Ein Achtel Lorbeerblatt

Das Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunstmagazin

Rezension: Em Huisken – Güntsied / Jenseits

Güntsied

von Bernd Pakosch

Sich mit diesem Album von Em Huisken (Stefan em Huisken) näher zu befassen, heißt in eine andere Welt einzutauchen. In eine Welt der Sagen und Märchen, des Wassers und der Küsten Frieslands. Er selbst bezeichnet sich als einen Grenzgänger zwischen allen Welten: der Träume, der geheimen Wünsche, der Phantasie und des Diesseits und des Jenseits. Musikalisch bewegt er sich dabei – verliebt in das ostfriesische Niederdeutsch – zwischen keltischen Klängen, bretonischer Musik und einem tanzenden Barden aus dem Mittelalter.

Em Huisken hat sein zweites Album „Güntsied – Jenseits“ im Alleingang aufgenommen und produziert. Er hat alle Instrumente selbst eingespielt. Das gab ihm die Möglichkeit alle Entscheidungen für sich selbst zu treffen. Für mich entsteht dadurch der Eindruck, dass ein „Draufschauen“ von außen manchen Liedern vielleicht gut getan hätte. Seine musikalischen Freunde, mit denen er bei Konzerten unterwegs ist, hätten sicher auch manche Idee oder Klangfarbe beisteuern können. Nach „Wo Elfen singen“, dem ersten Lied auf diesem Album, hätte ich diese CD fast zur Seite zu gelegt. Eine Tin Whistle, wie sie in der irischen Volksmusik gern eingesetzt wird, und eine Westerngitarre. Beide sind für mein Gefühl nicht ganz glücklich aufeinander abgestimmt. Hinzu kommt ein brüchiger Gesang, der nicht ganz zum Text passen will. Er besingt eine Welt in Ruhe und Frieden, voller Liebe und Achtung. Ich kann die Sehnsucht danach sehr gut verstehen, finde sie aber nicht in diesem Lied. „Alruuntjes Danz“ entführt in die Welt der Märchen. Ich denke dabei sofort an Harry Potter, denn es geht um Alraunenwurzeln. Wer sie beim Ausgraben laut schreien hört, muss sterben. Also sind der Zeitpunkt, der Stand der Sonne und ein glückliches Händchen bei der Ernte dieser glücksbringenden Wurzeln von großer Bedeutung. 

„Wenen sall vergahn“ Mit diesem Lied über den Fluch und Untergang einer Stadt beginnt mein Herz für diese Musik zu schlagen und ich tauche in sie ein. Das liegt an der Kraft und Energie, die dieses Lied freisetzt, eingeleitet durch den A cappella-Gesang. Wenen soll vergehen! Noch sieben Tage feiert dieses goldgierige Volk und schlägt alle Warnungen der Vögel in den Wind. Die Wellen verschlingen diese Stadt wie einst Rungholt.

„Na de mien Hart verlangt“ Ein traditionelles, bretonisches Liebeslied, für das Em Huisken eine niederdeutsche Übertragung geschrieben hat. Ich verstehe leider nicht alles. Es geht um den Beginn und das Vergehen, um die Sehnsucht in der Seele und die Liebe im Herzen, um die Fragen des Woher und Wohin. Es geht um das Leben. Auch „Griese Watermann“, dem das alte irisches Seefahrerlied „Leis a Lurrighan“ zugrunde liegt, hat das Leben als Thema. Sturm, tiefschwarze Nacht, schäumendes Meer und Nebel. Also: die Hand fest ans Steuer und den Kompass nicht aus den Augen lassen!

„De fief Söhns“, ein sehr trauriges Lied über fünf Söhne, die ausgeschickt werden ihren Vater zu suchen. Alle sterben vor Hunger oder bleiben auf dem Meer. Der Jüngste zieht ruhelos und verwahrlost durch die Welt. Es bleibt nur die letzte Hoffnung, dass der himmlische Vater ihnen vergeben möge und sie in sein Reich aufnimmt. Musikalisch beginnt dieses Lied wie Brels „Amsterdam“ und hält mich auf die gleiche Art gefangen.

Mit der alten nordfriesischen Ballade „A Bai a Redher“ – ein Knappe und ein Ritter – wird eine verzwickte Geschichte über Liebe, Verrat, Rache und Mord erzählt. Ein Lied, welches auf jedem Tanzboden bei Volksfesten und Mittelaltermärkten funktionieren sollte. Eine Bombarde ist ein altes französisches Blasinstrument, dessen Klang an einen Dudelsack oder an eine Schalmei erinnert. Wie schon bei „Griese Watermann“ kommt die Bombarde auch bei der Ballade über „Seben Seebär“ zum Einsatz. Eine Geschichte über einen jungen Mann, der sich bei Wind und Wetter wohler fühlt als in der warmen Stube. Er möchte zurück ins Meer, aus dem alles Leben kommt, wo er sich zuhause fühlt und endlich seine Ruhe findet.

„Koom ik werum“ ist eine Vorstellung, wie es wohl wäre, würden wir nach unserem Tod zurück auf die Erde kommen und alle Freunde wiedertreffen. Würden wir feiern, uns freuen und alles besser machen beim zweiten Versuch? Ein Leben nach dem Tod ist etwas, woran ich nicht glaube. Aber alles, was in unseren Gedanken, Träumen und Vorstellungen existiert, ist auf dieser Welt. Es ist Teil von uns und lebt in und durch uns. Ich muss und kann nicht alles verstehen, aber ich kann lernen, dass es Welten gibt, von denen ich nie gehört habe und dass es immer auch Bilder geben wird, die sich mir nicht erschließen. „Ein Fels in der Brandung“, das letzte Lied auf diesem Album, ist für mich ein solches Bild.

www.emhuisken.de

 

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 16. September 2015 von in 2015, 2015, Artikel & Interviews, Plattenbesprechungen, Uncategorized und getaggt mit , , , , .
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