Ein Achtel Lorbeerblatt

Das Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunstmagazin

Christof Stählin: Seine Lieder. Wegbegleiter erinnern sich… / „Die Netze“

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Christof Stählin – Die Netze
vom Album: Stiller Mann, 2005

 

Der Liedkünstler Stählin hat seit 2003 hin und wieder auch als Slampoet gewirkt, zum Erstaunen und zur Freude des Slampublikums. Was er der noch suchenden Spoken-Word-Bewegung mitgeben konnte, war handwerkliches Qualitätsbewusstsein und Hingabe an den poetischen Gegenstand.

Er hat den Text „Die Netze“ zunächst als Slamtext aufgeführt und erst in einem zweiten Schritt mit einer Basslinie seiner Vihuela unterlegt, zu einem Lied gemacht. Der Sprechtext „Die Netze“ führt die Hörer mitten hinein in das Kernanliegen Christof Stählins: das Nichts durch Kunst zu überwinden und der Welt mit künstlerischen Mitteln liebend beizukommen:

1 Der Poet schafft etwas aus dem Nichts. Wo vorher nichts war, keine Idee, kein Ton, kein Gedanke, kein Wort, kein Laut, da stellt er etwas hin.

2 „Knoten, Fäden und Nichts“, könnte man übersetzen mit „Bildpunkte, Verknüpfungen und Aussparungen“.

3 Christof Stählin selbst hat das Netze-Knüpfen meisterhaft verstanden: als Liedertexter, als Programm-Macher und als substantieller Netzwerker.

4 Er hat seine Kunst als existentielles Tun verstanden: nichts weniger als dem Nichts, dem „Nulltyrannen“, wie er es personalisiert nannte, ein Etwas zur Seite zu stellen; ein mit Wärme und Liebe Geschaffenes.

5 Typisch für Stählins Wahrnehmung und Methode war: das Sammeln, Gliedern und Anordnen mannigfacher Aspekte um ein zentrales Phänomen. Stählin vertraute darauf, dass in dem oszillierenden Wahrnehmen und Darstellen so und so vieler Aspekte Erkenntnis möglich wird.

6 Von Strophe zu Strophe entwickelt Stählin seine Sichtweisen auf das Phänomen des Netzes und wagt diese in Erkenntnis münden zu lassen. Er spürt die Netze auf in der Alltagskultur (Fußballtor) und in der Natur (Fell der Giraffen u.v.a.), in der Geschichte („Es segelten Schiffe…“, gotisches Kreuzrippengewölbe als „Netz“), in Gesellschaft (wissende Blicke), Zeitgeist (Anpassung, der Zeit ins Netz gehen), Gesetzgebung (Paragraphen als Schlingen) und in der Wissenschaft („Netz aus Fakten gesponnen“). Schließlich kommt er dazu, den Kosmos als Ganzes (Sternbilder, das Kräftespiel zwischen den Himmelskörpern) als Netz-All zu fassen.

7 Doch bleibt er dort in seiner Erkundung nicht stehen. Seine Betrachtung schließt mit dem sich selbst erklärenden menschlichen Körper: Das Auge, das zu all den Netz-Beobachtungen fähig war; es ist selbst „etwas aus Knoten, Fäden und Nichts“. Das Fazit fällt schlicht und fatal zugleich aus: es gibt kein Entrinnen aus dem Netzwerk des Seins.

8 Was dennoch beruhigt ist die Tatsache: die Welt lässt sich umfassend aussagen. Des Poeten ganze Würde und Wert lag für Stählin in dieser Berufung: stellvertretend für sein Publikum die Welt gültig auszusingen.

9 Auch sein Stück „Die Netze“ zeugt davon: Christof Stählin war ein entschiedener Humanist.

Timo Brunke

 

Ein Kommentar zu “Christof Stählin: Seine Lieder. Wegbegleiter erinnern sich… / „Die Netze“

  1. Karl
    19. September 2015

    Hat dies auf Kall's Einwürfe rebloggt und kommentierte:
    Hier würde ich empfehlen zuerst ein oder zweimal sehr genau zuzuhören und dann erst den Text zu lesen.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 18. September 2015 von in 2015, Artikel & Interviews, Liedermacher, Stählin, Christof, Uncategorized und getaggt mit , , , , , .
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