Ein Achtel Lorbeerblatt

Das Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunstmagazin

Christof Stählin: Seine Lieder. Wegbegleiter erinnern sich… / „Kaiserquartett und Deutschlandlied“

staehlin_einhorn

Christof Stählin – Kaiserquartett und Deutschlandlied
vom Album: Das Einhorn, 1978

 

Es beginnt beinahe niedlich: „Ja du arme kleine Melodie, was haben sie denn mit dir gemacht? Du bist ja ganz geschwollen…“ spricht eine väterliche Stimme, und dazu hört man nicht weniger als die Deutsche Nationalhymne. Man weiß als Hörer nicht so genau, wo man sich befindet: Auf einer Veranstaltung von nationaler Wichtigkeit, oder auf einem Kinderspielplatz, oder beides gleichzeitig?

In seinem 1978 erschienenen Chanson „Kaiserquartett und Deutschlandlied“ unterhält sich Christof Stählin in einer vertrauensvollen Du-Form mit dem Lied selbst. Vordergründig erinnert er lediglich daran, dass diese Melodie von Joseph Haydn eigentlich als zartes Streichquartett komponiert war, während sie heute meist von „dicken Männern in Blechtrompeten“ geblasen wird. Dabei gelingt ihm die unglaubliche Meisterleistung, in bloß dreieinhalb Minuten ein detailreiches Bild der Deutschen Nation zu zeichnen, wie sie ist und wie sie sein könnte.
„Deutschland ward zum Blasorchester, gedacht wär’s gewesen als Streichquartett.“

Wir Deutschen neigen in unserer Auffassung von uns selbst traditionell gerne zu Extremen, schwanken zwischen übersteigertem Nationalstolz und demütiger Selbstanklage. Allein in den letzten Monaten bewegte sich das Bild der Deutschen von den gestrengen Zuchtmeistern Europas in der Griechenland-Krise zu den scheinbar barmherzigsten aller Menschen in der Flüchtlingsfrage. Themen, die für die meisten Kabarettisten unmittelbar ein gefundenes Fressen sind.
Stählins Sache war es nie, tagespolitische Ereignisse direkt und plump zu besingen. Er plaudert hingegen scheinbar harmlos mit einem 200 Jahre alten Musikstück, und zeichnet dabei quasi im Vorbeigehen ein Ideal, an dem sich unser Land orientieren könnte, und auch fast 40 Jahre nach seinem Erscheinen hat dieser Text nichts von seiner Aktualität verloren.

Haydns Melodie ist ja „nicht bescheiden“, sondern ein „Kaiserquartett“, mit einem harmonischen Gerüst, „leicht, aber dennoch stabil“, „frei und luftig, stolz, leicht, duftig.“ Und bei all dem erhebt Stählin niemals einen moralischen Zeigefinger, alles entspringt humorvoll einem warmen, weisen Lächeln.

Ein paar persönliche Worte. Dieses Lied hat für mich auch eine besondere Bedeutung, da es das erste war, das ich je von Christof Stählin hörte. Es war der Frühling 1989, ich war ein siebzehnjähriger Gitarrenschrabbler und hatte bei einem Nachwuchswettbewerb die Teilnahme an einem neuartigen Workshop für Liedermacher gewonnen. Es war der allererste Kurs seiner Art, und niemand hätte damals ahnen können, dass er die Keimzelle für die später legendär gewordene Liedermacherschule „SAGO“ werden sollte. Und ich hätte nicht ahnen können, dass die Begegnung mit diesem großartigen Liedermacher, Lehrer und Menschen mein Leben künstlerisch und auch persönlich entscheidend prägen sollte.

Als Dozent war also ein gewisser Christof Stählin angekündigt. Der Name sagte mir nichts, und so besorgte ich mir im Vorfeld eine seiner Schallplatten, „Das Einhorn“. Ich legte sie auf, und meine Verwunderung war groß. Als Teenager der Achtziger bedeutete „Songwriting“ für mich hauptsächlich Power und Groove, vorzugsweise mit Schlagzeug und Rocksound, eingängige Refrains zum Mitgrölen und am besten eine unmittelbare Message mit dem Holzhammer. Und da war plötzlich einer, der eine zartbesaitete Vihuela zupfte und der mit einer unaufgeregten Sprechstimme Maria Teresia und Joseph Haydn zum Thema machte. Es ging mir zunächst wie einem Kind, das mit Pommes und Pizza aufwächst und plötzlich ein Vier-Sterne-Menü serviert bekommt: Ich konnte damit nichts anfangen. Oder, um die Metaphorik des Liedes aufzugreifen: Meine Erwartungshaltung kam aus einer Welt der „dickbäuchigen Blechtrompeter“ und wurde unvermittelt mit einem filigranen Streichquartett konfrontiert. Hätte ich nicht den Liedermacherkurs vor mir gehabt, sondern hätte ich diese Musik nur zufällig im Radio gehört, so hätte ich wahrscheinlich gleich das Interesse daran verloren. So aber spielte ich die Platte wieder und wieder und lernte zunehmend, mich in die feinen Zwischentöne und Nuancen einzuhören und ihre gewaltigen Schätze zu entdecken. Von Stählins Liedern kann man sich nicht einfach berieseln lassen, wie ich es von anderen gewohnt war; man muss aktiv zuhören und mitdenken, wenn man ihre Genialität begreifen will. Das geht freilch oft gegen die heutigen Rezeptionsgewohnheiten. Würde man beim Fernsehen zufällig mitten in eines seiner Lieder hineinzappen, so würden wahrscheinlich nur wenige daran hängen bleiben; die Ohren der meisten wären durch die „Blechtrompeten“ auf den anderen Kanälen gerade zu stumpf dafür. Die Lieder sind auch offensichtlich nicht für Großveranstaltungen und Happenings in Fußballstadien konzipiert. Sie wirken aber umso mehr in der Stille des Konzertsaales, wenn der Zuhörer sich zur Gänze auf sie einlassen kann. Dann aber können sie unter die Haut gehen wie kaum etwas anderes. Wie ein Streichquartett eben. Und ich bin überzeugt: So wie Haydns Streichquartette, so werden auch Christofs Lieder noch in 200 Jahren ebenso stark wirken wie heute: Frei und luftig, stolz, leicht, duftig.

Danke, danke für alles, Christof Stählin.

Peter Tilch

 

Ein Kommentar zu “Christof Stählin: Seine Lieder. Wegbegleiter erinnern sich… / „Kaiserquartett und Deutschlandlied“

  1. Karl
    19. September 2015

    Hat dies auf Kall's Einwürfe rebloggt und kommentierte:
    Ach, auch eines der frühen Stücke, mit denen mir Stählin als erstes bewusst begegnet ist. Und ein weiteres Beispiel dafür, welcher feinsinnige Wortartist uns mit ihm verloren gegangen ist.
    Und ein weiterer Grund für mich, mich um das spätere Werk, das zu großen irgendwie an mir vorbeigegangen ist zu bemühen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: