Ein Achtel Lorbeerblatt

Das Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunstmagazin

Das große EAL-PingPong-Gespräch. Diesmal mit: Marian Meyer

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Aus der Schar junger Liedermacher hervorzustechen, nein, das ist wahrlich kein leichtes Unterfangen mehr. Und doch ist es Marian Meyer bereits gelungen. Denn der Braunschweiger ist mit seinem dieser Tage erscheinenden Debütalbum „Ich möchte heim“ beim AHUGA-Label von Götz Widmann untergekommen. Und fällt gerade dort, zwischen den sprachlich so beherzt zulangenden Kollegen Simon & Jan, Falk oder aber eben Widmann selbst bereits aus dem Rahmen.

Wie ihm das gelingt, auf einem Label wie AHUGA noch als kleiner Exot daherzukommen, was er von Pop hält und darüber weiß und wie er den Kapitalismus im 21. Jahrhundert bewertet – alles das und mehr hat er EAL-Redakteur David Wonschewski erzählt.

Ansehen: Marian Meyer – Schloss aus Sand (mit „der Jerg“ von Schnaps im Silbersee)

David Wonschewski (DW): Marian, ich habe dich jüngst in Deutzen gesehen, beim adriakustik-Festival. Da liefen am Sonntag, dem letzten Tag des Festivals, ja so ein wenig die Hauptacts, wenn ich das mal so sagen darf. PanneBierhorst waren da am Start, Sarah Lesch, Falk, Götz Widmann – und mittendrin du. Dabei hast du zu dem Zeitpunkt noch nichtmal dein Album am Start gehabt und auf ein derart umtriebiges Tourleben kannst du bisher auch noch nicht zurückblicken. Wie fühlte sich der Auftritt für dich an? Zumal das Publikum beim adriakustik bekannt arg speziell sein kann…

Marian Meyer (MM): Moin David! Ich habe Deutzen im letzten Jahr als DIE Liedermachinghochburg kennengelernt. Mit unglaublichen Charakteren und einer Hundertschaft von Künstlern. Es ist definitiv ein extremes Festival, mit viel Liebe arrangiert und inszeniert. Und wie jedes extreme Event fordert auch dieses extreme Emotionen. Gerade für einen Nachwuchskünstler wie mich, der weder einen Tonträger noch viel Erfahrung im Rucksack hat. Es gibt also nicht nur ein Gefühl, das sich in mir herauskristallisiert, wenn ich zwischen u.a. PanneBierhorst, Sarah Lesch, Falk und Goetz Widmann in Deutzen spiele. Ich würde es eher als eine paradoxe Mixtur aus vielen zumeist gegensätzlichen Gefühlen beschreiben, die mit dem Betreten der Bühne einsetzt und sich über den Auftritt hinweg mit ungefähr diesem Bild veranschaulichen lässt: Spaß, Stress, Glaube, Angst, Liebe, Hass, Stolz, Zweifel, Fallen, Fliegen, Liebe, Glaube, Spaß.

DW: „Hundertschaft“ – das gefällt mir! Zeigt Kampfgeist und ein Bewusstsein dafür, dass sich jedes „echte“ Gefühl nur durch eine Melange aus positiv UND negativ konnotierten Erfahrungen erlangen lässt. Apropos „Hundertschaft“ – soweit ich weiß stammt der Begriff aus dem rein militärischen oder polizeilichen Bereich. Und du nutzt ihn zur Beschreibung von, ich sage mal etwas pathetisch: linksalternativen Künstlerkreisen. Wird doch eh Zeit, dass die Liedermacher ihr revolutionäres Erbe entdecken, aufhören immer nur vor sich hinzuklampfen, sondern die Gitarre endlich wieder zur Axt werden lassen. Musik war schließlich schon immer die aufrichtigere Form von Politik. Ne, Moment: die unaufrichtigere Form von Politik, so herum ist es richtig… oder bin ich da schon wieder auf dem abgegrasten Pfad aller jungen Liedermacher-Journalisten unterwegs, die einfach nur sauer sind, dass sie – so wie ich als Jahrgang 1977 – das Pech einer kulturhistorisch viel zu späten Geburt hatten?

MM: Ja, ich halte diesen Pfad tatsächlich ein bisschen für abgegrast. Jedoch nicht, weil ich den Liedermachern der Vorgenerationen ihr Recht auf Journalismus streitig machen will. Sondern weil ich denke, dass sich die Zeiten geändert haben. Heute ist es ziemlich schwierig, mit erhobenem Zeigefinger ein Rudel Studenten davon zu überzeugen, dass man in der Lage ist, sie zu überzeugen.Wir leben mittlerweile in einer Zeit der Implizitäten und Versubjektivierungen. Ich für meinen Teil würde erwarten, dass mir auf einem Liedermacherkonzert keine Vorschriften gemacht werden, „wie“ ich zu denken habe, sondern dass mir Anschwung gegeben wird, in welche Richtung auch immer zu denken. Das revolutionäre Erbe geht dabei ja nicht verloren. Es verschieben sich nur die Arten und Weisen, „wie“ es weitergetragen wird.

Anhören: Marian Meyer – Eintagsfliege

DW: Der Liedermacher Reno Rebscher, selbst ein integraler Bestandteil vieler „friedenspolitischer Liedermachergruppen“ früherer Zeiten, hat sich dahingehend ebenso geäußert in einem Interview, das ich vor knapp zwei Jahren mit ihm führen durfte. Er meinte sogar, dass die Liedermacher von heute im Grunde genauso politisch seien wie „zu seiner Zeit“ (er ist ja noch aktiv), nur dass eben die Sprache, die ganze Lage, ja die Gesellschaft als solche sich eben gewandelt habe und nicht mehr vergleichbar sei mit dem Land, in dem er aufwuchs und in dem es ganz andere Notwendigkeiten erforderte. Ich selbst mache als Schriftsteller ja auch nichts anderes als du, auch meine Romane sind auf den ersten Blick gesellschaftlich nicht sonderlich zupackend, schon mal gar nicht politisch. Wenn schon, dann sind sie eher existentialistisch, was auch damit zusammenhängt, dass mir persönlich die klaren Bilder, vor allem die klaren Feindbilder fehlen. Erst recht angesichts der Medien, die ich noch nie als subjektiv wahrnehmen konnte, selbst der Berichterstattung der holden Tagesschau ist ja mitunter nicht mehr zu trauen. Gut und Böse scheinen futsch, für fast alles, für was ich gerne streiten möchte, fallen mir selbst zig Gegenargumente ein, warum man es sein lassen sollte. Daraus ergibt sich ein Befindlichkeitsmischmasch, der mir fast nur den Rückzug ins Persönlich-Emotionale lässt. Das nervt ein wenig, hat aber eventuell den Vorteil, dass, würde jeder Mensch erstmal in sich selbst „aufräumen“, vermutlich auch die meisten äußeren Konflikte automatisch verschwinden würden…

marian meyer presse (2)MM: Ich stimme da ganz mit dir überein. Klare Feindbilder, an denen sich die Gesellschaft reiben kann, sind so weit weg, dass sie nur über Internetvideos zu finden sind. Das heißt aber keinesfalls, dass Frieden herrscht. Wenn ich etwas als ein Feindbild bezeichne, dann nur, weil ich glaube, dass die „Intensität“ des auftretenden Bildes die Entwicklung der Gesellschaft beeinträchtigt. Wenn ich mich also an etwas reiben wollen würde, so würde ich mich am Kapitalismus reiben. Wie so vieles hat auch der Kapitalismus zwei Seiten. Er bringt zwar hohen Reichtum. Jedoch denke ich, dass – wenn es zu einem Ungleichgewicht zwischen Geben und Nehmen kommt – die Menschen einen zu hohen Preis dafür bezahlen. Denn Egoismus und tatsächlich Narzissmus sind meiner Meinung nach die schwerwiegenden Folgen für eine Gesellschaft, die sich ganz und gar dem Geld verschreibt. Entfremdung und Einzelgängertum in Anbetracht des immer höher werdenden Leistungsdrucks sind in allen Gesellschaftsschichten bereits ein ernst zu nehmendes Problem. Jedes Individuum muss halt irgendwo an die Spitze kommen. Ist doch klar, dass dabei andere Individuen den Kürzeren ziehen. Dass wir ohne den Kapitalismus im 21. Jahrhundert nicht mehr leben können, ist mir durchaus bewusst. Und deshalb versuche ich auch nicht, ihn zu verteufeln. Allerdings finde ich, dass es bei all der Schnelllebigkeit und den extremen Bedingungen wichtig ist, sich mal eine Auszeit zu gönnen und einfach mal das Hirn pausieren zu lassen. Denn Burnout und Depressionen sind wohl bei vielen Menschen auf das pausenlose Denken, Lernen, Bewältigen usw. zurückzuführen. Wie auch anders, wenn ständig Vergleiche gezogen und Messlatten höher gesetzt werden? Aber was die Menschen in den letzten Jahrzehnten an Wissen zugelegt haben, mangelt ihnen jetzt an Weisheit. Denn Glück kommt soweit ich weiß nicht aus der Brieftasche oder der Spitzenposition, sondern einzig und allein aus dem Umgang mit der Position, an der man sich gerade befindet. Um zurück zum Kern der Sache zu kommen: Ich sehe als Liedermacher die Aufgabe für mich, dem Publikum in erster Linie eine Auszeit zu geben, also für einen Abend ein kurzes Gleichgewicht herzustellen. Ausgeglichene Menschen können besser aufräumen. Und in zweiter Linie höchstens in rhetorischer Form nachzuhaken, ob wir so weitermachen wollen oder nicht. Wenn also Herr Rebscher sagt, dass die neue Liedermachergeneration politisch ist, dann stimmt das.

DW: Wäre das ein schönes Schlusswort – leider sind wir noch nicht so weit. Kommen wir zurück zu deinem Auftritt in Deutzen oder genauer gesagt zu AHUGA, dem Label, bei dem du dein Debütalbum herausbringst. Wie um Himmels willen bist du denn gerade dort gelandet?

MM: Ehrlich gesagt kam das mit dem Labelvertrag ziemlich schnell. Die Gedankenfabrik, ein Verein zur Förderung junger KünstlerInnen aus Bortfeld, kümmerte sich noch bis zum letzten Jahr um Auftritte und Supporttermine für mich. Die haben dann auch Ahuga! für mich angeschrieben. Ich wusste zu dem Zeitpunkt ziemlich wenig über Ahuga!, oder Goetz Widmann. Letztes Jahr wurde ich dann allerdings nach Deutzen eingeladen, um meine Musik und mich vorzustellen. Ich habe mich da sofort lieb aufgenommen gefühlt. Und nachdem wir noch alle wenig später zusammen auf dem Burg Herzberg-Festival waren, wurde ich von Goetz eingeladen, um auf seiner CD mitzuwirken. Das hat mir auch nen riesen Spaß gemacht. Ich glaube da haben mir Goetz und Fabia dann auch das Angebot für den Vertrag unterbreitet. Ich habe keinen wirklichen Vergleich zu anderen Labels, allerdings habe ich am Anfang meiner CD-Produktion ziemlich viel Unterstützung gebraucht und die auch ohne Wenn und Aber und mit viel Geduld bekommen. Also nein, ich konnte und wollte auch kein besseres Label finden.

Anhören: Marian Meyer – Gefallen

DW: Hätte mich auch gewundert, wenn du was anderes geantwortet hättest. Ich selbst kenne AHUGA auch noch nicht sonderlich lange. Wenn man bedenkt, dass ich schon länger in der Szene unterwegs bin eigentlich peinlich, dass ich mich gerade noch durch das AHUGA-Gesamtrepertoire früherer Jahre wühle. Erst gestern beispielsweise kam mir zum ersten Mal das Eröffnungsstück der Widmann-CD „Ahoi“ unter, „Bier in der TSTTR“. Das Ding ist so grenz-debil, aber eben zutreffend zugleich, dass ich lachend vom Sofa gerollt bin. Was mich dazu bringt, dass ich dich von deinen Texten her schon ein wenig „untypisch“ für AHUGA empfinde. Die meisten anderen AHUGA-Künstler kultivieren ja durchaus ein gewisses, ich sag mal „Balla-Balla im Kopp“-Gefühl, treffen den Punkt aber eben durch schonungslose Ehrlichkeit und, darauf aufbauend, Humor. Nun weiß ich von AHUGA, dass sie nur Leute aufnehmen, die persönlich und charakterlich zum Rest der Meute passen. Die Lieder, die ich bisher von dir gehört habe, da ist dieser oben benannte „Balla-Balla im Kopp“-Sprachduktus aber so gar nicht da.

MM: Ja, es stimmt schon, dass ich eine ziemlich differente Musik zu Goetz und Falk mache. Allerdings hast du glaube ich bis jetzt auch nur ernste Lieder von mir gehört. Eigentlich würde ich sagen, dass sich in meinen Liedern so ziemlich die Waage zwischen balladesk und humoristisch hält. Wenn ich mich mit einem Künstler von Ahuga! vergleichen sollte, so würde mir wohl am ehesten Rüdiger Bierhorst einfallen, wenngleich ich es ziemlich vermessen finden würde, mich mit Rüdiger Bierhorst zu vergleichen ;) Aber der schreibt berührend traurige und brüllend lustige Lieder, die er auf Konzerten so aneinanderreiht, dass am Ende ein für das Publikum runder Schuh dabei herauskommt. Das ist auch mein Ziel. Dennoch würde ich sagen, dass meine Musik irgendeinen Weg zwischen Liedermaching und Pop einschlägt, also vielleicht Liederpop oder so… Die Harmonien vieler meiner Lieder erinnern schon ziemlich an Popmusik, allerdings habe ich den Anspruch, mit meinen Texten tiefer zu gehen, als das die Popmusik in der Regel tut. Ich habe halt doch das Gefühl, mit meiner Musik etwas mitteilen zu wollen. Nicht mit jedem Lied. Aber mit vielen. Goetz Widmann, Falk und ich haben unsere Schnittstellen wohl am ehesten zwischen den Liedern. Jeder von uns erzählt Geschichten. Und das auf unterschiedliche Weisen. Achso, und balla-balla im Kopp bin ich auch. Mit Sicherheit.

marian meyer presseDW: Ich sehe schon die Schlagzeile einer großen bundesdeutschen Zeitung vor mir: „Balla-balla im Kopp! Meyer vergleicht sich mit Bierhorst!“. Jaja, gewöhn dich dran, sowas geht schnell! Den Ansatz finde ich gut, schwinge mich nun aber natürlich mal fix auf das feine Wort „Liederpop“. Großartig! Als Musikjournalist – dessen Handwerk ja bekanntlich auch die Fähigkeit voraussetzt lustvoll Schubladen zu schaffen und Musiker reinzustopfen – ist der Name des Genres, in dem wir uns hier bewegen, ja ein standardisiert interessantes Themenfeld. Ich habe schon junge Genre-Vertreter beim Begriff „Liedermacher“ angewidert die Nase rümpfen sehen. Und das, obschon sie meiner subjektiven Ansicht nach das Recht hätten sich als legitime Nachfolger von Mey oder Wader zu fühlen. Ihnen war das aber zu angestaubt, viele bevorzugen „Singer/Songwriter“ – was ich offen gesagt blöde finde, für mich ist „Singer/Songwriter“ ein Begriff, den man jenen überlassen sollte, denen er gebührt: Angelsachsen. Bevor du nun sagst, dass das jeder selbst entscheiden muss, ob und wo er dich einsortiert – das antworten sie nämlich alle – formuliere ich die Frage fix anders: „Pop“ ist in gewissen Indiekreisen ja zu einem Unwort verkommen. Als sei es nur ein Synonym für „kommerziell“, „ohne Ecken und Kanten“, „seelenlos“ oder gar: „mies getextet“. Du scheinst da weniger Berührungsängste zu haben – also: Was ist geil an Pop? Und was kann gerade deutschsprachiger Pop, was der englischsprachige vielleicht nicht kann?

MM: Ich sehe Pop in vielerlei Hinsicht genauso, wie du das gerade angedeutet hast: kommerziell, ohne Ecken und Kanten und mitunter auch manchmal mies getextet. Jedoch ist der Begriff „Popmusik“ ja extrem weit gefächert. Und ich interessiere mich auch eher für die musikalische Seite der Popmusik. Es gibt nachgewiesene harmonische Strukturen, die die Menschen immer wieder hören können und wollen. Viele der Lieder, die wir im Radio hören, gab es von den Akkordfolgen her schon zig mal. Das fällt allerdings nur wenigen auf. Meiner Meinung nach liegt das Erfolgsrezept des Pop in seiner harmonischen Struktur. Natürlich kommen dazu dann noch die Texte, mit denen sich möglichst viele Menschen identifizieren können… Kommerz muss halt rund sein. Und deshalb wird Popmusik auch oft einfach gehalten. Jedoch ist Einfachheit nicht mit Simplizität zu verwechseln. Aus wenigem viel schaffen, das ist wohl meine Beschreibung für gute Popmusik. Deshalb ist es in meinen Augen auch keine Beleidigung, wenn jemand sagt, ich sei Popmusiker. Von englischer Popmusik hingegen verstehe ich nicht sonderlich viel.

Anhören: Marian Meyer – Ich möchte heim

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AHUGA – das Liedermacherlabel: HIER entlang

 

 

 

 

Fotos Marian Meyer: AHUGA

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 8. September 2015 von in 2015, Artikel & Interviews, M-P, Meyer, Marian und getaggt mit , , , , , , .
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