Ein Achtel Lorbeerblatt

Das Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunstmagazin

Rezension: Tempi Passati – 14 Manöver des letzten Augenblicks

14manoever

von Lena Lehmann

Was erwartet man von einem Album, das „14 Manöver des letzten Augenblicks“ heißt? Zumindest macht dieser Titel wohl zunächst neugierig. Als erstes lese ich den Wikipedia-Eintrag zum Thema ‚Manöver des letzten Augenblicks‘, lese von Schifffahrt, Kollisionsvermeidungsrichtlinien, Kurshaltern und Ausweichpflichtigen. Und davon, dass es darum geht, so zu manövrieren, dass es nicht zur Kollision kommt. Dann stelle ich fest, dass dieses Album 14 Titel umfasst und somit wird zumindest klar, dass mit den 14 Manövern des letzten Augenblicks also die Lieder selbst gemeint sind. So weit, so gut.

Die ersten Lieder erinnern mich sofort an Nils Koppruchs geniale Band Fink, mit ihrem country‘esquen Folkpop-Sound, ihrer Instrumentierung, ihrem teilweise schon treibenden Rhythmus. Doch schon mit dem vierten Lied wandelt sich das Bild: Der „Großstadtlandluftgroove“ klingt nach feinstem Folk-Punk à la The Pogues, es folgen Stücke im TexMex-Gewand [Go Papi Go; Haufen auf dem Weg], im spanischen Flamencokleid [pipistrello; Ein Jahr] oder mit Cowboyhut auf dem Kopf und Chaps an den Beinen [Tabu]. Americana mit deutschen Texten könnte man es nennen, oder auch „Die bessere deutsche Volksmusik“, wie die Leipziger Volkszeitung (LVZ) sie einst betitelte. Und doch reicht die Bandbreite der hörbaren musikalischen Einflüsse wesentlich über solche Begriffe hinaus.

Schon beim ersten Hören, und beim zweiten und dritten erst recht, drängen sich mir Begriffe wie lebendig, vielschichtig und abwechslungsreich auf. Tempi Passati arbeiteten auch bei der Produktion ihres nunmehr dritten Albums mit diversen Gastmusikern zusammen, unter anderem der Sängerin Diana Labrenz, welche die Band schon seit längerer Zeit regelmäßig unterstützt, Andreas Uhlmann an Trompete und Posaune und Semjon Barlas an einer zweiten Trompete. Weitere Gastmusiker wirkten mit als Backgroundsänger, Percussionisten, Cellisten, Gitarristen, Schlagzeuger oder Pianisten. Natürlich zusätzlich zur eigentlichen Bandbesetzung aus Gesang und Gitarre (Raik Hessel und Christoph Bley), Bass (André Heyer), Akkordeon (Johannes Uhlmann) und Schlagzeug (Andreas Schneider). Die Instrumente sind in allen Stücken hervorragend aufeinander abgestimmt und bilden stets eine absolute Einheit. Da ist es nur logisch, dass vier Lieder vollkommen instrumental gehalten sind [Go Papi Go; Uckermark; pipistrello; Ein Tag Reprise].

Ein kleiner Wermutstropfen ist, dass der Gesang, und damit auch die Texte, an einigen Stellen etwas untergehen und man sich beim Hören oftmals konzentrieren muss, um alles zu verstehen. Das ist natürlich bei einer deutschsprachigen Band sehr schade, liegt doch der Vorteil der eigenen Muttersprache vor allem darin, dass man als Hörer sofort und ohne Anstrengung einen direkten Zugang zum Inhalt hat. Und an Inhalt mangelt es den Texten sicherlich nicht – sie handeln zwar oft von Alltäglichem, sind dabei aber keinesfalls trivial oder plakativ. Im Gespräch mit der LVZ sagte Bandleader und Songwriter Raik Hessel, nachdem er seine Bewunderung für Schreiber wie Nils Koppruch zum Ausdruck brachte: „Ein Literat bin ich echt nicht.“ Das mag soweit stimmen – dennoch kommen seine Texte sehr gut ohne literarische Schnörkel aus, zeigen viel Tiefgang und sind dabei in ihrer Schlichtheit sehr direkt und sehr stimmig. Dazu kommt der zwar nur sehr dezente, aber doch leicht hörbare und unheimlich sympathische sächsische Einschlag in Hessels Gesang, mit dem ich mich als Leipzigerin auf Anhieb wohlgefühlt habe.

14 Manöver des letzten Augenblicks“ haben sich schlussendlich also als 14 wunderbare, eingängige, vielseitige Lieder erwiesen, die keinesfalls den Eindruck einer knapp bevorstehenden Kollision vermitteln. Dieses Album ist definitiv hörens- und empfehlenswert und wird auch Nicht-Countryfans problemlos in seinen Bann ziehen.

www.tempi-passati.com

Ein Kommentar zu “Rezension: Tempi Passati – 14 Manöver des letzten Augenblicks

  1. Maccabros
    4. September 2015

    bisher unbekannt – werde mal reinhören – Danke für den Tipp…

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