Ein Achtel Lorbeerblatt

Das Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunstmagazin

Christof Stählin: Seine Lieder. Wegbegleiter erinnern sich… / „Der Biedermeiersekretär“

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Christof Stählin – Der Biedermeiersekretär
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m Album: Sire, es ist Zeit (1989)

 

Ein stiller Urknall

April 1989. Vor der Heimvolkshochschule Rendsburg warten ein paar Leute auf Christof Stählin. Einige von ihnen haben ein halbes Jahr zuvor im Wettbewerb „Schüler machen Lieder“ in Berlin einen großen Auftritt gewonnen und – es war Geld übrig – ein Seminar in Rendsburg bei diesem Wiehießernochgleich. Peter, mit dem ich zusammen nach Rendsburg gefahren war („So weit nördlich war ich noch nie!“, sagte er, der Bayer) hatte von seinen Eltern eine Platte geschenkt bekommen: „Irgendwie komisch. Schon auch irgendwie gut. Ich glaube, der könnte ein ganzes Lied nur über einen Blumenstrauß schreiben.“ Wirkungsvoller konnte man aus meiner Sicht einen Liedermacher nicht entwerten, denn wir (18-25) schrieben ja Texte über richtige, wichtige Themen und dachten gar nicht daran, über Blumensträuße zu schreiben. Ein Saab hielt, ein großer Mann mit großen Händen stieg aus, wurde vom Direktor Stephan Opitz begrüßt, und dann holte er diesen seltsamen, flachen Koffer aus dem Auto, und auch ein paar Flaschen, von der Premierenfeier seines Programms „Wer köpft die Mehrheit?“, die er mit Opitz am selben Abend leerte.

Christof als Seminarleiter – das hatte eine Geschichte, die er mir erst 1996 erzählte, als ich anlässlich einer Forschungsarbeit für einige Tage auf dem Lindich zu Gast sein durfte. Er war nach dem Erfolg der Waldeck-Zeit gern gesehener Gast auf den Treffen der „Szene“ der 70er und frühen 80er gewesen, um dort „Workshops“ zu geben. Es gab viele Liedermacher, die um wenig Publikum konkurrierten, und so bevölkerten sie die Randbereiche der großen Bewegungen (Frieden, Umwelt, Frauen, Studenten u.a.) und hielten auf großen Festivals stetige Nabelschau. Workshops wurden als Ort verstanden, sich unverkrampft zu geben, Auftritte an Land zu ziehen. Christofs Forderung, Liedermacherei nicht auf Spontaneität und korrekter politischer Gesinnung aufzubauen, sondern auf Instrumentalfertigkeit, musikalischem Grundwissen, solidem Studium geschichtlich-philosophischer Hintergründe und solider Textarbeit, wurde meist als unkreativ empfunden. „Ist hier ‚Kreativität‘?“ habe in den Siebzigern einmal ein Workshopinteressent durch den Türspalt gefragt. „Nein“, hätten seine Teilnehmer wie aus einem Mund gerufen, „Kreativität ist unten. Hier ist Stählin!“. So hatte Christof geplant, diesmal alles anders zu machen: Die Teilnehmer sollten ordentlich bezahlen, sie sollten mehrere Tage zusammen wohnen und arbeiten, sie sollten ihn als Autorität wahrnehmen. Sie sollten von vornherein akzeptieren, dass es sich nicht um einen lockeren Kreativaustausch handelt, sondern um das Lernen konkreter – seiner – Regeln. Und so hieß das Seminar auch sperrig genug: „Regeln der Kunst für Dichtermusikanten“.

Christofs Programm war kompakt: Früh aufstehen, Vorträge, (Lehr-)Spaziergänge, gemeinsames Singen, Schreiben am Kanal, abendliches Musizieren und Singen, und als zentraler Tagesinhalt „Liedkorrektur-Runden“. Da wurde ein vollständiger Auftritt gezeigt: die kleine Probebühne betreten, Platz nehmen, Instrument aufheben, Ansage ausformulieren, Lied singen, Applaus entgegennehmen, abtreten. Danach wurden alle Elemente des Auftritts einer kritischen Bewertung unterzogen.

Mein Lied: eins, wie es 18jährige so schreiben: Passt auf, ich werd ein Star. Christof wartete den Schlussapplaus ab, machte eines dieser kurzen „jaahmm“-Geräusche, stand langsam auf und ging zur Tafel. Er schrieb: „Was du schreiben wolltest: Eine Parodie über einen jungen Mann, der trotz geringer Fertigkeiten meint, ein berühmter Sänger werden zu können.“ Kunstpause. Dann, und die Kreide quietschte ein bisschen: „Was wir verstanden haben: Hier verbirgt ein junger Mann seinen Wunsch, berühmt zu werden, hinter einer Ironie, die dasselbe behauptet.“ An diesem Nachmittag habe ich alles über das gelernt, was Christof Jahre später nur noch „Selbstreferenziell“ nennen wird: Narziss, der sein Spiegelbild im Wasser so liebt, dass er schließlich ertrinkt. Erwähnung schlägt Sinn der Erwähnung. Entlarvende Parodie. Es war ein wirklich schlechtes Lied, aber Christofs heftige Watschen waren sicher auch ein notwendiges Exempel, um eine neue Rolle zu finden. Nicht der Kollege, der ein bisschen in seine Trickkiste schauen lässt, sondern ein Lehrer wollte er sein. Und das wurde er in dem Moment für mich, in dem mein Lied vernichtet und dann so gut wie nie mehr gesungen wurde. Es sollte mehr als fünf Jahre dauern, bis er mit einem meiner Lieder weitgehend zufrieden war.

Am Abend sangen wir, noch nicht mit gedrehter Flasche, noch ohne Rotwein, aber schon eng beieinander im Kreis sitzend. Christof sang vorwiegend Lieder aus seinem Revolutionsprogramm, zum Beispiel den „Biedermeiersekretär“: „Goldbraun ist des Glückes Farbe, goldbraun wie das Sonnenlicht. Goldbraun wie die Weizengarbe und das Käsauflaufgericht“. Wir waren sehr jung, ein paar Jahre rund ums Abitur, und waren mit vielen Liedern inhaltlich überfordert. Aber aus der Distanz darf man sagen: der Biedermeiersekretär ist ein Musterbeispiel für ein Stählin-Lied: Es nimmt die Person völlig heraus. Nicht die individuelle Sicht eines klugen (oder sich klug findenden) Liedermachers auf die Sache, sondern die Sache selbst steht da vor uns. Es geht um Deutschland, die französische Revolution und die Unfähigkeit der Deutschen, eine eigene Revolution hinzubekommen. Aber dieses Deutschland wird als liebens- und lebenswert dargestellt, eine große Kultur leuchtet aus dem goldbraun glänzenden Lack, und der Umgang der Deutschen mit ihrer Kultur ist nicht Gegenstand der Anklage, sondern einer warmen Ironie: „Doch das Sofa treibt sein Wesen / fernab von dem Sekretär, / denn sonst gehn wir nicht auf Spesen, / weil’s kein Arbeitsraum mehr wär‘.“ – nach diesem Spott bin ich heute süchtig, nicht nur, weil ich ein steuerabzugsfähiges Arbeitszimmer habe.

Seine Stimme schnitt in den Luftraum über der oft einstimmigen, oft kanonisch geführten Begleitung, die Vihuela klapperte, weil er sich nicht richtig konzentrierte – schon dieses erste Treffen strengte ihn ungeheuer an – und mit einem linkischen Ruck schleuderte er sich nach dem letzten Akkord das Instrument vom Schoß. Das Lied hatten wir nicht alle verstanden, aber eins hatten wir sehr wohl verstanden: das hier ist etwas Anderes, etwas Wichtigeres, etwas Besseres als das, was wir bisher für gute Lieder gehalten hatten.

Christof schickte uns an den Kanal, wo wir, ausgehend von den Wörtern „vorüber“ und „hinüber“ Liedtexte schreiben sollten. Ein kleiner Junge stand breitbeinig vor mir und fragt: Was machst du da?
Ich: Ich dichte.
Er: Bist du ein Dichter?
Ich: Ja.
Er: Ist der da hinten auch ein Dichter?
Ich: Ja.
Er lief fünfzig Meter bis zur nächsten Bank und schaute Arno über die Schulter und kam mit geballter Fußballerfaust zurückgerannt: Wir haben schon fünf Zeilen mehr!! Christof liebte diese Anekdote und hat sie später oft in Ansagen eingebaut, wenn ich auf den Sagokonzerten dran war.

Am nächsten Morgen wurde Sago geboren. Wir hörten Christofs Vortrag zur Liedermacherei als Kunst, die in keine Schublade passt, weil sie eine inzwischen tradierte Arbeitsteilung wieder aufhebt. So sei der Begriff „Kleinkunst“ eben eine Schublade, in die alles passe, was in keine andere gehörte; in der elterlichen Küche sei die Sago-Schütte diese Schublade gewesen, denn Sago wurde dort nicht verarbeitet. Liedermacherei, Kleinkunst: die Reißnägel, Gummiringe, Tütenverschlüsse und Rabattmarken des deutschen Kulturbetriebs. Und ich sagte, nur so dahin: „Dann sind wir ab heute eben die Künstlergruppe Sago!“ Christof lachte. Und noch mehr hat er gelacht, als wir im darauffolgenden Juli unsere Wettbewerbsbeiträge nach Berlin schickten und auf den Anmeldebögen unter Sparte/Musikrichtung „Sago“ angaben. Die Berliner Festspiele haben im Musikwissenschaftlichen Institut der HdK angerufen, um zu erfahren, was „Sago“ sei.

Christof hat von da an „Sago“ als Bezeichnung für seinen Unterricht verwendet. So konnte sich sein Lehren abheben von dem, was er früher als so unbefriedigend empfunden hatte. Sago ist das, in das er seine Energie und seine Kunst bis an die Grenze des Machbaren gesteckt hat, ist das, was ihn zu einem Lehrmeister gemacht hat, und Sago ist das, was mich und viele andere zu anderen Menschen gemacht hat.

Danke, Christof. Danke.

Philipp S. Rhaesa

2 Kommentare zu “Christof Stählin: Seine Lieder. Wegbegleiter erinnern sich… / „Der Biedermeiersekretär“

  1. Karl
    19. September 2015

    Hat dies auf Kall's Einwürfe rebloggt und kommentierte:
    Ich reblogge einfach mal alle Beiträge der Reihe, weil ich das Gefühl habe, dass sie wichtig sind ;-)

  2. Maka
    18. September 2015

    Danke, Philipp! Als wäre man selbst dabei gewesen <3

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