Ein Achtel Lorbeerblatt

Das Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunstmagazin

Christof Stählin: Seine Lieder. Wegbegleiter erinnern sich… / „Amors Becher“

staehlin_stillermann

Christof Stählin – Amors Becher
vom Album: Stiller Mann, 2005

 

In unseren Wunschrunden der Sagoseminare bat ich Christof oft um Amors Becher. Nicht nur weil dieses Lied die ganze Meisterschaft seiner Bild- und Reimkunst in geradezu verschwenderischer Weise vorführt (ja, wie so oft bei ihm scheinen manche Wörter ihre volle Bedeutung überhaupt erst durch die um sie versammelten Reimpartner ganz zu erkennen zu geben), sondern auch weil durch die Leidenschaftlichkeit der Verse, die eingängige orientalische Melodie und den feurigen Vortrag ein poetischer Sog entsteht, wie ich ihn selten sonst erlebt habe. Dem klassisch Maßvollen der Stählinschen Schule steht hier romantischer Überschwang gepaart mit mystischer Verinnerlichung entgegen. Ein Lied wie ein Fiebertraum – und wie der Titel schon sagt, ein Liebeslied. Einmal im Leben so ein Teil raushauen, dachte ich mir oft, und man bleibt dieser Welt nichts schuldig.
Als wir einen Tribute-Sampler zu Christofs siebzigstem Geburtstag produzierten, wagte sich niemand an Amors Becher heran. Wahrscheinlich vor allem deshalb, weil es, um von später, vielleicht zu später, Liebe zu singen, doch wohl auch eines gewissen Lebensalters bedarf.
So markiert dieses Stück, das sich auf der CD Stiller Mann von 2005 findet, eindrucksvoll das Spätwerk. Hier hat die ganz neu zur Geltung kommende Stimme nichts flötend Filigranes mehr, sie stürzt sich wie Wein aus einem Becher wieder und wieder hinab ins Tiefe. Stürzen wir mit. Und lassen wir uns am Ende auffangen von der ebenso traurigen wie hoffnungsvollen Einsicht, daß es nur die Lieder sind, die wiederkommen.

Sebastian Krämer

 

(Anmerkung der Redaktion:
der Text folgt auf Wunsch des Autors den Regeln der Alten Rechtschreibung –
ein Lektorat durch das EAL hat somit nicht stattgefunden.)

3 Kommentare zu “Christof Stählin: Seine Lieder. Wegbegleiter erinnern sich… / „Amors Becher“

  1. davidwonschewski
    22. September 2015

    Lieber Sebastian, dank dir!
    Ich beibe zwar dabei – der Reim mit den „Venen“ macht arg aua und sollte auch Idolen verboten sein oder aber Nicht.Idole sollten zusehen Idole zu sein, bevor sie solche Reime tätigen.

    Der Inhalt aber haut es raus. Und wir verzeihen ihm diese kurze Unbeholfenheit,

  2. Karl
    20. September 2015

    Hat dies auf Kall's Einwürfe rebloggt und kommentierte:
    Hiermit wäre ich wieder up to date mit der Reihe. Ich hoffe es war noch nicht der letzte Teil, der dazu erschien. Ich fand das sehr spannend bisher und habe ein paar Stücke gehört, die ich noch nicht kannte. Sthlin war ja nicht so öffentlich sichtbar wie manch anderer Künstler inklusive einige seiner „Schüler“.
    Es gibt auf EAL auch ein längeres Interview mit Stählin aus 2013.
    https://einachtellorbeerblatt.wordpress.com/2013/02/18/christof-stahlin-alles-sago-oder-was/

  3. roterbaer
    19. September 2015

    Danke Sebastian! :-)

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