kreis. Wir kommen zur Besinnung und auf uns selbst zurück. Wir lernen, uns und unsere Probleme nicht mehr so wichtig zu nehmen, sehen uns als ein Teil von vielen, als ein Tropferl im Meer. Hier singt Plangger ein Lied von Konstantin Wecker, der mehr als ein Freund und Kollege zu sein scheint. Dieses Wissen um die eigene Vergänglichkeit und Nichtigkeit macht uns wieder stark und sicher – zum Beschützer. Lässt uns Nähe und Entfernung begreifen und ermöglicht es uns, Liebe und Verständnis weiterzugeben. Schlaf mein Kind.

Lieber Dominik, ich wünsche mir auch so einen Stubentisch, wo ich bei einem Glas Wein und mit guten Freunden so tolle Aufnahmen hinbekommen kann.

www.dominikplangger.com

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